Getötete Radfahrer - Was sich jetzt ändern muss!

17.08.2018 | 11:00 Uhr

Was läuft schief zwischen Radfahrer und Autofahrern? Während die Zahl der Verkehrstoten insgesamt zwischen 2010 und 2017 um 13 Prozent gesunken ist, blieb die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer nahezu konstant. Wir klären, was sich jetzt ändern muss.

Fahrradfahrer in Leipzig 6 min
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MDR JUMP Fr 17.08.2018 15:24Uhr 06:04 min

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Es sind keine Einzelfälle: Im letzten Jahr sind 51 Radfahrer auf Mitteldeutschlands Straßen ums Leben gekommen. Erst im Mai diesen Jahres ist eine 16-jährige Radfahrerin in Leipzig an den Folgen eines Unfalles gestorben. Oft versuchen sich dann die Autofahrer herauszureden oder eine Teilschuld dem Opfer zu geben. Dabei geht es um einen Streit, der so alt ist wie der Straßenverkehr. Wer hat Schuld? Für die Autofahrer scheint klar zu sein: Fahrradfahrer haben keine Ahnung vom Straßenverkehr.

Wer hat Schuld?

Forscher der TU Dresden untersuchen derzeit das Verhalten von Fahrradfahrern. Dem MDR liegen erste Ergebnisse bereits vor. Demnach sind 60 Prozent der regelmäßigen Radfahrer Männer. Die meisten Radfahrer haben einen Führerschein, mehr als die Hälfte der Radler besitzen gar ein Auto.

Damit bestätigt sich nicht das Klischee vieler Autofahrer, dass Radfahrer keine Ahnung vom Straßenverkehr haben.

Angela Francke, Verkehrspsychologin TU Dresden

Fest steht: Radfahrer sind auf Mitteldeutschlands Straßen keine Randerscheinung. Vielmehr ist das Fahrrad ein Massenverkehrsmittel: In Deutschland war im vergangenen Jahr in acht von zehn Privathaushalten mindestens ein Fahrrad vorhanden. Und: Das Fahrrad ist vor allem ein Verkehrsmittel für die Freizeit und die kürzeren Wege.

MDR JUMP macht den Praxistest

Wir begleiten zwei Menschen, für die Leipzigs Straßen Ort der täglichen Arbeit, aber auch des Risikos sind. Fahrradkurier René legt bis zu 100 km am Tag zurück. Ein Job, bei dem es auch auf Schnelligkeit ankommt.

Fahrradkurier René aus Leipzig
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Sicher fährt man teilweise sehr ruppig, das gebe ich zu. Allein schon wegen der Schnelligkeit. Aber wenn du, wie ich seit zehn Jahren auf dem Fahrrad arbeitest, ist das ein bisschen was anderes, als bei jemandem, der durch die Stadt radelt und sich nebenher noch was anguckt.

Wir treffen Kraftfahrer Karl-Heinz. Er arbeitet bei einem Leipziger Fliesenfachhandel und beliefert Kunden im gesamten Stadtgebiet. Seinen 20 Tonnen schweren LKW durch die überfüllten Straßen zu manövrieren, verlangt ihm höchste Konzentration ab.

Kraftfahrer Karl Heinz aus Leipzig steht vor seinem Lkw
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Für mich entscheidend ist eigentlich der Spiegel unten rechts. Da sehe ich aber auch nur bis zur Türklinke. Alles was davor ist, liegt komplett im toten Winkel. Dann haben wir hier noch den Spiegel, falls vorne einer langrennt. Aber die alle mit einmal im Augenschein zu behalten, ist gar nicht so einfach.

Besonders schwere Folgen haben Unfälle mit Lastwagen, dabei starben im vergangenen Jahr in Deutschland 76 Radfahrer. Und: Bei solchen Unfällen trugen Radfahrer nur in einem von fünf Fällen die Hauptschuld. Bei etwa jedem dritten Unfall mit Personenschaden, an dem ein Fahrrad und ein Lastwagen beteiligt waren, handelte es sich um einen Abbiege-Unfall - weil Lkw-Fahrer oft Radler im "toten Winkel" übersehen.

Gründe für die tödlichen Unfälle

Die Politik hat sich des Themas verstärkt angenommen. Elektronische Abbiege-Assistenten können Lkw-Fahrer bei drohenden Kollisionen warnen oder die Fahrzeuge abbremsen. Verkehrsminister Scheuer will den Einbau von solchen technischen Systemen in Deutschland beschleunigen - dies geschieht zunächst auf freiwilliger Basis der Speditionen und Logistikunternehmen. Einen verpflichtenden Einbau kann es nur auf EU-Ebene geben, die Verhandlungen aber dauern. Dem ACE (Auto Club Europa e. V.) geht das alles nicht schnell genug. Im MDR JUMP-Interview sagt Anja Smetanin:

Anja Smetanin, Sprecherin vom ACE
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Es scheint, dass die Problematik und die Möglichkeit der technischen Verbesserung bei der Politik angekommen ist. Aber man handelt immer noch viel zu zögerlich. Thema Abbiege-Assistent: Aus unserer Sicht müsste der so schnell wie möglich verpflichtend für alle Lkw kommen. Und generell sehen wir eine große Gefahr für Radfahrer im innerstädtischen Kreuzungsbereich. Und deshalb muss man schauen, dass die Infrastruktur im Kreuzungsbereich verbessert wird.

Eine mangelhafte Verkehrs-Infrastruktur ist nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Sachsen Auslöser für die gestiegene Zahl der Radtoten. Wegen unklarer Vorfahrtssituationen und Wegeführungen sowie abrupt endender Radwege seien besonders Kinder und ältere Radfahrer überfordert, erklärte der ADFC.

Wir brauchen eine stärkere Aufmerksamkeit auf dieses Thema in der Verkehrsplanung und eine selbsterklärende Infrastruktur, die auch für kleine Kinder, Menschen mit körperlichen Einschränkungen sowie Menschen über 65 Jahre leicht und sicher benutzbar ist.

Konrad Krause, Geschäftsführer des ADFC Sachsen

Berlin habe die «Vision Zero», eine Initiative gegen Tote und Schwerverletzte im Straßenverkehr, zum Ziel der städtischen Verkehrsplanung erklärt. Der ADFC forderte für Sachsen ähnliche Initiativen. Krause: "Im Koalitionsvertrag haben CDU und SPD 2014 miteinander vereinbart, dass sie mehr für die Verkehrssicherheit tun wollen. Davon ist bisher nichts zu erkennen."

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 17. August 2018 | 19:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. August 2018, 11:00 Uhr

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