Warum wir selbstlos und ehrenamtlich handeln

Wir spenden für den guten Zweck, übernehmen Ehrenämter im Sportverein oder bei der Feuerwehr und kaufen für die Nachbarn ein. Aber warum eigentlich? Forscher haben verschiedene Antworten darauf.

Junge Frau hilf älteren Mann die Treppe hoch
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Meins, meins, meins – vom mega-egozentrischen Kleinkind bis zum gierigen Top-Manager scheint das ein Leitsatz des menschlichen Handelns zu sein. Doch nicht erst in der Corona-Pandemie haben viele von uns auch das genaue Gegenteil erfahren: Hilfsbereitschaft von Leuten, die man vielleicht kaum kennt, Unterstützung ohne Gegenleistung – das gibt es tagtäglich unzählige Male bei uns in der Region.

Forscher sind schon lange auf der Suche nach Antworten auf die Frage, ob wir als Egoisten geboren werden, oder ob uns Selbstlosigkeit in die Wiege gelegt wurde. Für beide Theorien gibt es Indizien. Doch eine US-Studie aus dem vergangenen Jahr legt nun nahe: Kleinkinder - konkret getestet wurden Anderthalbjährige - können und wollen sehr wohl anderen helfen. Auch wenn sie nichts davon haben.

Kinder helfen spontan

Besonders interessant dabei sei, sagt auch die Psychologin Anne Böckler-Raettig von der Universität Würzburg, dass Kinder relativ spontan helfen, ohne Aufforderung. Sie würden sogar ihr Spiel unterbrechen oder um Hindernisse herumkrabbeln. „Damit erfüllt das Verhalten der Kinder die Kriterien für prosoziales Verhalten, das einen selbst etwas kostet und anderen nützt.“

Der Psychologe Felix Warneken von der University of Michigan geht davon aus, dass die Hilfsbereitschaft von Kindern bereits mit der Geburt angelegt ist. „Die alte Sichtweise eines rein egoistischen Kindes, welches erst durch Sozialisation umprogrammiert werden muss, bevor es sich um andere kümmert, muss revidiert werden“, sagt er. Kleinkinder würden schon selbstloses Verhalten zeigen, bevor sie – etwa durch Anschauung in der Familie – ein komplexes Moralsystem erworben hätten.

Aber warum ist das so? Folgt man der reinen Lehre der Evolution, dann ist Selbstlosigkeit eigentlich nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich. Wenn allein die Regel „fressen oder gefressen werden“ gilt, macht es keinen Sinn, anderen zu helfen - schließlich sind das nur potenzielle Konkurrenten. Doch ist es so zum Glück in der Realität ja nicht. Wir spenden für wohltätige Zwecke, übernehmen Ehrenämter wie etwa im Sportverein, kaufen für betagte Nachbarn ein oder helfen einem Gestürzten im Bus wieder auf die Füße.

Wir gegen die?

Die Evolutionsbiologen haben mit etwas Mühe dann doch auch eine Erklärung für Selbstlosigkeit – und die geht so: Dieses Verhalten soll demnach dazu dienen, dass sich Mitglieder einer bestimmten Gruppe besser zusammenfinden, zum Beispiel Verwandte. Die haben dann gegenüber anderen Gruppen dadurch einen evolutionären Vorteil. Wir gegen die und so.

Aber das trifft es in vielen Fällen ja auch nicht – und zwar in denen, wo wir helfen, ohne die Empfänger zu kennen. Machen wir das vielleicht einfach nur, damit wir uns selbst gut fühlen können?

Auch das ist wohl bestenfalls ein Teil der Erklärung. „Ein Ansatz ist, dass unser Altruismus an die Entwicklung von Empathie gekoppelt ist“, sagt die Forscherin Grit Hein vom Universitätsklinikum Würzburg. „Wenn ich sehe, dass jemand Schmerzen hat, dann wird das von meinem Körper nachempfunden und ich möchte helfen.“ Hein hat für ihre Arbeit Probanden im Hirnscanner untersucht – und sich angesehen, was im Denkorgan passiert, wenn wir zum Beispiel fremdes Leid erleben.

Die falsche Art der Hilfe kann auch schaden

Klar ist aber auch: Hilfsbereitschaft, die vor allem dem eigenen Ego dient und andere entmachtet, kann schaden und krankhaft werden. Stichwort: Helfersyndrom. So nennt man die Selbstüberforderung helfender Menschen, die in Aggression oder Burnout münden kann.

Im Grundsatz gilt aber: Anderen helfen, hilft eben nicht nur diesen anderen, sondern tut einem auch selber gut. Das haben Forscher um den Psychologen Bryant Hui von der Universität Hongkong im vergangenen Jahr in einer großen Übersichtsstudie nachweisen können. Selbstlosigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden hängen demnach zusammen. Der Zusammenhang sei zwar nicht sehr groß, aber statistisch signifikant, so die Wissenschaftler, die nicht weniger als 200 Einzelstudien zum Thema ausgewertet hatten. „Altruismus, Kooperation, Vertrauen und Mitgefühl sind notwendige Bestandteile einer harmonischen Gesellschaft“, so Hui.

Interessant dabei: Zufällige Freundlichkeiten – etwa wenn man dem Nachbarn spontan beim Tragen der Einkäufe hilft – sind offenbar besser für das eigene Wohlbefinden als formalisierte Tätigkeiten, etwa bei der regelmäßige Arbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr. Die Forscher erklären das so, dass ersteres abwechslungsreicher ist als zweiteres und eher neue Sozialbekanntschaften zustande kommen.

Andererseits hat regelmäßige ehrenamtliche Arbeit vielleicht einen anderen Vorteil: Man bekommt seine kleine Dosis Glücksgefühl in regelmäßigen Abständen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 10. April 2021 | 06:40 Uhr

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