Zustimmung zum Tempolimit steigt

Kommt es oder kommt es nicht? Deutschland streitet um das Tempolimit auf Autobahnen. Mal wieder. Doch so langsam scheint die öffentliche Meinung zu kippen.

LKW und PKW stehen auf der Autobahn 4 in Richtung Dreieck Nossen im Stau
Deutschland ist neben Haiti das einzige Land der Welt ohne ein generelles Tempolimit. Die Zustimmung in der Bevölkerung dafür bröckelt schon seit längerem. Bildrechte: imago/Robert Michael

Sachsen enthielt sich, Sachsen-Anhalt ebenso. Und ein Vertreter aus Thüringen fuhr wegen des Eklats um die Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum kurzzeitigen Ministerpräsidenten, der auch Stimmen von der AfD bekommen hatte, gar nicht zur Abstimmung. Als der Bundesrat im vergangenen Jahr in Berlin über ein Autobahn-Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde abstimmte, gehörten die drei Länder unserer Region nicht zu den Unterstützern. Das lag daran, dass es in den jeweiligen Koalitionsregierungen unterschiedliche Meinungen zum Thema gab.

Auf Bundesebene gescheitert

Der Vorschlag fiel auf Bundesebene durch. Seit dem ist der Plan jedoch immer wieder in der Diskussion und es nicht ganz unwahrscheinlich, dass er nach der Bundestagswahl wieder einmal konkreter wird. Eine neue Umfrage zeigt dabei jetzt: Immer mehr Menschen in Deutschland können sich mit der Idee einer Geschwindigkeitsbegrenzung anfreunden. In Auftrag gegeben wurde die repräsentative Befragung nicht von Umweltaktivisten, sondern von einer Versicherungsgesellschaft.

Für den „Allianz Direct Auto-Report“ wurden insgesamt 1000 Autobesitzer und Nicht-Autobesitzer zwischen 18 und 45 Jahren befragt. Dabei zeigte sich: Insgesamt 71 Prozent der Befragten sind für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. Bei Frauen lag die Zustimmung dabei höher als bei Männern. Das hat wohl auch damit zu tun, dass rund 46 Prozent der Frauen sagen, sie fühlen sich von schnellem Fahren gestört. Bei den Männern stimmten dieser Aussage nur 33 Prozent zu.

Wer viel fährt, will möglichst keine Beschränkungen

Vielfahrer halten im Schnitt eher wenig von einer generellen Höchstgeschwindigkeit: 56 Prozent derjenigen Autofahrer, die mehr als 50.000 Kilometer im Jahr mit dem Auto unterwegs sind, lehnen ein Tempolimit ab. Bei ihnen handelt es sich um die größte Gruppe der Gegner. Dagegen sprechen sich 57 Prozent der Befragten, die höchstens 5000 Kilometer pro Jahr mit dem Auto unterwegs sind, für eine Begrenzung auf 130 Kilometer pro Stunde aus.

Ein Verkehrsschild mit der Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 Stundenkilometern
Ganze 57 Prozent der Befragten, die max. 5000 Kilometer pro Jahr Auto fahren, sind für eine Begrenzung auf 130 Kilometer pro Stunde. Bildrechte: dpa

Nun muss man sagen: Nur ein Teil der Autofahrer fährt überhaupt schneller als 130 auf der Autobahn. Und nur ein Teil der Strecken sind komplett freigegeben. Dazu kommen Staus und Baustellen, die den Verkehr zusätzlich bremsen. Und doch ist das Thema emotional. Die gesellschaftliche Stimmung scheint nun aber langsam zu kippen.

Wie genau eine mögliche Begrenzung ausgestaltet werden könnte, da gehen die Meinungen aber auseinander. Jede beziehungsweise jeder Dritte ist für eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 Kilometern pro Stunde, so die Allianz-Befragung. Beinahe genauso viele favorisieren 140 bis 150 Kilometer pro Stunde. Rund zehn Prozent der Befragten wiederum wollten eine Zahl unterhalb von 13. Das wird also, sollte das Tempolimit eines Tages kommen, auch noch einmal eine komplizierte Diskussion…

Positive Auswirkungen für die Umwelt

Das Umweltbundesamt
Eine Studie des Umweltbundesamtes in Dessau hat die Auswirkungen eines Tempolimits auf die Umwelt berechnet. Bildrechte: MDR/André Damm

Bei den Gründen für ihre Zustimmung gaben die Befragten die Verkehrssicherheit sowie den ein geringeren Ausstoß an Kohlendioxid an. Und in der Tat: Eine Studie des Umweltbundesamtes in Dessau hat die Auswirkungen eines Tempolimits auf die Umwelt berechnet. Demnach können bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 Kilometern in der Stunde immerhin 1,9 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, bei Tempo 120 wären es demnach 2,9 Millionen Tonnen.

Viele junge Fahrerinnen und Fahrer gegen das Tempolimit

Interessant ist, dass sich überdurchschnittlich viele junge Autofahrerinnen und Autofahrer zwischen 18 und 24 Jahren kategorisch gegen ein Tempolimit aussprechen. Mit 39 Prozent liegt dieser Wert höher als in jeder anderen Altersgruppe. Mit zunehmendem Alter sprechen sich mehr Autofahrer für die Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen aus.

Deutschland ist neben Haiti das einzige Land der Welt ohne ein generelles Tempolimit. Bei Befragungen zeigt sich, dass die Zustimmung in der Bevölkerung dafür aber schon seit längerem bröckelt. Bei einer Umfrage des ADAC unter den Mitgliedern des Automobilclubs hatten sich im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit mehr als einem Vierteljahrhundert eine knappe Mehrheit der Befragten für eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung ausgesprochen. Dieses Jahr wurde der Abstand etwas größer: 50 Prozent signalisierten Zustimmung zum Tempolimit, 45 Prozent waren dagegen.

Wichtiges Thema im Wahlkampf

Armin Laschet
Armin Laschet findet ein Tempolimit für E-Autos "unlogisch". Bildrechte: imago images/Future Image

Im Wahlkampf hat sich Unions-Kandidat Armin Laschet gegen generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen ausgesprochen. Es gehe darum, Technologien zu verbessern, sagt er. „Warum soll ein Elektrofahrzeug, das keine CO2-Emissionen verursacht, nicht schneller als 130 fahren dürfen? Das ist unlogisch.“ Dem Klima sei damit nicht geholfen.

Elektrofahrzeuge an einer Ladestation
Auch bei der Herstellung des Stroms für die E-Autos wird CO2 freigesetzt. Bildrechte: dpa

 „Ganz so unlogisch ist das nicht“, konterte dagegen der Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Denn die Aussage, Elektrofahrzeuge verursachten keine CO2-Emissionen, sei nicht ganz richtig. Mit dem aktuellen Strom-Mix in Deutschland werde bei der Herstellung des Stroms für die E-Autos schließlich CO2 freigesetzt. Natürlich sei das weniger als bei einem Verbrennungsmotor. „Dafür, dass Elektrofahrzeuge von einem Tempolimit ausgenommen würden, reicht es aber nicht“, so der Forscher.

Die FDP lehnt wie die Union eine pauschale Höchstgrenze ab. Ebenso die AfD. Grüne und SPD treten dagegen für ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde ein, die Linke fordert gar nur 120.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 26. September 2021 | 12:45 Uhr

Aktuelle Themen von MDR JUMP