Weltkrebstag: "60 Prozent der Krebserkrankungen sind heilbar"

04.02.2020 | 10:47 Uhr

Eine Welt ohne Krebs schaffen - das ist das Motto des Weltkrebstages in diesem Jahr. Da geht es nicht so sehr darum, dass man Krebs heilen kann oder Menschen dagegen impfen kann. Sondern es geht darum, dass man das Risiko für eine Krebserkrankung senken möchte. Über den Stand der Forschung in Sachen Krebs haben wir mit Professor Hanno Glimm gesprochen. Er ist Direktor des Nationalen Zentrums für Tumorerkrankungen in Dresden.

Illustration - Ortseingangschild mit der Aufschrift "Heilung - Krebs"
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MDR JUMP: "Krebs verhindern statt heilen" - ist das jetzt der Kurswechsel, weil es den großen Durchbruch bei der Heilung eben nicht gibt?

Portraitfoto von Hanno Glimm - Direktor des Nationales Centrum für Tumorerkrankungen in Dresden
Hanno Glimm - Direktor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen in Dresden Bildrechte: NCT/UCC/André Wirsig

Glimm: Es ist sicherlich so, dass wir auch in der Behandlung von Krebs in den letzten Jahrzehnten sehr dazugelernt haben und auch selbst bei fortgeschrittenem Krebs heutzutage sehr viel bessere Erfolge haben. Dennoch ist die Situation, wenn ein Krebs Metastasen gebildet hat, nach wie vor schwierig. Und die meisten Patienten können dann nicht mehr wirklich geheilt werden. Hier ist es wichtig zu verhindern, dass es dazu kommt. Das heißt, das Aufkommen der Krebserkrankung direkt durch geeignete Maßnahmen zu verhindern. Das ist die beste Therapie.

MDR JUMP: Wie weit sind wir aber vom Heilmittel noch entfernt?

Glimm: Man muss erst einmal verstehen, dass Krebs ein Sammelbegriff ist. Das heißt, es gibt nicht die Krebserkrankung, sondern es gibt Hunderte verschiedene Krebserkrankungen, die sich fundamental unterscheiden. Generell kann man sagen, dass etwa 60 Prozent der Patienten heutzutage mit einer Krebserkrankung geheilt werden. Wenn es zu Metastasen gekommen ist, sieht die Situation leider heutzutage nach wie vor schlechter aus.

"Ich denke nicht, dass es die Magic-Pill gegen den gesamten Krebs geben wird"

MDR JUMP: 60 Prozent der Krebserkrankungen sind heilbar. Welche Krebsarten können denn schon geheilt werden und welche vielleicht bald?

Fluoreszenzbild einer Tumorfront des Gebärmutterhals. Zellkerne wurden blau und sich teilende Zellen grün markiert. Tumorzellen, rot markiert, befallen und verdrängen gesundes Gewebe.
Fluoreszenzbild einer Tumorfront des Gebärmutterhals. Zellkerne wurden blau und sich teilende Zellen grün markiert. Tumorzellen, rot markiert, befallen und verdrängen gesundes Gewebe. Bildrechte: Universität Leipzig

Glimm: Es ist so, dass bei den soliden Tumorerkrankungen, etwa bei Dickdarmkrebs, durch eine Operation kombiniert eventuell mit einer Chemotherapie, bei lokalisierten Erkrankungen eine Heilung möglich ist. Das gilt für eine ganze Reihe von lokalisierten Erkrankungen. Es gibt auch Erkrankung, die bereits metastasiert sind wie zum Beispiel der metastasierte Hodenkrebs oder auch bestimmte Formen des Lymphdrüsen-Krebses, die selbst, wenn sie ausgebreitet sind, durch medikamentöse Therapien geheilt werden können. Andere Erkrankungen, bei denen eine Heilung schwieriger oder noch nicht möglich ist durch medikamentöse Therapie, sehen zurzeit sehr große Fortschritte in der Entwicklung von Medikamenten. Das betrifft einerseits Medikamente, die das körpereigene Immunsystem gegen den Krebs richten können, oder auch Medikamente, die darauf beruhen, dass man sehr gezielt in die Mechanismen innerhalb der Krebszelle eingreift.

MDR JUMP: Also ist in absehbarer Zeit nicht mit einem "Allheilmittel" gegen Krebs zu rechnen?

Glimm: Ich denke nicht, dass es jemals ein Allheilmittel für den Krebs geben wird. Das liegt daran, dass es nicht eine Erkrankung ist, sondern mannigfaltige. Viele Erkrankungen, Hunderte verschiedene Erkrankungen und die Entwicklung in der Krebs-Medizin bezieht sich sehr häufig auf Patientengruppen. Das sind einzelne Erkrankungen, einzelne Erkrankungsstadien, wo man Durchbrüche erzielt. Und ich denke, so wird es weitergehen. Ich denke aber nicht, dass es die Magic-Pill oder die eine Behandlungsmethode gegen den gesamten Krebs geben wird.

Krebs ist nicht übertragbar

MDR JUMP: Eine interessante Nachricht aus der Krebsforschung, die zu lesen war: nach aktuellen Erkenntnissen ist Krebs, anders als gedacht, von Mensch zum Mensch übertragbar. Da geht es um die Arbeit des Forscherteams um einen kanadischen Mikrobiologen. Was wissen Sie dazu?

Glimm: Also ich denke, da ist es wichtig, Missverständnisse zu verhindern. Krebs ist als Krebserkrankung nicht von Patienten auf einen Gesunden übertragbar. Das heißt, es ist nicht möglich, dass man die Krebszellen eines Patienten bekommt und der bei einem selbst anwächst. Das wird das Immunsystem verhindern. Wir wissen aber, dass bestimmte Erkrankung, mit einem Risiko von Krebs-Erkrankungen einhergehen. Das ist aber eine alte Erkenntnis. Bestimmte Viruserkrankungen wie zum Beispiel Warzenviren, der HPV-Virus oder auch Hepatitis-Viren, können zu Erkrankungen führen, die ein erhöhtes Risiko haben, in eine Krebserkrankung überzugehen. Dann verändert sich nur ein gewisses Risiko. Und auch nur ein kleiner Teil der Patienten, die zum Beispiel Hepatitis oder Veränderungen am Gebärmutterhals haben, würden eine Krebserkrankung bekommen. Das ist eine Risikoverschiebung und es betrifft wenige Krebserkrankungen, wahrscheinlich etwa vier Prozent.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 04. Februar 2020 | 19:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2020, 10:47 Uhr

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