Anja Müller - Vier Räder statt vier Wände

08.02.2020 | 09:00 Uhr

Anja Müller hat einen Allerweltsnamen, aber kein Allerweltsleben. Vor knapp drei Jahren kündigte die Übersetzerin ihre Wohnung und zog in ihr Auto. Ihr Lebensstil bedeutet für sie Freiheit, aber auch Verzicht. Ihre Erfahrungen als herumziehende Selbstständige teilt sie im Web. Sie fand Gleichgesinnte, mit denen sie die “Camper Nomads“ gründete – ein Netzwerk für digitale Nomaden, die wie sie von überall aus arbeiten. Jetzt organisiert sich, was sich online fand, auch offline.

Frau steht in der Natur.
Bildrechte: MDR/Michaela Reith

Anja Müllers Wecker bleibt heute stumm. Denn die Sonnenstrahlen haben die 39-Jährige an diesem Oktobermorgen geweckt.

Instagram Anja Müller
Von Anjas Instagram-Account. Bildrechte: Anja Müller

Sie öffnet das kleine Seitenfenster und drückt auf den Foto-Auslöser des Handys. "Aufstehen läuft heute ganz ohne Selbstmotivation. Danke", tippt sie ihren Online-Status. Dann schält sich Anja Müller Füße voran aus ihrer Hochdachkombi.

Ein Zimmer, Küche, Rad

Die Dresdnerin tauschte ihr Leben in vier Wänden gegen ein Leben auf vier Rädern. Seit Sommer 2018 schläft, wohnt und arbeitet sie in ihrem Citroen Bellingo. Ihr Hab und Gut - verstaut in 13 Kisten. Seit sie "on the road" lebt, muss Anja Müller rationieren. Vier Tage dauert es, dann sind die zehn Liter im Wasserkanister für Waschen, Kochen und Trinken meist schon aufgebraucht.

Meinen Tag zu strukturieren war anfangs die größte Herausforderung. Wo stehe ich, wo dusche ich, wo gibt es Netz? Am Anfang war ich fast nur damit beschäftigt, meinen Alltag zu ordnen.

Für ihren Job als Übersetzerin muss Anja Müller "fast schon ständig" online sein und wählt ihren Stellplatz auch gerne nach Internetempfang.

Anjas Leben unterwegs

Frau auf einem Feldweg zieht sich Handschuhe an. Sie hat eine Plastiktüte zum Aufsammeln dabei.
Wütend macht Anja der Müll in der Natur. Einen Beutel und Handschuhe zum Aufsammeln führt sie deshalb immer in ihrem Camper mit dabei. Bildrechte: MDR
Frau auf einem Feldweg zieht sich Handschuhe an. Sie hat eine Plastiktüte zum Aufsammeln dabei.
Wütend macht Anja der Müll in der Natur. Einen Beutel und Handschuhe zum Aufsammeln führt sie deshalb immer in ihrem Camper mit dabei. Bildrechte: MDR
Eine Frau fotografiert mit ihrem Handy eine kaputte Kinderküche, die Unbekannte auf eine Wiese abgelegt haben.
Diese kaputte Kinderküche hat sie in Heidenau im hohen Gras entdeckt. „Was soll die Natur damit? Wer sich die Mühe macht, Müll weitab vom Schuss in die Landschaft zu werfen, kann doch auch gleich zum Wertstoffhof fahren“, sagt sie. Bildrechte: MDR
Eine Frau steht auf dem Feld und hält ihr Smartphone in die Luft.
Anja Müller meldet den Standort des Mülls mithilfe einer App. „Jetzt muss nur noch das Netz mitspielen“, sagt sie. Bildrechte: MDR
Blick in Anjas Camper: Eng und parktikabel.
Zusammen mit anderen Camper-Nomaden hat Anja den Auto-Innenraum ausgebaut. Wenn sie unten schlafen will, räumt sie Tisch und Kochinsel beiseite. Bildrechte: Anja Müller
Zwei Vans stehen auf einen Grundstück. Hier soll bald eine Base für arbeitende Camper entstehen.
Anja reist oft alleine. Doch mit den Camper Nomads Basisorten sollen Standorte für arbeitende Camper in ganz Deutschland und teilweise auch in Europa entstehen. So wie hier in Neustadt in Sachsen. Heute wird mit anderen Campern schon einmal Probe gestanden... Bildrechte: privat
Drei Menschen werkeln im Inneren eines Autos.
... und der Bulli von Anke ausgebaut. Anke ist aus Hannover angereist, Hendrik (h.r.) und seine Frau Julia (v.l.) aus Berlin. "Jeder gibt seinen Teil bei. Das macht auch den Gemeinschaftsgedanken aus, sich zu helfen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten", sagt Hendrik. Er kümmert sich um den Innenausbau. Bildrechte: Privat
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Ein mobiles Solarpanel soll ihr neben der Batterie Strom verschaffen. Fehlt das Internet, setzt sie sich auch mal ins Café. "Unsere Arbeitswelt entwickelt sich in eine Richtung, die immer stärker von der Digitalisierung geprägt wird. Immer mehr Menschen können unabhängiger und mobil arbeiten - ob sie nun im Camper leben oder in verschiedenen wechselnden Orten", ist sie überzeugt. Um diese Gruppe an Menschen zusammenzubringen, gründete vier Gleichgesinnte - darunter Anja Müller – Anfang 2018 eine Online-Plattform.

Eine Frau im Wald 1 min
Anja Müller hat ihr Hobby Netzwerken zum Beruf gemacht. Bildrechte: MDR

"Mein größter Interneterfolg sind die Camper Nomades!", sagt Anja. Was ihr größter Fail war, erzählt sie hier im Video.

MDR FERNSEHEN Sa 08.02.2020 18:00Uhr 00:54 min

https://www.jumpradio.de/thema/verbunden-fragen-anja-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Campernomads – Mobil und vernetzt

 "Camper Nomads" - so nennt sich die digitale Gemeinschaft aus Menschen, die für ein paar, Wochen, Monate oder dauerhaft  in ihrem Auto leben und arbeiten.  Auf ihren sozialen Plattformen zählen sie bereits knapp 2500 Mitglieder. Im Gegensatz zu Touristen-Campern, die gezielt Campingplätze ansteuern, um Urlaub zu machen, versteht sich die Community als ein Zusammenschluss aus mobilen Arbeitern, quasi modernen Nomaden. Von HandwerkerInnen, über FotografInnen bis hin zu IT-lern sind die Berufe unter den Camper Nomads breit gefächert.

Wiese, Warmwasser, WLAN

Doch die vier Gründer planen noch mehr: Ein Zuhause für Camper auf Zeit. Abseits der gängigen Campingplätze sollen Basen in Deutschland und Europa entstehen, an denen arbeitende Camper neben Sanitäranlagen und Ladestellen auch gutes Internet vorfinden und kurzfristig sesshaft werden können.

So wie im Polenztal in der Sächsischen Schweiz. Anfang November trafen sich hier Anja Müller und andere Camper Nomaden. Viele von ihnen lernten sich zuerst online kennen. Es fing alles mit der Idee an, den Rückraum des Bullis von der Camperin Anke aus Hannover auszubauen. Aus Dresden, Berlin und sogar aus der Steiermark fuhren die Camper an und arbeiten teilweise zu sechst an der Elektrik und Innenverkleidung des Wagens. "Ich kann andere Camper Nomads super online kennenlernen, aber ein Treffen im Offline-Leben verbindet die Menschen noch mehr", sagt Anja Müller. Später zückt sie dann doch das Handy. Denn natürlich hält sie das Wochenende auch für die Nachwelt im Netz fest.

Eine Frau arbeitet im freien mit dem Computer 15 min
Anja Müller hat ihr Hobby Netzwerken zum Beruf gemacht. Bildrechte: MDR

MDR FERNSEHEN Sa 15.02.2020 18:00Uhr 14:38 min

https://www.jumpradio.de/thema/verbunden-netzgeschichten-anja-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Dieses Thema im Programm MDR Fernsehen | 15. Februar 2020 | 09:00 Uhr

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