25.02.2020 | 20:21 Uhr Corona macht erfinderisch: Youtube wird zum Klassenzimmer

Der Radebeuler Gymnasiallehrer Peter Müller hat aus der Not eine Tugend gemacht: Weil er mit seinen Schülern nicht mehr in direkten Kontakt treten kann, übermittelt er ihnen Aufgaben und Lehrstoff per Youtube-Video. Damit will er auch eine Botschaft an seine Kolleginnen und Kollegen senden.

Peter Müller, Lehrer Gemeinschaftskunde, Rechtserziehung, Wirtschaft) Lößnitzgymnasium Radebeul.
Bildrechte: Peter Müller

Dass der trainierte Mann in Trainingshose und Sport-T-Shirt durchhält, ist nicht die Frage. Weder bei der "statischen Haltearbeit für die Rückenmuskulatur", 30 Sekunden lang nur auf einen Arm und das gegenüberliegende Bein gestützt, noch bei den Liegestützen. 50 davon braucht es für die Note Eins - und mit in die Kamera gerecktem Daumen ermuntert Peter Müller seine Schüler der sechsten und siebten Klasse, tüchtig zu üben. "Am besten jeden zweiten Tag."

Am Anfang war das Hobby

Der 58-Jährige ist Lehrer am Radebeuler Lößnitzgymnasium. Und weil er seine Schüler derzeit weder im Sportunterricht noch im Fach Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung/Wirtschaft (GRW) persönlich ansprechen und betreuen kann, hat er zum Mobiltelefon gegriffen. Statt nur Aufgabenzettel in eine Cloud einzustellen, hat er kurze Aufgaben- und längere Erklär-Videos gedreht und auf Youtube hochgeladen.

Auf die Idee kam er, weil er schon zuvor sein Hobby zuweilen filmisch umgesetzt hatte: Müller sammelt alte Ventilatoren - und hatte für kurze Präsentations-Clips einen Youtube-Kanal eingerichtet.

Ein Smartphone reicht

"Technisch ist das nicht aufwendig", betont Müller. Bislang reichte ihm sein Smartphone und ein Stativ aus dem Schulbestand. Das hatte er in der Sporthalle genutzt und in einem Fachraum der Schule so aufgestellt, dass es ihn und die Multimedia-Tafel im Hintergrund aufzeichnen konnte. So entstanden zwei Unterrichtseinheiten: Für die siebten Klassen gibt Müller Recherche-Tipps und Arbeitshinweise für ein Langzeitprojekt, das sich mit Radebeuler Problemen befassen soll, für den GRW-Kurs des 11. Jahrgangs hält er eine knapp siebzehnminütige Vorlesung zum Thema Sicherheitspolitik.

Mittlerweile darf die Schule aber nicht mehr betreten werden. Der engagierte Lehrer indes zeichnet auch im eigenen Arbeitszimmer auf – zuletzt ein Erklärvideo zum Thema "Soziale Mobiliät", den Auf- und Abstiegsmöglichkeiten in der Gesellschaft. Passend dazu trägt Müller statt Sportdress, T-Shirt oder Blümchenmuster-Hemd ein seriöses dunkles Hemd und eine Krawatte.

Peter Müller, Lehrer
Lehrer Peter Müller ganz modern - auf einem eigenen Youtube-Kanal. Nur dass er damit zum Frontalunterricht zurückgekehrt ist, das stört ihn ein bisschen. Bildrechte: Screenshot Youtube

Videos liefern authentisches Bild

Die Videos, betont Müller, sind auch nicht aufwendig bearbeitet. "Wenn ich mich verspreche, verspreche ich mich eben." Das passiere im Unterricht ebenso. "Die Schüler bekommen ein authentisches Bild." Womit der Pädagoge, der vor 25 Jahren aus Frankfurt am Main nach Sachsen kam und seitdem am Radebeuler Lößnitzgymnasium unterrichtet, allerdings ein bisschen hadert, ist "die Rückkehr zum Frontalunterricht". Der sei gerade in Fächern wie GRW mittlerweile nicht mehr üblich, viele Lernziele würden eher im gemeinsamen Dialog erarbeitet. "Das fällt bei einem Video natürlich flach."

Auf der anderen Seite plädiert Müller ausdrücklich dafür, die neuen Medien und ihre Möglichkeiten im Unterricht noch sehr viel stärker einzusetzen. Ihm kommt dabei durchaus entgegen, dass Unterrichtsvorbereitung in seinem Fach kaum anders funktioniert. "Lehrbücher für Latein oder Mathe und Physik veralten nicht so schnell", sagt er. Wenn man aber bei den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben wolle, seien klassische Lehrbücher wenig hilfreich. "Mein Material stammt überwiegend aus dem Netz."

"Ermunterung" für Kolleginnen und Kollegen

Sein Vorgehen möchte Müller ausdrücklich auch als "Ermunterung" an das Schulsystem und Kolleginnen und Kollegen verstanden wissen, den Lehrstoff moderner und abwechslungsreicher zu vermitteln. "Auch in meiner Alterskohorte ist die Einstellung 'Ich brauch das nicht mehr' eher nicht zielführend", sagt der 58-Jährige. Dass ihm als GRW-Lehrer das Umschwenken aufs Netz möglicherweise leichter fällt als Kollegen anderer Fächer, räumt Peter Müller durchaus ein - Medienerziehung ist schon von der siebten Klasse an ein Bestandteil des Lehrstoffs.

Und wie finden das die Schüler?

Bei seinen Schülern kommen die Youtube-Videos Müllers durchaus an. Der Lehrer bleibe er selbst, finden Richard und Patricia , die im 11. Jahrgang des Lößnitzgymnasiums seinen GRW-Kurs belegen. Einig sind sie sich aber auch darin, dass solche Videos am ehesten "in geisteswissenschaftlichen Themenfeldern" wie Geschichte, Deutsch oder eben GRW funktionieren könnten.

Ihr Mitschüler Georg Müller findet die Idee des Lehrers im Grundsatz "an sich sinnvoll" und "sehr schön". Aber auch er bedauert, dass die Interaktion fehlt. Interaktive Karten im Hintergrund fände er toll, auf denen logische Zusammenhänge erklärt werden können.

Der Nachteil gegenüber Arbeitsblättern ist, dass der Schüler nicht gefordert ist. Da besteht die Gefahr, dass er sich nur berieseln lässt.

Georg Müller Schüler Lößnitzgymnasium Radebeul

Die Corona-bedingte unterrichtsfreie Zeit ist für den Elftklässler bislang gut verlaufen. "Das hat bei uns gut geklappt. Wir hatten schnell unsere Aufgaben bekommen. Es ist sehr viel Selbstdisziplin gefragt."

Wünsche für die Zukunft

Verbesserungspotenzial sieht Peter Müller in der aktuellen Situation am ehesten bei der Technik. "Hätte ich das wirklich geplant, hätte ich mir vielleicht noch eine bessere Kamera und ein vernünftiges Mikrofon gekauft", sagt er. Aber mit dem Smartphone funktioniere es auch - bis es wieder normalen Unterricht gibt.

Quelle: MDR/rad

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.03.2020 | 18:02 Uhr im Radioreport

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2020, 20:21 Uhr

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