Wie unser Bauchgefühl uns im Stich lässt

Jede und jeder von uns steht immer wieder einmal vor fundamentalen Entscheidungen. Und Durchmogeln gilt nicht. Wie sehr sollten wir dann auf unsere innere Stimme vertrauen?

Mann sitzt auf dem Sofa und kneift sich in den Bauch, da er zugenommen hat.
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Dem manchmal nervigen Partner noch eine Chance geben? In welche Kita und Schule die Kinder schicken? Dem blöden Chef endlich mal Tschüss sagen und auf die Suche nach einem neuen Job gehen? Jede und jeder von uns steht immer wieder einmal vor fundamentalen Entscheidungen. Nicht jeden Tag, klar, aber regelmäßig. Und wirklich dauernd stehen einfachere Fragen an, die aber auch anstrengend sein können: Wo in Corona-Zeiten Urlaub machen? Wie groß die Jugendweihe-Feier planen? Auf welchen „todsicheren“ Finanztipp hören?

Wohl die meisten von uns kennen auch einen Song, der die Probleme gut beschreibt - „Jein“ von Fettes Brot:

Soll ich's wirklich machen oder lass ich's lieber sein? Jein.

Aber Durchmogeln geht oft nicht, eine Entscheidung muss her. Nur wie trifft man die am besten? Eine Möglichkeit ist, auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Doch dummerweise warnen Experten genau davor.

So gut wie ein Affe

Mit Intuition liegt man zu 50 Prozent richtig und zu 50 Prozent falsch. Da kann man auch einen Affen befragen

Das sagt der Schweizer Autor Rolf Dobelli. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, die sich unter anderem mit Entscheidungsfindung und Lernen befassen. Sein Argument: Auf das Bauchgefühl kann man sich bestenfalls in Themengebieten verlassen, wo man sich auskennt.

Wenn es dagegen um grundlegende neue Entscheidungen geht oder um Krisen, sollten wir uns Zeit nehmen, um nachzudenken und die Denkfallen durchzugehen

so Dobelli.

Ein wildlebender Schimpanse
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Wie sehen diese Denkfallen aber nun aus? Am wohl weitesten verbreitet, so der Autor, ist es, fast nur die Informationen aufnehmen, die zu dem passen, was wir sowieso schon denken. Das heißt, wir bestätigen unser Weltbild gern selbst – und unser Gehirn filtert all das automatisch heraus, was nicht zu unserer Denkstruktur passt.

Deshalb ist es wichtig, gegen die eigenen Lieblingstheorien anzukämpfen. Das ergibt ein klareres Bild von der Welt.

Probleme ergeben sich auch daraus, dass wir Dingen automatisch mehr Wert beimessen, für die wir viel Zeit aufgewendet haben. Dabei war das vielleicht auch nur einfach nutzlos – aber das wollen wir uns nicht unbedingt eingestehen. Und eine weitere Denkfalle ist es, dass wir sozusagen oft nur das Ergebnis sehen – und wenn wir dann auf einigermaßen erfolgreiche Menschen blicken, dann denken wir, die hätten alles richtig gemacht. Dabei sei Erfolg immer eine Mischung aus Fähigkeiten und Zufall, sagt Dobelli.

Die Zufallskomponente blenden wir jedoch meist aus.

Wir wollen immer etwas tun – auch wenn das nicht sinnvoll ist

Klar ist: Unser Bauch und unser Hirn kommunizieren tatsächlich. Das hat sicher auch schon jede und jeder mal am eigenen Leib erfahren, wenn einem schlecht ist vor Angst oder man verliebt ist und Schmetterlinge im Bauch hat. Und manche Experten stehen dem Bauchgefühl auch nicht ganz so kritisch gegenüber wie Autor Dobelli. So rät der Neurowissenschaftler Antonio Damasio von der University of Southern California bei der Entscheidungsfindung durchaus darauf zu achten, ob sich etwas einfach richtig anfühlt — oder nicht. Das erleichtere den Entscheidungsprozess, indem die Aufmerksamkeit auf die besseren Optionen gelenkt werde. Das bedeutet aber nicht, dass diese Optionen dann auch wirklich sicher ein gutes Ergebnis bringen.

Forscher der Ohio State University sagen nach Versuchen mit Probanden dagegen klipp und klar: Unser Bauchgefühl kann uns schnell täuschen. Das betrifft konkret eine weitere Denkfalle, nämlich dass es immer besser ist, etwas zu tun als nichts zu tun. Zu dieser Strategie scheint unser Gehirn zu greifen, weil es nicht alle Wahrscheinlichkeiten immer präzise ausrechnen kann. Also machen wir etwas. Wir wechseln die Schlange im Supermarkt, weil wir hoffen, schneller voranzukommen. Gleiches gilt für die Spur im Stop-and-Go auf der Autobahn. Bei Fußball springt der Torwart beim Elfmeter – auch wenn es vielleicht sinnvoll wäre, einfach stehen zu bleiben.

Elfmeter
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Ein Ausweg wäre deswegen, uns Rechenpower, die unser Hirn nicht hat, in Zukunft von außen ranzuholen. Stichwort Künstliche Intelligenz, kurz KI. Autor Dobelli sieht sie jedenfalls als interessante Option für unsere Entscheidungsfindung in der Zukunft:

KI denkt nun mal objektiver, ohne Wünsche, ohne Emotionen. Ich glaube daher, die Qualität von Entscheidungen wird steigen durch künstliche Intelligenz – auch im Privatleben.

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