Wie uns offene Fenster vor Corona schützen können

Lange Zeit haben Experten einen wichtigen Weg bei der Verbreitung des Sars-CoV-2-Virus unterschätzt: winzig kleine Aerosole. Welche große Rolle sie spielen, wird vielen erst so langsam klar. Zeit für ein paar Tipps.

Coronavirus, umgeben von anderen Krankheitserregern
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Das waren noch Zeiten! Vor einem halben Jahr, so ungefähr, konnte man das Wort „Aerosole“ noch hören, mit den Schultern zucken und denken, dass es sich dabei ja vielleicht um die Unterseite teurer amerikanischer Sportschuhe handelt. Und wenn nicht, war es auch egal.

Heute sind wir dagegen alle schlauer, leider.

Denn neben verunreinigten Oberflächen und größeren Flüssigkeitstropfen, die etwa beim Niesen entstehen, stellen Aerosole – winzige Partikel, die viel kleiner sind als der Durchmesser eines Haares – einen entscheidenden Weg für die Verbreitung des Sars-CoV-2-Erregers dar. Das wissen Experten mittlerweile. Und doch hat es lange Zeit gedauert, bis Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Robert Koch-Institut (RKI) die Gefahr durch Aerosole richtig ernst genommen haben. Manche Experten sagen sogar: Die Behörden unterschätzen bis heute das Risiko, das von den winzigen Partikeln ausgeht.

"Es scheint klar zu sein, dass Aerosole bei der Übertragung von Covid-19 wichtiger sind, als wir noch vor sechs Monaten dachten - und sicherlich wichtiger, als die Gesundheitsbehörden sie derzeit ausgeben“, klagt zum Beispiel der Chemiker José-Luis Jimenez University of Colorado-Boulder. Forscher haben vorgerechnet, dass das Corona-Risiko in Innenräumen wegen der Aerosole rund 20 Mal so hoch ist wie draußen, wo sich die Partikel in der frischen Luft schnell verdünnen.

Die AHA-Regeln sollten am besten ergänzt werden

Das Robert Koch-Institut (RKI) warnt zwar, bei längerem Aufenthalt in kleinen, schlecht oder nicht belüfteten Räumen könne sich die Wahrscheinlichkeit einer Corona-Übertragung auch über eine größere Distanz als zwei Meter erhöhen. Aber insgesamt sind immer noch die von der Bundesregierung zum Seuchenschutz favorisierten sogenannten AHA-Regeln der Maßstab im Kampf gegen Corona: Abstand, Hygiene, Alltagsmasken.

Doch diese Regeln zielen vor allem darauf, die Virenverbreitung durch kontaminierte Oberflächen und Tröpfchen zu verhindern. Gegen Aerosole sind sie nicht wirklich ausreichend. Deswegen wäre es eigentlich an der Zeit, noch mindestens einen weiteren Buchstaben anzufügen. Ein „F“ nämlich. Das könnte für Frischluft stehen, zum Beispiel. Oder für „Fenster auf“.

Denn frische Luft ist, wie es aussieht, das beste Mittel gegen Aerosole.

Die kleinen Teilchen sind ständig in der Luft uns herum. Sie entstehen zum Beispiel beim Sprechen oder beim Singen. Und anders als die im Vergleich deutlich größeren Tröpfchen, können die kleinen Teilchen lange in der Schwebe bleiben. Man kann sich das vielleicht vorstellen wie den Rauch einer Zigarette. Der hängt auch ewig im Raum. „Größere Partikel sinken schneller zu Boden. Kleinere Partikel folgen dem Luftstrom und können lange in der Luft verbleiben“, sagt Martin Kriegel vom Hermann-Rietschel-Institut an der TU Berlin.

Untersuchung im Krankenzimmer

Forscher der University of Florida haben in einer vorläufigen Forschungsarbeit zeigen können, dass die Erreger dabei tatsächlich noch infektiös sein können. Das Team hatte die Luft im Krankenzimmer eines Covid-19-Patienten untersucht - und war fündig geworden. Und zwar auch auf eine Distanz von fünf Metern. So viel zum Thema Abstand.

Weil virenbelastete Aerosole so klein sind, können sie, wenn wir sie einatmen, direkt in die Lunge zu den Lungenbläschen gelangen. Dort können sich die Erreger dann vermehren. Die Grundregel lautet: Je mehr Viren man einatmet, desto höher das Infektionsrisiko. „Laut meinen amerikanischen Kollegen von der Harvard Uni reichen wahrscheinlich 300 bis 1000 Viren aus, um eine Infektion auszulösen“, sagt der frühere Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, Gerhard Scheuch.

Dafür, dass wir nicht so viele Viren einatmen, selbst wenn sich im Raum ein mit dem Coronavirus Infizierter ist, soll eben die Frischluft sorgen. Denn sie hilft, die Konzentration der Viren in der Atemluft wieder zu senken. Das kann man natürlich auch mit speziellen Filtern erreichen, aber im Grundsatz ist das gar nicht nötig – wenn man denn richtig lüftet.

Fenster auf. Alle. Und zwar richtig.

Ein gekipptes Fenster reicht allerdings nicht aus. Das vielleicht auch so als Tipp für den Schulstart bei uns in der Region. Dieter Scholz vom Department Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg sagt: Eine Querlüftung, zum Beispiel mit geöffneten Fenstern, wäre das Beste. 

Wie groß die Aerosolbelastung in einem bestimmten Raum ist, hängt auch davon ab, was dort passiert: In Fitnessstudios wird trainiert und deswegen schnell geatmet – die Folge sind eher viele Aerosole. Auch in einem Klassenzimmer mit vielen schreienden Kindern, kann sich einiges in der Luft ansammeln, ebenso in einer Kneipe. In einem Büro sollte es dagegen ruhiger zugehen – und damit im Idealfall etwas weniger gefährlich.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 29. August 2020 | 13:40 Uhr

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