Wie sich der Waschbär durch unsere Region futtert

Nicht für alle war 2020 ein mieses Jahr. Den Waschbären bei uns im Osten zum Beispiel geht es so gut wie noch nie. Und 2021 dürfte die Population nochmal größer werden – und damit wohl auch die von den Tieren verursachte Probleme.

Ein Waschbär sucht in Mülltonnen in Kassel nach Futter
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Immer öfter müssen Heiko Junge und seine Kolleginnen und Kollegen ausrücken. Dann melden sich Anwohner beim 1. Vorsitzenden der Jägervereinigung Jena und Umgebung, weil sie ungebetene Gäste in ihren Dachstühlen, Schuppen oder Scheunen haben: Waschbären. Die ursprünglich aus Nordamerika stammenden Tiere sind seit einigen Jahren bei uns in der Region zu Hause – und ihre Zahl dürfte auch im kommenden Jahr weiter zulegen. Natürliche Feinde haben die Waschbären kaum - und die Jägerinnen und Jäger bei uns kommen schlicht nicht hinterher, den Bestand zu kontrollieren.

„Wir haben im Jagdjahr 2018/19, das von April bis April geht, 185 Füchse und 116 Waschbären geschossen“, rechnet Junge vor. Dabei sei vor allem die Steigerung bei Waschbären enorm. Im Jahr 2010 hätten die Jenaer Jäger gerade einmal ein Tier erlegt, nun sei man eben bei 116. „Und der Trend geht weiter nach oben, könnte im laufenden Jagdjahr sogar die Zahl der Füchse übertreffen.“

Auch in anderen Städten unserer Region ist die Zahl der geschossenen Waschbären zuletzt nach oben geschnellt. So wurden in Dresden im Jagdjahr 2019/20 311 Waschbären erlegt. Innerhalb von weniger als zehn Jahren hat sich die Zahl mehr als verzehnfacht.

Aus Magdeburg wurden allein zwischen Frühjahrsanfang und Sommerende dieses Jahres mehr als 70 erlegte Waschbären gemeldet.

Waschbären gelten als schlau

Dabei dürfen die Jäger die Tiere nur auf Wäldern und auf Feldern schießen. In der Stadt können sie höchstens auf Lebendfallen setzen. Doch aus denen befreien sich die Bären manchmal sogar. Wer dagegen Waschbären einfach so erschlägt, dem drohen empfindliche Strafen wegen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Das hat ein Winzer aus Meißen erfahren müssen.

Waschbären gelten nicht nur als ziemlich schlau – sie sind es offenbar auch. Die Tiere sind Allesfresser, können sie vor allem für am Boden brütende Vögel wie Kiebitze sein. Auch Moorfrosch, Ringelnatter, Gelbbauchunke oder die Europäische Sumpfschildkröte könnten unter dem Hunger des Waschbären zu leiden haben. Wobei Umweltschützer einwenden: Noch viel gefährlicher für diese Tiere ist eigentlich der Mensch.

Der Verlust von Lebensraum durch die Begradigung von Flüssen und die tödliche Gefahr durch den Straßenverkehr hätten die Reptilien an den Rand des Aussterbens getrieben.

Hat jemand Hunger auf Waschbärenfleisch?

Wie dem auch sei: Waschbären nerven auch manchen Gärtner oder Hausbesitzer. Umgeworfene Müllbehälter, aufgerissener Rasen, Löcher im Dach – die Tiere können ein ziemliches Chaos anrichten.

Ein Waschbär versucht in den USA, aus einem Vogelhaus Samen zu angeln
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Mehr als 202.000 Waschbären haben die deutschen Jäger in der vergangenen Jagdsaison erlegt. Laut Deutschem Jagdverband ist das zum einen ein Plus von 22 Prozent innerhalb eines Jahres und zum anderen ein Allzeitrekord. Was macht man mit so vielen Tieren? Die Jäger werben aktuell dafür, das Fleisch der Waschbären in Zukunft mehr zu nutzen.

Was für manche ein Food-Trend 2021 werden könnte, ist für andere sicher doch ziemlich gewöhnungsbedürftig. Immerhin: Laut einer Pilotstudie der Universität Leipzig ist die Keimbelastung von Waschbärenfleisch aus dem Leipziger Umland zumindest sehr niedrig. Einzelne Firmen vermarkten bereits Waschbärenfleisch und bewerben einen Geschmack wie eine Mischung aus Reh und Ente.

Überlebensfaktor Niedlichkeit

Ob das aber wirklich für eine gesteigerte Nachfrage nach Waschbärenfleisch sorgt? Ein Forscherteam um Franz Essl von der Universität Wien sagt: Egal wie, der Waschbär ist nicht zu stoppen. Die Tiere seien einfach zu süß. Im Ernst! Die Wissenschaftler haben nämlich untersucht, inwieweit das Aussehen einer Tierart dazu beiträgt, dass sie sich in fremden Gefilden durchsetzen kann.

Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass man Einwanderer kaum loswerden kann, wenn sie mit ihrem Aussehen die Menschen ihrer neuen Umgebung begeistern können. „Waschbären sind dafür ein gutes Beispiel“, so Essls Fazit. Sie sähen knuddelig aus, hätten als putzig empfundene Verhaltensweisen wie etwa das angebliche Waschen ihrer Nahrung. Wer so jemanden erlegen wolle, bekomme nur wenig Rückendeckung in der breiten Öffentlichkeit.

Tiere können Krankheiten übertragen

Vielleicht muss man da aber noch einmal darüber nachdenken. Denn Waschbären können nicht nur für manche Tiere in unseren Ökosystemen Probleme bringen, sondern auch für uns Menschen. Mit diesem Thema befasst sich auch ein brandneues Forschungsverbundprojekt der Goethe-Universität Frankfurt und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Dabei wird unter anderem untersucht, ob das Vordringen von Tieren wie Waschbären in städtische Gebiete die Übertragung von Krankheitserregern auf Menschen und Tier, sogenannte Zoonosen, begünstigt.

Hinweise darauf gibt es längst. So hat der Waschbär etwa den Waschbärspulwurm nach Europa eingeschleppt. Dessen Eier werden über den Kot der Tiere verbreitet und können auch für Menschen gefährlich sein. Es drohen schwerwiegende Gewebe- und Nervenschädigungen. Außerdem können Waschbären unter anderem auch Reservoirwirte für Coronaviren, Lyssaviren (Tollwut) oder das West-Nil-Virus sein.

In unserer Region hat sich im Sommer 2020 gezeigt, dass solche Gefahren sehr real sind: So berichtete das Veterinäramt des Altenburger Landes im Sommer, dass man bereits mehrfach kranke Füchse und Waschbären eingeschläfert habe. Diese hätten ihre Scheu vor dem Menschen verloren, seien durch Gärten und Wohngebiete geirrt oder hätten reglos an für sie ungewöhnlichen Orten gesessen. Die Tiere hätten an der Staupe gelitten, mit der sich auch Hunde infizieren können.

Andererseits sagen Öko-Aktivisten wie Lovis Kauertz, der Vorsitzende der Organisation Wildtierschutz Deutschland:

Waschbären werden sich mit oder ohne Jagd in Deutschland so lange ausbreiten, bis sie die Lebensraumkapazität weitgehend ausschöpfen. Die Jagd kann das nicht aufhalten, geschweige denn verhindern.

Lovis Kauertz, Vorsitzender der Organisation Wildtierschutz Deutschland

Das liege auch daran, dass Waschbären - wie etwa auch Füchse oder Wildschweine - hohe Verluste durch mehr Geburten schnell ausgleichen könnten.

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