Kind mit Smartphone im Dunkeln im Bett
Symbolbild: Ein Kind sieht sich im Bett in der Dunkelheit etwas auf dem Smartphone an. Bildrechte: imago/Westend61

Gruselfiguren in YouTube-Videos: Internet-Scherz oder echte Gefahr?

12.03.2019 | 16:03 Uhr

In Videos für Kinder soll die Gruselpuppe Momo auftauchen und die Kleinen zum Selbstmord anstiften. Darüber berichten gerade Zeitungen und Onlineportale weltweit. Viele Eltern sind verunsichert. Wir haben nachgefragt, was wirklich hinter der sogenannten "Momo-Challenge" steckt.

Kind mit Smartphone im Dunkeln im Bett
Symbolbild: Ein Kind sieht sich im Bett in der Dunkelheit etwas auf dem Smartphone an. Bildrechte: imago/Westend61

Eine Puppe mit riesigen Augen, strähnigen Haaren, einem langgezerrten Mund und Vogelfüßen. Das ist Momo, die ein japanischer Künstler entworfen hat und die nicht mit der beliebten Romanfigur von Michael Ende zu verwechseln ist. Die verstörend aussehende Puppe taucht angeblich in Videos beliebter Kinderserien oder auch Lets-Play-Videos für Fortnite auf YouTube auf. Momo soll den Nutzern dann befehlen, Aufgaben zu erfüllen: Einen Horrorfilm anzuschauen, sich selbst zu verletzten oder gar Selbstmord zu begehen. Das ist die so genannte Momo-Challenge, über die im Februar zahlreiche Medien in den USA, Südamerika und in Großbritannien berichteten. Die Welle ist inzwischen auch nach Deutschland geschwappt.

Was steckt wirklich hinter der Momo-Challenge?

Das Phänomen hat möglicherweise der Facebook-Post einer besorgten Mutter in den USA ausgelöst, die vor gefährlichen Gruselvideos auf YouTube warnte. Das sagt Miro Dittrich von der Amadeu Antonio Stiftung aus Berlin, die sich unter anderem gegen Hass im Internet einsetzt:

Diese Mutter hat das in ihrer Schule irgendwie gehört. Da gab es keine richtigen Fakten dazu. Aber wie sich im Internet so Dinge losspinnen, wird da schnell ein großes Ding draus und man erfindet noch Dinge und es wird weiterverbreitet.

Grusel-Clown
Bildrechte: imago/STPP

Befeuert worden sei der Hype durch Berichte über Jugendliche in Südamerika, die nach Momo-Aufforderungen Selbstmord begangen haben sollen. Ähnliche Phänomene im Internet habe es in jüngster Vergangenheit schon mehrfach gegeben, so Miro Dittrich: US-Medien berichteten etwa über Horrorclowns, die dann plötzlich auch in Deutschland gesichtet wurden. Auch die Tide Pod-Challenge sei erst durch die zahlreichen Berichte zum Problem geworden. Medien hätten darüber geschrieben, dass Jugendliche die Waschmittel-Packungen in den Mund nehmen würden. Erst nach diesen Berichten hätten das Nutzer tatsächlich auch versucht und Videos davon auf YouTube gestellt. Bei der angeblichen Momo-Challenge würden Ängste der Eltern zusätzlich als Beschleuniger wirken, sagte Miro Dittrich MDR JUMP:

Das Ganze wird stark befähigt durch die recht diffuse Angst, die Eltern haben. Die wissen nicht so wirklich, was für ihre Kinder Bedrohungen im Internet sind. Und sie sind auch nicht wirklich gut drauf vorbereitet, wie sie ihren Kindern den richtigen Umgang mit dem Internet vermitteln können.

Warum geistert Momo schon wieder durchs Netz?

Die Grusel-Gestalt Momo sorgt nicht zum ersten Mal für Aufregung im Internet: Seit Sommer 2018 verbreiten sich auf WhatsApp immer wieder Kettenbriefe mit Momo. Darin droht beispielsweise eine verzerrte Computerstimme, dass der Empfänger der Sprachnachricht stirbt oder verstümmelt wird, wenn er oder sie die Nachricht nicht an 20 Freunde weiterleitet.

Für Rechtschreibfehler im Tweet sind wir nicht verantwortlich.

Die Angst machenden Kettenbriefe waren vermutlich auch eine Basis für die Berichte über Gruselvideos mit der Puppe, sagt Birgit Kimmel von klicksafe.de, dem Safer-Internet-Center für Deutschland:

Das Erste ist häufig, dass man irgendein Bild, eine Figur nutzt, um hier verängstigende Kettenbriefe in die Welt zu setzen. Und dann wird das verbreitet und auf der Grundlage des Fotos dieser Kunstfigur Momo entwickeln dann andere Personen Videos und nutzen die Figur, um nochmal verängstigende Videos aufzunehmen.

Müssen Eltern befürchten, dass ihre Kinder Videos mit Momo sehen?

YouTube stellte Ende Februar in einem Post klar, dass es aktuell keine Videos mit der Momo-Challenge auf der Videoplattform gebe. Videos mit Hinweisen auf gefährliche Herausforderungen würden gegen die Richtlinien von YouTube verstoßen und man beobachte alles zur Momo-Challenge sehr genau. Birgit Kimmel von klicksafe.de will trotzdem nicht komplett Entwarnung geben:

Diese Videos gibt’s immer mal wieder. Vermutlich aber weil dieser Kettenbrief im Netz war und irgendwelche Personen dann auf Grundlage des Kettenbriefs Videos gemacht haben.

Das sind dann aber vereinfacht gesagt Trittbrettfahrer, die den Hype um die angebliche Momo-Challenge nutzen und anderen Nutzern Angst machen wollen. Miro Dittrich sagte:

Wenn so etwas vorkommt, dann wir das nicht systematisch vorkommen. Und nicht in der großen Breite. Nicht als Kampagne von Menschen, die das machen.

WhatsApp hat sich auf MDR JUMP-Anfrage bisher nicht dazu geäußert, ob die Momo-Challenge unter Nutzern geteilt wird und ob der Messenger-Dienst dagegen vorgeht.

Was können Eltern machen?

Eltern sollten sich darüber informieren, was ihre Kinder auf dem Smartphone und dem Laptop ansehen, rät Miro Dittrich:

Papa neben Tochter mit Tablet
Bildrechte: imago/PhotoAlto

Dann können sie ihre Kinder aufklären, wie sie damit umgehen, wenn sie Fremde im Internet ansprechen. Und sie können ihnen sagen, dass sie mit ihren Eltern reden können, wenn sie im Netz verwirrende oder verstörende Dinge sehen.

Auch klicksafe-Expertin Kimmel rät Eltern, ihre Kinder "stark" fürs Netz zu machen:

Eltern können ihre Kinder dahingehend unterstützen, dass sie erstmal über das Thema Kettenbriefe sprechen oder auch über Videos sprechen, die so eine große Verbreitung haben. Wo irgendjemand Kindern und anderen Angst machen will. Was steckt dahinter, was ist das Ziel?

Kinder sollten wissen, dass jemand sich mit solchen Videos einen Spaß erlaubt und anderen bewusst Angst machen will. Zudem sollten Eltern ihren Kindern immer auch sagen, solche Inhalte nicht weiterzuverbreiten.

Dieses Thema im Programm Die MDR JUMP Feierabendshow | 12. März 2019 | 15:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 15:40 Uhr

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