Was wäre, wenn wir Menschen Winterschlaf machen können?

Einfach mal im kommenden Frühjahr aufwachen und die kalte, dunkle und fiese Zeit bis dahin verschlafen. Das klingt nach einem Plan. Doch wahrscheinlich würde uns unser Gehirn da einen Strich durch die Rechnung machen.

Kleiner Junge mit Mütze und Teddy im Bett (Symbolbild)
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Es gäbe ja gleich mehrere gute Gründe. Das ist zum einen natürlich die aktuelle Corona-Situation. Sie ist nervig, sie ist traurig und sie macht sehr, sehr müde. Zum anderen haben wir gerade auch ein paar der kürzesten Tage des Jahres, an denen es nachmittags um fünf schon stockfinster draußen ist.

Einfach in der schönen Jahreszeit maximal ausgeruht erwachen

Feldweg im Fruehling
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Warum sollten wir also nicht einfach mal dieses – wie wir finden ziemlich attraktive – Gedankenexperiment unternehmen: Wie wäre es eigentlich, wenn wir Menschen Winterschlaf halten könnten? Ist es wirklichso attraktiv wie es gerade klingt, einfach erst im kommenden Frühjahr aufzuwachen und die kalte, dunkle und fiese Zeit bis dahin zu verratzen? Spoiler Alarm: Wäre es nicht, leider! Und das obwohl sogar Raumfahrtorganisationen wie die Nasa sich für entsprechende Forschungen interessieren, um ihre Raumfahrerinnen und Raumfahrer einst mit leichtem Gepäck auf lange Reisen durch das All schicken zu können.

Bei Tieren gibt es unterschiedliche Formen von Winterschlaf

Schauen wir mal ins Tierreich. Da muss man zunächst einmal klarstellen, dass längst nicht alles ein Winterschlaf ist, was danach aussieht. Manch eine oder einer erinnert sich vielleicht noch an den Bio-Unterricht in der Schule: Verschiedene Arten überstehen den Winter nämlich ganz unterschiedlich. Murmeltiere sind echte Winterschläfer. Bei ihnen fällt die Körpertemperatur von 39 auf sieben bis neun Grad Celsius, der Herzschlag von 100 auf manchmal nur zwei bis drei Schläge pro Minute, die Atempausen werden minutenlang.

Auch Igel oder Fledermäuse schlafen auf ähnliche Weise. Doch viele andere Arten halten stattdessen nur Winterruhe. Bei ihnen bleibt die Körpertemperatur gleich. Das heißt: Der Stoffwechsel wird heruntergefahren, die Nahrungsaufnahme reduziert. Die Temperaturkontrolle bleibt aber aktiv. Dachs, Eichhörnchen, Waschbär und Braunbär gehören zu diesen Spezies. In diese Gruppe würden wohl auch wir Menschen uns einsortieren. Wenn unsere Körpertemperatur nicht einigermaßen konstant ist, können wir nicht leben. Statt eines Winterschlafs würden wir also Winterruhe machen.

Anstrengende Ruhe

Das könnte man jetzt als Wortklauberei abtun. Doch die Winterruhe ist offenbar auch noch ziemlich anstrengend. Das wissen Forscherinnen und Forscher durch die Auswertung von Hirnströmen bei Tieren. Die sehen in der Winterruhe nämlich anders aus als beim „normalen“ Schlaf. Und das hat offenbar damit zu tun, dass sich die Tiere nicht erholen können. Ganz im Gegenteil, sie häufen in der Winterruhe offenbar sogar ein Schlafdefizit auf. Wieder andere Forschungen berichten etwa bei Hamstern gar von Schäden am Zentralen Nervensystem durch die winterliche Ruhepause. Reinhard Klenke vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig sagt:

Mit Schlaf hat der Winterschlaf eigentlich gar nichts zu tun. Früher dachte man, die Tiere schlafen im Winter – dabei gehen sie in einen absoluten Sparzustand, bei dem eine Erholung nicht gewährleistet ist. Manche Tiere wachen auf und müssen tatsächlich erst einmal schlafen.

Steile These dank alter Knochen

Wenn man sich das mal für sich selbst überlegt: Sich müde, vielleicht sogar krank schlafen - das klingt doch nach einer doofen Idee. Apropos doof: Wenn Verbindungen zwischen den Neuronen unseres Gehirns nicht genutzt werden, können sie verschwinden. Und wer im Winter dösend monatelang ohne Sinneseindrücke bleibt, dem könnte womöglich genau das drohen.

Andererseits ist es nicht ganz ausgeschlossen, dass wir Menschen vor vielen, vielen tausend Jahren einmal Winterruhe gehalten haben. Das besagt eine – umstrittene – Theorie auf Basis von mehr als 400.000 Jahre alten Knochenfunden aus einer Höhle bei Burgos in Nordspanien. Diese stammen von Neandertalern oder ihren unmittelbaren Vorgängern. Und sie, so argumentieren manche Forschende, weisen Wachstumsspuren auf, die man bisher nur von Knochen winterschlafender Säugetiere kannte. Konkret geht es um ein gestörtes Knochenwachstum im Verlauf mehrerer Monate eines jeden Jahres.

Theoretisch könnte das ein Hinweis auf verschlafene Monate sein – vielleicht ist das aber auch eine zu steile These. Kritiker argumentieren, dass unser Gehirn viel zu viel Energie benötigen würde, um Winterruhe zu halten. Das mag bei den Neandertalern vielleicht noch anders gewesen sein, wir sind aber im Zweifel einfach zu schlau für einen Dauerschlaf.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 04. Dezember 2021 | 14:40 Uhr

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