5 Buchstaben ergeben ein Wort: Warum plötzlich jeder Wordle spielt

Es hat ein bisschen was von einem Online-Kreuzworträtsel – und ist der neueste Hype im Internet. Doch Wordle macht nicht nur Spaß, dahinter steckt auch eine tolle Geschichte. Naja, eigentlich sogar zwei.

Screenshot Wordl
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Es ist eine Geschichte, die fast zu gut klingt, um wahr zu sein. Aber offenbar stimmt sie. Es ist die Geschichte von Josh Wardle. Der New Yorker arbeitet als Softwareentwickler. Und im vergangenen Jahr wollte er seiner Partnerin Palak Shah eine Freude machen. Beide lieben Wortspiele und das Kreuzworträtsel der „New York Times“ – und so entschied sich Josh, für seine Liebste ein kleines Rätsel zu erfinden: Gesucht wird ein englisches Wort mit genau fünf Buchstaben – und zwar jeden Tag ein neues. Man hat maximal sechs Versuche, um es zu erraten.

Nach jeder Runde von Wordle – so hat Josh das Spiel wegen seines Nachnamens genannt - bekommt man Hinweise, Buchstabe für Buchstabe: Wenn man den richtigen Buchstaben an der richtigen Stelle hat, leuchtet ein Feld grün auf. Wenn man einen richtigen Buchstaben an der falschen Stelle platziert hat, wird das Feld gelb. Und kommt der Buchstabe gar nicht vor, bleibt das Feld grau.

Klingt simpel? Ist es auch. Und süchtig machend!

Das haben zuerst Josh und Palak festgestellt, später auch deren Familien und Freunde, mit denen sie ihre neue Leidenschaft per WhatsApp teilten. Im Oktober stellte Josh das Spiel dann auf einer extrem simplen, werbefreien Webseite ins Netz. Die Zahl der Nutzer ging steil nach oben, im November waren es immerhin schon 90.

Bananenbrot, Sauerteig – und Wordle

Warum wir euch das alles erzählen? Weil die Nutzerzahl seitdem noch ein bisschen gewachsen ist. Anfang Januar spielten nämlich so um die 300.000 Menschen Wordle. Seitdem dürfte die Zahl noch einmal stark gestiegen sein. Das Spiel ist der neueste Internet-Hype. „Was Bananenbrot und Sauerteig für die Corona-Anfangszeit, das ist Wordle in Zeiten von Omikron“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Wordle bedeute Reduktion inmitten der Online-Überflutung – und es sei inmitten der Pandemie endlich etwas, das bewältigt werden könne.

„Ich glaube, die Leute wissen es zu schätzen, dass es diese Sache online gibt, die einfach nur Spaß macht“, sagt Erfinder Josh. „Es wird nicht versucht, irgendetwas Zwielichtiges mit Ihren Daten oder Ihren Augäpfeln zu tun. Es ist einfach ein Spiel, das Spaß macht.“ Er wolle die Nutzer auch nicht mit Werbung oder Pop-Ups auf ihrem Smartphone nerven. Er habe etwas schaffen wollen, das drei Minuten am Tag beansprucht, mehr nicht.

Vorrate für mehrere Jahre

Wie lange der Hype anhalten wird? Niemand weiß es. Genug Worte gibt es jedenfalls. Die englische Sprache verfügt, theoretisch gesehen, über etwa 12.000 Begriffe mit fünf Buchstaben. Doch viele davon kennt kaum jemand, selbst wenn er oder sie Englisch als Muttersprache hat. Also durfte Joshs Partnerin Palak noch ein Spiel spielen: Sie durfte entscheiden, welche Begriffe auf der Liste sie kennt – und nur nach denen fragt Wordle nun seine Nutzer. Das sind aber immer noch 2500, der Vorrat reicht also für ein paar Jahre.

Und wer jetzt sagt: Klingt spannend, aber mein Englisch ist nicht so gut – inzwischen gibt es auch eine deutsche Variante von Wordle. Sie stammt vom österreichischen Entwickler Philipp Hübner. Er hat knapp 9000 Wörter hinterlegt. Davon sucht sich die Software täglich aus rund 2000 Begriffen ein Rätselwort heraus. Sonst ist das Spielprinzip komplett gleich zum Original – allerdings kommen hier auch gebeugte Verben oder Vergangenheitsformen vor, was es in der englischen Fassung nicht gibt.

Aber wir hatten euch ja ganz zu Anfang dieses Textes versprochen, dass es sogar zwei Geschichten zu Wordle gibt – und euch bisher erst eine erzählt, die von Josh und Palak. Die zweite kommt jetzt. Es ist die von Steven Cravotta. Der hatte vor Jahren nämlich eine App namens Wordle entwickelt, die nichts mit dem aktuellen Spiel zu tun hat. Nach etwa 100.00 Downloads entschied er sich, die App nicht mehr weiterzuentwickeln oder zu bewerben.

Weil im App-Store nun aber aktuell verstärkt Leute nach Joshs Wort-Rätsel suchten, landeten sie bei Stevens alter App. Innerhalb weniger Tage schossen die Downloads auf 200.000 nach oben – und auf einmal gab es wieder Einnahmen für Steven. Der entschied sich aber, das Geld nicht behalten zu wollen und nahm Kontakt zu Josh auf. „Ich dachte mir, wir könnten aus diesem sehr seltsamen, einmaligen Szenario etwas Tolles machen“, so Steven. Die beiden entschieden sich, dass das Geld für einen wohltätigen Zweck gespendet wird – und zwar um Jugendliche in der kalifornischen Stadt Oakland fitter im Lesen und Schreiben zu machen.

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