Streitfrage Tempolimit: Was spricht dafür?

Es ist ein sehr kleiner Club – neben Deutschland ist Haiti das einzige Land der Welt ohne ein generelles Tempolimit. Aber wird das auch nach der Wahl so bleiben? Und was hat die Debatte mit Elektroautos zu tun? Hier die wichtigsten Fakten.

Ein Verkehrsschild mit der Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 Stundenkilometern
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Es ist eine Frage mit Konfliktpotenzial. Einmal im Jahr will der Automobilclub ADAC von seinen Mitgliedern wissen, was die von einem Tempolimit halten. Und im vergangenen Jahr gab es dabei ein einigermaßen historisches Ergebnis: Zum ersten Mal seit mehr als einem Vierteljahrhundert sprach sich eine knappe Mehrheit der Befragten für eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung aus. Dieses Jahr wurde der Abstand etwas größer: 50 Prozent signalisierten Zustimmung zum Tempolimit, 45 Prozent waren dagegen.

Wie schnell man auf der Autobahn unterwegs sein dürfen, dieses Thema bewegt die Menschen in unserem Land traditionell. Unterstützer verweisen auf Klimaschutz, weniger Unfallopfer, weniger Stau, Stress und Lärm. Befürworter verweisen vor allem auf die persönliche Freiheit. Auch vor der Bundestagswahl wird nun wieder über Geschwindigkeitsbegrenzungen debattiert – allerdings bekommt die scheinbar ewig gleiche Debatte durch den Vormarsch der Elektroautos aktuell eine etwas andere Richtung als früher.

Laschet sieht keinen Vorteil fürs Klima

Unions-Kandidat Armin Laschet hat sich gegen generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen ausgesprochen. Es gehe darum, Technologien zu verbessern, sagt er. „Warum soll ein Elektrofahrzeug, das keine CO2-Emissionen verursacht, nicht schneller als 130 fahren dürfen? Das ist unlogisch.“ Dem Klima sei damit nicht geholfen.

"Ganz so unlogisch ist das nicht", kontert dagegen der Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Denn die Aussage, Elektrofahrzeuge verursachten keine CO2-Emissionen, sei nicht ganz richtig. Mit dem aktuellen Strom-Mix in Deutschland werde bei der Herstellung des Stroms für die E-Autos schließlich CO2 freigesetzt. Und Knie hat sogar ausgerechnet wie viel: „Runtergerechnet auf die Fahrstrecke bedeutet das, dass ein Elektroauto etwa 50 Gramm CO2 pro Kilometer produziert, bei einem Benziner sind das 125 Gramm pro Kilometer.“ Natürlich sei das weniger als bei einem Verbrennungsmotor. „Dafür, dass Elektrofahrzeuge von einem Tempolimit ausgenommen würden, reicht es aber nicht“, so der Forscher.

Viele Autofahrer sind ohnehin nicht extrem schnell unterwegs

Die FDP lehnt wie die Union eine pauschale Höchstgrenzen ab. „Verbote sollten nur da ausgesprochen werden, wo sie auch tatsächlich gebraucht werden“, sagt Parteichef Christian Lindner.

Grünen und SPD treten dagegen für ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde ein, die Linke fordert gar nur 120. Aber was würde ein Tempolimit in der Praxis wirklich bringen? Ein paar Dinge lassen sich dazu sagen: Zunächst einmal ist es so, dass Deutschlands Autofahrer auf den Autobahnen nicht wirklich so schnell unterwegs sind, wie sie vielleicht selbst meinen. Das belegt eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen. Die Experten hatten sich die Daten angesehen, die rund 100 Messstellen in der Zeit zwischen 2010 und 2014 gesammelt hatten. Dabei zeigte sich: Nur jeder dritte Autofahrer fährt, wenn das Tempo freigegeben ist, überhaupt schneller als die Richtgeschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde.

Das heißt: Auch nur dieses Drittel wäre von einem Limit überhaupt betroffen. Und sogar nur zehn Prozent sind schneller als mit 150 Kilometern in der Stunde unterwegs. Wenn man jetzt sagt, dass die Zahlen ja ein paar Jahre alt sind – ok, dann liegt der Anteil vielleicht aktuell auch etwas höher. Aber es wäre trotzdem eben nur ein Teil aller Kraftfahrzeuglenker überhaupt betroffen.

Baustellen bremsen den Verkehr

Außerdem muss man wissen, dass rund ein Drittel der Autobahnen in Deutschland bereits Tempolimits haben. Wen man dann noch die Baustellen auf Stücken ohne Begrenzung in die Rechnung einbezieht, im Januar 2019 waren das immerhin 1667 Kilometer, zeigt sich: Nur auf 57,2 Prozent aller Autobahnstrecken können Interessierte so schnell fahren, wie sie wollen. Also im Prinzip. Denn dann muss es ja auch die Verkehrsdichte erstmal erlauben. Wenn die Autobahn voll ist, ist sie voll.

Wenn man wissen will, wie es bei uns in der Region mit Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den aussieht, dann hat man es gar nicht so einfach. Hinweise findet man aber zum Beispiel in der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage von FDP-Bundestagsabgeordneten aus dem Jahr 2019. Demnach gab es zu diesem Zeitpunkt 43 Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen in Sachsen, 27 in Sachsen-Anhalt und 75 in Thüringen.

In Sachsen-Anhalt waren damit 126 Autobahnkilometer – gemeint sind hier Richtungsfahrbahnen – von dauerhaften und temporären Geschwindigkeitsbegrenzungen betroffen. In Thüringen waren es 277 Kilometer. Für Sachsen lagen keine Daten vor.

Eine Studie des Umweltbundesamtes in Dessau hat die Auswirkungen eines Tempolimits auf die Umwelt berechnet. Demnach können bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 Kilometern in der Stunde immerhin 1,9 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, bei Tempo 120 wären es demnach 2,9 Millionen Tonnen.

Elektroautos verändern die Diskussion

Und was ist nochmal mit Laschtes Argument, dass E-Autos ein Tempolimit überflüssig machen? Beim ADAC heißt es dazu: „Je höher der Anteil von E-Autos, desto geringer die Auswirkungen eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen im Hinblick auf die Reduzierung der CO2-Emissionen. E-Autos fahren tatsächlich CO2-frei, sofern sie mit Strom aus erneuerbaren Quellen unterwegs sind“, so Verbandssprecherin Katrin van Randenborgh. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hält dagegen ein Tempolimit für die beste Werbung für E-Mobilität: „Ein Tempolimit erhöht die Reichweite von E-Autos", so DUH-Expertin Annette Stolle. Außerdem fördere es nachhaltige und zukunftsfähige E-Autos: „Denn ein Tempolimit macht kleine Akkus möglich und leichte Autos mit kleinen Akkus verschwenden weniger Energie und Ressourcen.“

Branchenbeobachter gehen davon aus, dass nach der Wahl tatsächlich ein Tempolimit kommen könnte. Die deutsche Autoindustrie habe sich damit auch abgefunden. In der elektrischen Welt werde ohnehin langsamer gefahren, sagt zum Beispiel VW-Chef Herbert Diess – weil die Fahrzeuge bei höheren Geschwindigkeiten schneller an Reichweite verlören. „Bei 160 ist der Reichweitenverlust schon beachtlich, Tempo 200 fährt man nur für kurze Zeit“, so Diess. „Auch deshalb frage ich mich, ob wir überhaupt ein Tempolimit brauchen.“ Will sagen: Auch ohne offizielles Verbot hat sich die Sache früher oder später wohl de facto erledigt.

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