Zurück zur Normalität? Diskussion um Schulstart nach den Sommerferien

In einer aktuellen Studie hat der Distanzunterricht während der Corona-Krise schlecht abgeschnitten. Wie soll es nach den Sommerferien weitergehen?

Schüler mit Mund-Nasenschutz in Schule in Hamburg
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Der Distanzunterricht in der Corona-Krise hat in einer aktuellen Studie ein schlechtes Zeugnis bekommen. Forscherinnen und Forscher der Frankfurter Goethe-Universität haben sich dazu Daten aus der ganzen Welt angesehen und herausgefunden, wie die coronabedingten Schulschließungen sich auf die Leistungen und Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern ausgewirkt haben. Laut Professor Andreas Frey, einem der Autoren der Studie, sind die Ergebnisse ernüchternd:

Die durchschnittliche Kompetenzentwicklung während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 ist als Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen zu bezeichnen und liegt damit im Bereich der Effekte von Sommerferien.

Was besonders deutlich wurde, ist dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Haushalten es besonders schwer hatten:

Hiermit sind die bisherigen Vermutungen durch empirische Evidenz belegt: Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich während der ersten coronabedingten Schulschließungen noch weiter geöffnet.

Auch die Studie „Gestaltung des Distanzunterrichts II“, die die TU Dortmund gemeinsam mit der Universität Marburg durchgeführt hat, zeigt ähnliche Ergebnisse. Dabei sei die Umsetzung des Distanzunterrichts an Schulen sehr unterschiedlich, so Prof. Ricarda Steinmayr:

Während einige Schulen beispielsweise immer noch keinen Unterricht per Videokonferenz durchführen, findet an anderen Schulen, die über dieselben Lernplattformen verfügen, der Distanzunterricht bereits dem Stundenplan entsprechend statt.

Eltern wünschten sich in der Befragung besonders häufig mehr Videokonferenzen, aber auch mehr Feedback und mehr Austausch mit den Lehrkräften. Viele berichten auch, dass ihre Kinder durch den Wegfall der sozialen Kontakte und der Freizeitaktivitäten sowie durch die Schulschließungen belastet und sie selber durch die häusliche Beschulung gestresst sind. Auch im letzten Lockdown sei es nicht gelungen, den Distanzunterricht für alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen zu realisieren:

Homeschooling während des Lockdowns-ein Schüler zu Hause beim Lernen
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Dies, in Kombination mit der hohen Belastung von vielen Eltern und deren Kindern aufgrund der häuslichen Beschulung, spricht dafür, dass es dringend an der Zeit ist, alle Möglichkeiten für den Präsenzunterricht während der Pandemie auszuschöpfen und Distanzunterricht lediglich als Ultima Ratio zu betrachten.

Die Inzidenzen sanken in den letzten Wochen immer weiter und die Corona-Beschränkungen wurden gelockert. Viele Schulen sind bereits vor den Sommerferien in den Präsenzunterricht gegangen. Nun werden die Fallzahlen der ansteckenderen und gefährlicheren Delta-Variante des Coronavirus jedoch größer und Kinder sind überwiegend ungeimpft. Worauf sollen wir uns also nach den Sommerferien einstellen: Distanz- oder Präsenzunterricht?

KMK für Präsenzunterricht

Die Kultusministerkonferenz hat sich zum Thema Schulöffnung nach den Sommerferien beraten und spricht sich deutlich dafür aus:

Zur Gewährleistung des Rechts auf Bildung von Kindern und Jugendlichen streben die Länder an, dass alle Schülerinnen und Schüler spätestens nach den Sommerferien wieder in einem regulären Schulbetrieb nach geltender Stundentafel in den Schulen vor Ort und in ihrem Klassenverband oder in einer festen Lerngruppe unterrichtet werden.

Die Länder sollen die Digitalisierung des Lehrens und Lernens trotzdem weiter vorantreiben. Man will diesmal besser gewappnet sein - falls im Herbst doch der nächste Lockdown vor der Matte steht. Die Lernplattformen sollen weiter ausgebaut werden und Lehrkräfte die nötige Fortbildung erhalten. Es wird auch einer der Kritikpunkte der Studie von der TU Dortmund aufgegriffen:

Um soziale Disparitäten zu vermeiden und Bildungsgerechtigkeit herzustellen, werden die Länder auch besonderes Augenmerk auf den Zugang von Schülerinnen und Schülern zu digitalen Unterrichtsformen sowie auf spezifische Angebote für Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf legen.

Zwei Schülerinnen mit Mund- und Nasenschutz beraten sich im Unterricht in einem Geographie-Seminar in der Jahrgangsstufe elf am staatlichen Gymnasium Trudering über ein Arbeitsblatt.
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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stellt klar, dass Corona-Maßnahmen in den Schulen noch längere Zeit aufrechterhalten werden müssten. Auch bei niedrigen Inzidenzen im Herbst und Winter würden Maßnahmen wie Maskenpflicht oder auch Wechselunterricht notwendig sein. Auch der Verband Bildung und Erziehung beispielsweise hatte vor einer zu frühen Abkehr von Schutzmaßnahmen gewarnt. Die Sommerferien sollen für die Aufrüstung der Schulen genutzt werden.

Luftfilter in Schulen

Der Bund will Schulen und Kitas beim Einbau von Luftfiltern unterstützen. Seit Freitag, dem 11. Juni, kann die finanzielle Förderung beantragt werden, um die Gebäude mit Luftfilteranlagen auszustatten. Diese sollen dabei helfen, die Ausbreitung von Aerosolen in den Räumen und damit ein höheres Infektionsrisiko mit dem Coronavirus zu vermeiden. Pro Einrichtung gibt es maximal 500.000 Euro. Es besteht kein Anspruch für mobile Luftfilter, Umbauten an Fenstern oder sogenannte Klappenlüftungen und für Einrichtung, die bereits Mittel aus Fördertöpfen des jeweiligen Bundeslandes oder der EU erhalten.

Gefährdet die Delta-Variante die Schulöffnungen?

Nach Einschätzung des Charité-Virologen Christian Drosten muss Deutschland die Delta-Variante in der Pandemie ab sofort ernst nehmen:

Ich bin mittlerweile so weit, dass ich sage, wir sind hier jetzt im Rennen in Deutschland mit der Delta-Variante. Wir müssen das ab jetzt wirklich ernst nehmen.

Noch liegen die Werte auf einem vergleichsweise niedrigem Niveau. Für die erste Juniwoche hatte sich der Anteil der Delta-Variante in Deutschland jedoch innerhalb von nur einer Woche auf sechs Prozent fast verdoppelt. Drosten berichtet:

Vom Gefühl her kann ich sagen, uns rufen immer mehr Leute an, die Ausbrüche beschreiben, immer mehr Labore. Das erinnert mich an den Beginn der B.1.1.7-Epidemie in Deutschland, wo es genauso war.

Linken-Politikerin Regina Kittler betont, dass man die Inzidenzwerte in den Ferien beobachten müsse. Es wird nicht ausgeschlossen, dass bei Infektionsgeschehen einzelne Schulen wieder in den Wechselunterricht übergehen.

Mit Material von dpa, ZDF, Tagesschau, TU Dortmund, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 21. Juni 2021 | 06:00 Uhr

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