30 Jahre Mauerfall Vacha und Philippsthal: Gelebte Einheit an Ex-Grenze im Werratal

Im Werratal war einst für Thüringer wie für Hessen die Welt zu Ende. Die streng bewachten Grenzanlagen trennten Familien und Nachbarorte, zerschnitten eine Flusslandschaft. Vor 30 Jahren änderte sich das schlagartig. Heute ist das Zusammenleben längst Alltag.

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

von Ruth Breer

Zwischen Vacha und Philippsthal öffnet sich am 12. November 1989 die Grenze. Die Menschen strömen zu Fuß über die bis dahin streng bewachte Werrabrücke. Von Oberzella her knattern Trabant und Wartburg nach Hessen.

30 Jahre Mauerfall Wo einst die Grenze im Werratal verlief

Auf der Werrabrücke in Vacha standen bis 1989 zu beiden Seiten hohe Mauern und ein Wachturm. Heute wird immer wieder auf der Brücke gefeiert - und an die Grenzöffnung vor 30 Jahren erinnert.

Ehemaliger Wachturm an der Grenze
Ein ehemaliger Wachturm an der einstigen innerdeutschen Grenze. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ehemaliger Wachturm an der Grenze
Ein ehemaliger Wachturm an der einstigen innerdeutschen Grenze. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Schild an Straße mit Hinweis zur innerdeutschen Grenze.
Das Schild erinnert an die Grenzöffnung. Am 12. November 1989 riss der Strom der Trabant und Wartburg aus Richtung Oberzella nach Hessen nicht ab. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Brücke aus Stein.
Die historische Werrabrücke in Vacha heißt heute "Brücke der deutschen Einheit". Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Steinbrücke über die Werra.
Heute wird immer wieder auf der Brücke gefeiert - und an die Grenzöffnung vor 30 Jahren erinnert. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ein Ehepaar nahe der ehemaligen Grenze.
Die Eheleute Weis gehen am 9. November jedes Jahr über die Vachaer Werrabrücke - als Erinnerung an alles, das mit dem Ort verbunden ist. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Wasserhäuschen mit blauer Bemalung
Selbst das Wasserhäuschen erinnert mit der Gestaltung an Grenze und Grenzöffnung - dahinter der Wachturm, der heute besichtigt werden kann. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Haus Hoßfeld mit Infotafel.
Das Haus wurde einst aus steuerlichen Gründen auf thüringischem und preußischen Gebiet zugleich errichtet. Zu DDR-Zeiten führte das zu größeren Problemen - erst ab 1976 konnte die Besitzerin auch das thüringische Zwölftel des Hauses wieder nutzen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Christian Schäfer von der Gemeindeverwaltung Philippsthal vor dem damaligen Rathaus.
Christian Schäfer von der Gemeindeverwaltung Philippsthal vor dem damaligen Rathaus. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Das damalige Rathaus von Philippsthal
Das damalige Rathaus von Philippsthal. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Der Vachaer Bürgermeister Martin Müller
Der Vachaer Bürgermeister Martin Müller (CDU). Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Der Philippsthaler Bürgermeister Ralf Orth
Der Philippsthaler Bürgermeister Ralf Orth (CDU). Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Steinbrücke über die Werra
Auf der Brücke standen bis 1989 zu beiden Seiten hohe Mauern und ein massiver Wachturm. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
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Mit dabei ist die Familie des heutigen Bürgermeisters von Vacha, Martin Müller (CDU). Er war 1989 gerade eingeschult worden und erinnert sich gut daran, wie die Menschen in Hessen entlang der Straße Spalier standen und Orangen und Bananen in den himmelblauen Trabant warfen. Bis zum Jahresende wurden allein im Rathaus von Philippsthal rund 6,4 Millionen Euro Begrüßungsgeld ausgereicht, berichtet der damalige Ordnungsamtsleiter Christian Schäfer. Als eine der ersten praktischen Hilfen sorgte die Verwaltung in Philippsthal dafür, dass an der Vachaer Werrabrücke eine Telefonzelle aufgebaut wurde.

Hessen oder Thüringen? Kaum mehr auszumachen

Der Philippsthaler Bürgermeister Ralf Orth
Der Bürgermeister von Philippsthal, Ralf Orth ... Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Heute ist im Werratal mit seiner verschlungenen Grenze auf den ersten Blick kaum mehr auszumachen, ob ein Dorf zu Hessen oder zu Thüringen gehört. Oft hilft nur der Blick auf das Ortsschild. Im Alltag ist das Miteinander inzwischen selbstverständlich: So trainiert ein Hesse die Fußballer in Vacha - und ein Thüringer leitet einen Chor in Philippsthal.

Wie sehr die Region zusammengewachsen ist, stellt der Philippsthaler Bürgermeister Ralf Orth (CDU) bei seinen "Babybesuchen" fest. In den Familien mit Neugeborenen sei fast immer mindestens ein Partner aus Thüringen. Für Orth ist die deutsche Einheit an der einstigen Nahtstelle der Grenze vollzogen.

Noch immer mehr Ost-West-Pendler als umgekehrt

Der Vachaer Bürgermeister Martin Müller
... und sein Vachaer Kollege Martin Müller. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Dass sich eher die Thüringer nach Hessen aufgemacht haben als umgekehrt, ist eine Folge der Nachwendezeit. Die sei in der Grenzregion anders verlaufen als weiter östlich, sagt der Vachaer Bürgermeister Martin Müller. Auch hier brachen Betriebe und ganze Industrien weg, aber die Menschen hatten viel eher die Chance, auf hessischer Seite neue Arbeit zu finden. Die Probleme durch Brüche in der Erwerbsbiografie waren die gleichen, aber es gab einfachere Lösungen.

Heute haben sich die Arbeitslosenquoten diesseits und jenseits der Landesgrenze angeglichen, auch wenn immer noch mehr Menschen von Ost nach West pendeln als umgekehrt. "Am Ende gehen die Leute dahin arbeiten, wo sie das beste Angebot bekommen", sagt Bürgermeister Müller.

Moment der Geschichte Grenzöffnung zwischen Philippsthal und Vacha 1989

Grenzöffnung Philippsthal-Vacha Im Jahr 1989
Der 9. November 1989 war ein historischer Tag in der deutschen Geschichte. Viele Zeitzeugen machten Aufnahmen vom Fall der Mauer. So auch Kilian Heck, dessen Fotos von der Grenzöffnung bei Vacha wir hier veröffentlichen. Bildrechte: Kilian Heck
Grenzöffnung Philippsthal-Vacha Im Jahr 1989
Der 9. November 1989 war ein historischer Tag in der deutschen Geschichte. Viele Zeitzeugen machten Aufnahmen vom Fall der Mauer. So auch Kilian Heck, dessen Fotos von der Grenzöffnung bei Vacha wir hier veröffentlichen. Bildrechte: Kilian Heck
Grenzöffnung Philippsthal-Vacha Im Jahr 1989
Der 9. November 1989 war ein historischer Tag in der deutschen Geschichte. Viele Zeitzeugen machten Aufnahmen vom Fall der Mauer. So auch Kilian Heck, dessen Fotos von der Grenzöffnung bei Vacha wir hier veröffentlichen. Bildrechte: Kilian Heck
Grenzöffnung Philippsthal-Vacha Im Jahr 1989
Der 9. November 1989 war ein historischer Tag in der deutschen Geschichte. Viele Zeitzeugen machten Aufnahmen vom Fall der Mauer. So auch Kilian Heck, dessen Fotos von der Grenzöffnung bei Vacha wir hier veröffentlichen. Bildrechte: Kilian Heck
Grenzöffnung Philippsthal-Vacha Im Jahr 1989
Der 9. November 1989 war ein historischer Tag in der deutschen Geschichte. Viele Zeitzeugen machten Aufnahmen vom Fall der Mauer. So auch Kilian Heck, dessen Fotos von der Grenzöffnung bei Vacha wir hier veröffentlichen. Bildrechte: Kilian Heck
Grenzöffnung Philippsthal-Vacha Im Jahr 1989
Der 9. November 1989 war ein historischer Tag in der deutschen Geschichte. Viele Zeitzeugen machten Aufnahmen vom Fall der Mauer. So auch Kilian Heck, dessen Fotos von der Grenzöffnung bei Vacha wir hier veröffentlichen. Bildrechte: Kilian Heck
Grenzöffnung Philippsthal-Vacha Im Jahr 1989
Der 9. November 1989 war ein historischer Tag in der deutschen Geschichte. Viele Zeitzeugen machten Aufnahmen vom Fall der Mauer. So auch Kilian Heck, dessen Fotos von der Grenzöffnung bei Vacha wir hier veröffentlichen. Bildrechte: Kilian Heck
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Wie die Kommunen zusammenarbeiten

Die Stadt Vacha hat noch nicht wieder die Bedeutung zurückerlangt, die sie vor der deutschen Teilung im Werratal hatte. Vacha und Philippsthal arbeiten nach wie vor gut zusammen, wie beide Bürgermeister bestätigen. Begrenzt wird das allenfalls von der Landes- und Kreisgrenze, sagt Müller. Anderes Schulsystem, andere Zuständigkeiten, aber "nichts Weltbewegendes". Gemeinsam ziehen sie beispielsweise im Tourismus an einem Strang, wenn es um den Werratalradweg geht oder das Wasserwandern auf dem Fluss.

Historische Luftaufnahme nach dem Mauerfall an der deutsch-deutschen Grenz in Vacha von 1992.
Historische Luftaufnahme von 1992 mit Vacha (rechts unten) und Philippsthal (rechts oben). Bildrechte: GDI-Th, Freistaat Thueringen, TLVermGeo

Ein gemeinsames Thema ist auch der Kalibergbau. Da pflegen die Bürgermeister aller betroffenen Bergbau-Gemeinden einen kurzen Draht über die Landesgrenze hinweg. Sie profitieren gleichermaßen von einem Förderpaket des Bundes, dem "Werra-Ulster-Weser-Fonds", der die Folgen des Kalibergbaus in der Region abmildern soll. Als Beispiel nennt Orth das Projekt "Werratal-Radarena", mit dem Radwege erschlossen und zusammengeführt werden sollen. Außerdem arbeiten Gemeinden auf beiden Seiten der Landesgrenze an Entwicklungskonzepten, wie es nach dem Ende des Rohstoffs Kali weitergehen soll.

"Meine Tochter wohnt jetzt drüben"

Und was sagen die Menschen auf der Thüringer Seite zum Zusammenleben mit den hessischen Nachbarn? "Ich bin da eigentlich nicht viel", antwortet ein älterer Mann auf dem Markt und meint: in Philippsthal. Doch, ihre Tochter wohne jetzt drüben, sagt eine Frau – und muss selber über das "drüben" lachen. Sie sagt, die Hessen hätten doch selber an der Grenze gelebt, "genauso eingepfercht wie wir, dasselbe in Grün".

Für Gisela und Manfred Weis aus Dorndorf ist das Miteinander an der einstigen Grenze ganz selbstverständlich geworden. Nur die Straße von Oberzella nach Philippsthal zu fahren, das werde für sie nie normal sein, sagen beide: da werden sie immer daran denken, wie sie am 12. November 1989 schon in der Nacht im Auto anstanden, um über die Grenze zu fahren.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 10. November 2019 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2019, 06:00 Uhr