Hätten Warn-SMS beim Hochwasser Menschenleben gerettet?

In den Hochwassergebieten wird aufgeräumt – und immer mehr drängt sich die Frage auf, ob nicht mehr Menschen durch rechtzeitige Warnungen hätten gerettet werden können. Im Mittelpunkt der Diskussion steht eine spezielle Technologie.

Verschiedene Warn-Apps, darunter die Notfall-Informations- und Nachrichten-App "Nina" des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, sind auf auf einem Smartphone zu sehen.
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Die USA, Kanada, Japan und Neuseeland, aber auch EU-Staaten wie die Niederlande, Rumänien oder Litauen warnen ihre Bürger bei Katastrophen durch Nachrichten auf das Handy. Und nach der Flutkatastrophe, die vor allem den Westen Deutschlands betroffen hat, fragen sich jetzt immer mehr Menschen: Warum machen wir das nicht auch? Hätten so Menschenleben gerettet werden können? Die Antworten auf Frage eins lautet, so sagen es Kritiker: Geiz, Parteipolitik und Besserwisserei. Und die auf Frage zwei: womöglich schon.

Grundlage der am Anfang des Artikels erwähnten Warnsysteme ist eine Technik namens Cell Broadcast. Und auch wenn das in der aktuellen Debatte immer ein bisschen durcheinandergeht: Das sind Nachrichten, die von den Funkmasten des Mobilfunknetzes an alle eingeloggten Handys geschickt werden können, aber eben keine SMS. Mit den Textbotschaften haben sie trotzdem einiges gemeinsam. Zum einen stammt die dahinterstehende Technik noch aus dem vorherigen Jahrtausend, zum anderen können selbst sehr alte Mobiltelefone diese Texte empfangen. Und das ist es ja, was man will – dass möglichst viele Menschen im Fall einer Gefahr konkrete Hinweise bekommen, wie sie sich schützen können.

Klar sagen, worum es geht - und wie man sich schützen kann

Das heißt: Warn-Apps wie „Katwarn“ und „Nina“ sind schön und gut, aber Nachrichten direkt auf jedes eingeschaltete Handy sind besser. Zumal man sich ja auch nicht zwischen beidem entscheiden muss, es geht, wenn möglich, auch beides. Und wenn die Netze zu überlastet sind, damit die Apps noch mit Daten versorgt werden, brauchen Cell Broadcasts nur wenig Übertragungskapazität. Und selbst gegenüber Sirenen haben sie einen Vorteil – denn die bis zu 1395 Zeichen langen Nachrichten können nicht nur mitteilen, dass Gefahr droht. Sie können auch klar sagen, worum es geht und wie man sich bestmöglich schützen kann.

Auch der vieldiskutierte Datenschutz ist kein Problem. Der Staat weiß nämlich nicht, wo ich bin, wenn mich die Warnnachricht erreicht. Ich muss mich nirgendwo anmelden, es werden auch keine Daten gesammelt.

Es gibt keinerlei datenschutzrechtlichen Bedenken

Warum aber wird das System nun in Deutschland nicht genutzt? „Es gibt keinen aktiven Mobilfunkanbieter, der es im Programm hätte“, so Armin Schuster, Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Das stimmt – liegt aber auch daran, dass die Firmen von der Politik nicht dazu verpflichtet wurden. Das wäre im Rahmen der Vergabe der Funkfrequenzen durchaus möglich gewesen.

Telefonfirmen signalisieren Gesprächsbereitschaft

Beim Telekommunikationskonzern Vodafone heißt es, man werde die Technologie „natürlich umsetzen“ - wenn „die Behörden uns den Auftrag dafür geben". Und Telefónica sagt, man stehe für Gespräche zur Verfügung.

Wir können das System aufbauen

wirbt auch Telekom-Chef Tim Höttges. An einer möglichen Ausschreibung des Bundes werde man sich beteiligen.

Ob es dazu kommt?

Wir sind gerade dabei, uns mit einer Studie die Frage zu stellen, ob man Cell Broadcast als zusätzliches Warnmittel in Deutschland einsetzen kann

so BBK-Chef Schuster. Tatsächlich läuft diese Prüfung bereits seit im vergangenen Jahr der eigentlich geplante bundesweite Warntag eklatante Schwächen in den existierenden Systemen aufgezeigt hatte. Der damalige BKK-Chef hatte damals seinen Hut nehmen müssen.

„Es ist keine Raketenwissenschaft“

Und der aktuelle Präsident der Behörde hat bei der Einführung von Cell Broadcasts nun auch gar nicht zu entscheiden. Immerhin hat aber auch das übergeordnete Bundesinnenministerium signalisiert, dass die Warnungen aufs Handy wohl irgendwann kommen sollen – auch wenn man sie nicht als Allheilmittel sieht.

Ich bin dafür, dass wir diese Push-Nachrichten auch über die Mobilfunkanbieter beim Bürger ankommen lassen

Das sagt auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, dessen Haus sich auch mit der digitalen Infrastruktur beschäftigt. In Sachsen-Anhalt werden nach der Flut nun die bestehenden Warnsysteme überprüft.

Die bundesweite Einführung eines Cell-Broadcast-Systems könnte, so Schätzungen, 20 bis 40 Millionen Euro kosten. Angesichts der Schäden und des Verlusts an Menschenleben allein bei der jüngsten Flutkatastrophe scheint das ein überschaubarer Betrag.

Es ist keine Raketenwissenschaft, das lässt sich schnell und vergleichsweise günstig machen

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 20. Juli 2021 | 08:00 Uhr

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