Wann ist es ganz normale Vergesslichkeit – und wann Alzheimer?

Je älter wir werden, desto mehr lässt unser Gehirn nach – könnte man meinen. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Vergessen ist eigentlich sogar überlebenswichtig.

Eine ältere und eine junge Frau stehen nebenenander und schauen auf einen Plan.
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Nicht jeder von uns kann Johannes Mallow sein. Der Gedächtnissportler aus Magdeburg hat zwei Mal die Weltmeisterschaft gewonnen. Wenn es darum geht, sich in einer bestimmten Zeit Jahreszahlen von ausgedachten Ereignissen zu merken, Gesichter und Namen von erfundenen Personen, die Reihenfolge von Spielkarten oder lange Ziffernfolgen – dann ist er seit Jahren ganz vorn mit dabei. Mallow ist an der Muskelkrankheit FSHD erkrankt und sitzt im Rollstuhl. Der Kraft seines Gehirns macht das nichts aus.

Und der Rest von uns? Wir verschusseln Haus- und Autoschlüssel, vergessen den Termin für den Elternabend oder müssen jedes Mal diese verdammte IBAN nachschlagen. Und manchmal, wenn man wieder etwas vergessen hat, stellt man sich die Frage: Ist das noch normal – oder doch schon ein Hinweis auf Alzheimer?

Steigendes Risiko

Fakt ist: Rund zwei Prozent aller 60-Jährigen entwickeln eine Form von Demenz. Von da an verdoppelt sich das Risiko etwa alle fünf Jahre. Mit 80 Jahren liegt es dann schon bei mehr als 30 Prozent.

Hirnforscher sagen aber auch: Wenn man hin und wieder Dinge verlegt, mal einen Namen vergisst oder einen Termin verpasst, muss man sich eigentlich keine Sorgen machen. Das hat mit der Art und Weise zu tun, wie unser Gehirn funktioniert. Denn würde unser Denkorgan alle eingehenden Reize speichern, wären wir heillos überfordert – und nicht mehr handlungsfähig. Mit zunehmendem Alter ist es nun normalerweise so: Das Gehirn wird allgemein langsamer, das sogenannte Arbeitsgedächtnis lässt nach – aber das Langzeitgedächtnis bleibt gut in Schuss.

Vergessen, damit der Speicher nicht überläuft

In etwa 400.000 Reize landen in jeder einzelnen Sekunde bei unseren Sinnesorganen. Und im Gehirn müssen sie sortiert und bewertet werden – außerdem wird entschieden, was bei uns im Bewusstsein ankommt. Abgespeichert wird dagegen kaum etwas - sonst würde unser Denkorgan binnen kürzester Zeit komplett überlaufen.

Dass wir Dinge vergessen, die wir uns gemerkt haben, passiert in allen Lebensphasen. Das hat nicht unbedingt etwas mit dem Alter zu tun. Wobei es schon so ist, dass das sogenannte semantische Gedächtnis für Fakten und Namen im Alter langsamer und weniger präzise arbeitet. Auch haben es ältere Menschen deutlich schwerer als jüngere, ihre Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren und sich nicht ablenken zu lassen. Dieser Effekt beginnt schon am dem 30. Lebensjahr. Aber insgesamt gesehen nimmt die Gedächtnisleistung kaum ab.

Das Problem ist: Ältere Menschen sorgen sich mehr um ihre Erinnerungsfähigkeit. Und das kann dann in einen Teufelskreis führen. Denn, und das haben wissenschaftliche Studien bewiesen, unser Gehirn ist ungefähr so leistungsfähig, wie wir uns das zutrauen. Das heißt: Wer glaubt, dass ihn sein Gedächtnis im Stich lässt, strengt sich weniger an, sich Dinge zu merken – mit dem Ergebnis, dass die Gehirnleistung wirklich nachlässt.

Die Strategie der Champions

Wie kommen aber nun Gedächtnis-Champs wie Johannes Mallow auf ihre Spitzenleistungen? Häufig die so genannte Loci-Methode. Das heißt: Sie verknüpfen die Informationen, die sie sich merken wollen, eine Reihe von Gegenständen oder Zahlen, gedanklich mit Orten, die sie kennen. So können sie sich das Ganze viel besser merken. Und interessanterweise können laut einer aktuellen Studie auch Laien von der Methode profitieren.

Mallow stellt sich die zu merkenden Sachen im Form von Bildern und Geschichten vor. „Aber da hat jeder eine andere Vorliebe“, sagt er, „die muss man nur herausfinden.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 02. Oktober 2021 | 06:40 Uhr

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