Die Vier-Tage-Woche – kann das funktionieren?

Wer Arbeit hat, muss oft zu viel und zu lange ran. Wer einen Job sucht, würde sich über solche Belastungen vielleicht freuen. Wie wäre es, wenn die Arbeit besser verteilt wird? Wir haben die spannende Diskussion um die Vier-Tage-Woche für dich zusammengefasst.

Fünf-zwei, fünf-zwei und so weiter – das ist der normale Rhythmus unseres Arbeitslebens. Montag bis Freitag ackern wir im Job, oft bis spät, dann haben wir zwei Tage für Familie, Freunde und Hobbies. Doch ist das wirklich ideal? Der Chef der IG Metall, Jörg Hofmann, hat dazu kürzlich einen Vorschlag gemacht. Er sagt: In der Coronakrise sollten Unternehmen über die Einführung einer Vier-Tage-Woche nachdenken. Diese "wäre die Antwort auf den Strukturwandel in Branchen wie der Autoindustrie. Damit lassen sich Industriejobs halten, statt sie abzuschreiben", so Hofmann.

Vier Tage arbeiten statt fünf – klingt erstmal ganz gut, oder? Nun, einen – vielleicht gar nicht so kleinen – Haken hat die aktuelle Debatte: „Man muss es sich eben auch leisten können, da der Lohnausgleich nicht vollständig möglich ist“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik am Institut für Wirtschaftsforschung Halle im Gespräch mit MDR JUMP. Das heißt: Wer weniger arbeitet, würde wahrscheinlich auch mit weniger Lohn auskommen müssen. „Ich glaube, dass es in den meisten Wirtschaftsbereichen nicht möglich sein wird, einen hundertprozentigen Lohnausgleich zu leisten“, so Holtemöller.

Mehr Zeit, aber weniger Geld - ist das eine gute Lösung?

So sieht es auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Er sagt: Die gesamte deutsche Wirtschaft ist in der Coronakrise gerade ziemlich angeschlagen. In den kommenden Jahren werde es daher in vielen Branchen keine Lohnerhöhungen geben. Ein Beleg dafür ist ja die Einigung der Tarifparteien der Metall- und Elektroindustrie. Die hatten im März für rund vier Millionen Beschäftigte vereinbart, dass es zumindest in diesem Jahr nicht mehr Geld gibt. Die vorhandene Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen und damit mehr Menschen weniger Stunden arbeiten zu lassen, sei aber ein kluger Vorschlag, so Fratzscher.

Aber mal ehrlich – mehr Zeit, aber weniger Geld, ist das wirklich eine gute Lösung? „Für einzelne Menschen kann das sicherlich eine Alternative sein“, sagt Wirtschaftsforscher Holtmöller im Gespräch mit MDR JUMP. Das könnten zum Beispiel Menschen mit Familie sein, die sich mehr Freizeit wünschen. Oder ältere Arbeitnehmer, die nicht mehr ganz so viel Zeit für den Job aufwenden wollten. Aber ganz ohne Abstriche beim Lohn sei das eben kaum möglich: „Da können höchstens Mittelwege in Verhandlungen zwischen Unternehmen und Beschäftigten gefunden werden“, so Holtmöller.

Praxistests brachten überraschend positive Ergebnisse

Oliver Stettes vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt vor negativen Folgen, wenn es keine Kürzungen beim Lohn gibt: „Wenn man das Modell für eine ganze Wirtschaft, eine ganze Branche, oder für die Volkswirtschaft in Angriff nimmt, bedeutet das ja, dass wir dauerhaft darauf verzichten, ein Fünftel der Arbeitszeit einzusetzen. Das bedeutet nichts anderes als eine Verstetigung der Krise, die wir gerade haben, und Wohlstandsverluste.“

Nun, vielleicht ist das aber gar kein Automatismus. Neuseeländische Forscher der Universität Auckland haben vor einiger Zeit nämlich herausgefunden, dass Mitarbeiter mit einer Vier-Tage-Woche glücklicher und weniger gestresst sind als bei einer Fünf-Tage-Woche. Und jetzt kommt’s: Sie sind angeblich auch sogar produktiver. Das heißt, sie schafften nach der Umstellung also sogar mehr als vorher. Der Softwarekonzern Microsoft hatte bei Tests mit der Vier-Tage-Woche in Japan ähnliche Ergebnisse erzielt.

Vielleicht auch ein Impuls für mehr Gleichberechtigung in der Familie?

Linken-Chefin Katja Kipping hat sich wiederholt für eine Vier-Tage-Woche ausgesprochen. "Es gibt einfach keine Notwendigkeit mehr, dass sich Beschäftigte bis zur Erschöpfung an der Werkbank abrackern", sagt sie. „Diese Notwendigkeit wird künstlich erzeugt, von denen, die ein Maximum an Profit aus der Arbeitskraft ihrer Beschäftigten ziehen wollen.“

Wenn Mitarbeiter weniger Fehler machten, so Kipping, wenn sie motivierter seien und seltener krank seien, dann profitierten auch Unternehmen. Außerdem könne eine Vier-Tage-Woche für mehr Gleichberechtigung sorgen, weil sich Paare seltener entscheiden müssten, wer für die Kinder kürzertrete.

„Samstags gehört Vati mir“ – ein alter Gewerkschaftsslogan im Westen

„Reduzierte Arbeitszeit bei teilweisem Lohnausgleich kann eine geeignete Maßnahme sein, wenn sich die Sozialpartner darauf verständigen“, sagt Arbeitsminister Hubertus Heil von der SPD. Der CDU-Wirtschaftsrat lehnt die Verkürzung der Wochenarbeitszeit mit begrenztem Lohnausgleich für Branchen im Strukturwandel dagegen ab. Und der Vizevorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Christian Dürr, sagt: „Das Konzept ‚weniger Arbeiten und den Wohlstand dennoch halten‘ hat noch nie funktioniert“.

Interessant ist aber, dass wir vor ein paar Jahrzehnten in Deutschland auch noch länger gearbeitet haben als jetzt. Dann, Mitte der Fünfziger, hatten die Gewerkschaften im Westen einen Slogan, der Geschichte geschrieben hat: „Samstags gehört Vati mir“. Vielleicht ist es ja auch bald Freitags so weit – und betrifft bei Interesse auch die Mutti.

Eine aktuelle Meinungsumfrage zeigt, dass eine Mehrheit der Deutschen dem Vorschlag von IG-Metall-Chef Hofmann ziemlich wohlwollend gegenübersteht. 21 Prozent der Befragten stimmen dem vorgeschlagenen Modell bei einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov voll und ganz zu, weitere 40 Prozent unterstützen den Plan zumindest ein Stück weit. Bei Frauen liegt die Gesamtzustimmung mit 65 Prozent etwas höher als bei Männern mit 58 Prozent.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 19. August 2020 | 19:10 Uhr

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