Müssen ungenutzte Corona-Impfdosen weggeworfen werden?

Was tun, wenn zu viel Impfstoff da ist? Angesichts zunehmender Impfmüdigkeit stellt sich dieses Problem immer wieder. Die Antworten variieren von Impfstoff zu Impfstoff.

Eine Spritze wird mit dem Impfstoff AstraZeneca aufgezogen
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Corona-Impfdosen, die vernichtet werden müssen, weil niemand sie haben will – selbst noch vor einigen Wochen wären solche Schlagzeilen undenkbar gewesen. Doch genau das passiert gerade, auch bei uns in der Region. So hat es unter anderem der Hausärzteverband in Sachsen-Anhalt kürzlich vermeldet. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen gibt es mittlerweile gar nicht so wenige Leute, die ihren vereinbarten Impftermin nicht wahrnehmen.

Impfstoffe von Biontech und Moderna kommen nicht in Einzeldosen

Impfspritzen mit dem Corona-Impfstoff Astrazeneca liegen in Schalen auf einem Tisch bereit.
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Der Impfstoff von Biontech, zum Beispiel, wird in kleinen Flaschen geliefert, aus denen sich sechs oder sieben Einzeldosen gewinnen lassen. Bei Moderna sind es normalerweise zehn. Kommen aber, sagen wir, nur drei Impfwillige tatsächlich zu ihrem Termin, muss die Praxis am Ende des Tages den übrig gebliebenen Impfstoff vernichten. Das sind jeweils keine riesigen Mengen, aber es "läppert sich". Spritzen mit Einzeldosen bieten Biontech und Moderna derzeit nicht an.

Außerdem ist es so: Selbst nicht angebrochene Biontech-Flaschen dürfen in der Kühlung der Arztpraxen nur vier Wochen gelagert werden. Sehr gelegentlich gibt es Berichte darüber, dass Ärzte solchen Impfstoff nach Verstreichen dieser Frist entsorgen müssen. In vielen Fällen dürfte sich das durch vorausschauendes Bestellen zum Glück vermeiden lassen.

Impfstoff von AstraZeneca derzeit Ladenhüter

Zum anderem, und das ist der zweite Grund für Impfstoffüberschuss, ist das Präparat von AstraZeneca zum echten Ladenhüter geworden. Das hat mit den veränderten Impfempfehlungen zu tun. Selbst wer als Erstimpfung noch AstraZeneca hatte, bekommt ja für die Zweitimpfung Biontech oder Moderna. AstraZeneca bleibt im Kühlschrank liegen. Das betrifft etwa in Sachsen 180.000 Dosen, in Thüringen rund 30.000. Für Sachsen-Anhalt gab es zuletzt keine Zahlen. Klaus Heckemann, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen sagt:

Klaus Heckemann
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Der Astrazenaca-Impfstoff wird praktisch gar nicht mehr nachgefragt.

In diesem Fall sind nicht wie bei Biontech und Moderna vor allem angebrochene Flaschen das Problem, sondern die Haltbarkeit der noch unberührten Behältnisse in den zentralen Lagern oder beim Arzt.

Diese Zeitspanne liegt laut Hersteller bei sechs Monaten. Das bedeutet für Bestände, die noch am Anfang der Impfkampagne als Sicherheitsreserve eingelagert wurden, dass sie bald vernichtet werden müssen. Zwar wäre es denkbar, dass der Hersteller die Haltbarkeit erhöht, das könnte er auf Basis neuerer Untersuchungen durchaus tun. Aber selbst dann würde sich die Frage stellen: Wer würde den Impfstoff denn nehmen wollen? Insgesamt geht die Zahl der Impfungen gerade ohnehin rapide zurück, Millionen von Impfdosen liegen derzeit ungenutzt in den Lagern.

Webportal soll Interessenten erreichen

Für das Problem der angebrochenen Mehrfach-Behältnisse, etwa von Biontech, in den Arztpraxen gibt es mehrere Lösungen. Eine davon ist ein Webportal namens impfrettung.de, das unter anderem in Thüringen genutzt wird. Hier setzt man darauf, dass bisher noch nicht zum Zuge gekommene Impfwillige kurzfristig ein Angebot bekommen können – und die Restbestände so nicht verfallen. Solange es noch Interessenten gibt, die anderweitig nicht zum Zuge gekommen sind, kann solch ein Ansatz funktionieren. Langfristig dürften aber die Impfwilligen fehlen.

Ungenutzte Minimengen an Impfstoff aus Arztpraxen wieder einzusammeln, gilt Experten als ziemlich unwirtschaftlich. Sachsens KV-Vorsitzender Heckemann sagt:

Das Einsammeln würde sich nicht lohnen.

Er geht nach eigenem Bekunden davon aus, dass Impfdosen teilweise entsorgt werden müssen. Allerdings seien die meisten Dosen, die jetzt bei den Ärzten liegen, noch einige Zeit haltbar.

Für die gar nicht angebrochenen Dosen von AstraZeneca, die in zentralen Lagern liegen, gibt es einen anderen Ansatz. Es geht um den Export in Länder, wo es keine Impfmüdigkeit gibt. Das ist ja, wenn man ehrlich ist, auch ein absolutes Luxusproblem. So hat die Organisation Ärzte ohne Grenzen die drohende Vernichtung von Impfstoff scharf kritisiert. Dass die Kühlschränke der Arztpraxen in Deutschland voll sind, und AstraZeneca fast keine Abnehmer findet, sei ein Skandal, so der Intensivmediziner Tankred Stöbe, der im Vorstand von Ärzte ohne Grenzen sitzt:

Das macht mich wirklich wütend.

30 Millionen Impfdosen werden gespendet

Die Bundesregierung hat immerhin beschlossen, dass bis Ende des Jahres insgesamt mindestens 30 Millionen Impfdosen Astrazeneca und Johnson & Johnson unentgeltlich an Entwicklungsländer abgegeben werden sollen. Mindestens 80 Prozent sollen der Covax-Initiative der Vereinten Nationen zugutekommen. Dort hat man wieder und wieder über zu geringe Unterstützung der reichen Staaten für die ärmeren geklagt.

Wir brauchen dringend mehr Impfdosen und wir brauchen sie sofort!

Wenn wir die tödlichste Phase der Pandemie beenden wollen, müssen wir stärker zusammenarbeiten, um so auch neue Virusvarianten zu verhindern.

Zur Einordnung: Bis Mitte Juni konnten über die internationale Initiative noch nicht einmal als 90 Millionen Impfdosen verteilt werden – von insgesamt 1,8 Milliarden benötigten. Zuletzt lag der Wert bei 150 Millionen Dosen. Zudem hat die EU versprochen, dass von ihr bis zum Jahresende noch einmal 200 Millionen Dosen kommen sollen. Doch vom eigentlichen Ziel ist man noch immer weit entfernt.

Ungenutzte Impfdosen, die Deutschland nicht über Covax verteilen will, sollen bilateral an Staaten auf dem Westbalkan abgeben und auch in das ehemals von Deutschland besetzte Namibia in Südwestafrika gehen. Geplanter Start ist im August. Pläne für mögliche Überschüsse bei den Impfungen von Biontech und Moderna gibt es bisher noch nicht. Hier hofft man immer noch darauf, dass diese von genügend Impfwilligen nachgefragt werden.

Andere Lage bei Empfehlung für Drittimpfung

Neben Entwicklungsländern interessieren sich aber auch andere EU-Staaten für zusätzliche Impfdosen. So hatte zuletzt Portugal einen entsprechenden Hilferuf gestartet. Wenn Impfdosen, die bei uns nicht genutzt werden, in anderen Teilen der Welt helfen könnten – das bringt eigentlich für alle nur Vorteile.

Nochmal ganz anders würde die Sachlage bei den Impfstoffvorräten allerdings in dem Fall aussehen, dass eine dritte Corona-Impfung bei uns zumindest für einige Bevölkerungsgruppen empfohlen wird. So wird es derzeit zum Beispiel in Israel praktiziert. Noch ist nicht klar, ob diese dritte so genannte Booster-Impfung tatsächlich kommen wird. Sollte das aber der Fall sein, wäre der Bedarf an Impfdosen dann auch hierzulande wieder entsprechend größer.  

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 28. Juli 2021 | 12:00 Uhr

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