Was bringt ein Tempolimit aus der Sicht von Verkehrsforschern?

Das Thema ist ein Dauerbrenner: Soll Deutschland ein Tempolimit auf Autobahnen bekommen? Wer da mitdiskutieren will, braucht gute Argumente. Hier liefern wir sie.

Ein Verkehrsschild mit der Tempobegrenzung auf 130 km/h wird mit einem Kreuz abgehangen.
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Für seine Filmrolle als Batman musste sich Hollywood-Star Christian Bale nie an Geschwindigkeitsbegrenzungen halten. Auch nicht als Rennfahrer Ken Miles im Film „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“, der im vergangenen Jahr in unseren Kinos lief. Umso verblüffter war der in Wales geborene Schauspieler, als er mal auf einer deutschen Autobahn unterwegs war: „Eine Sache hat mich wirklich überrascht: dass die Deutschen so gesittet fahren und nicht das Gaspedal bis zum Boden durchtreten“, so Bale:

Christian Bale
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Ich nehme an, dass die Einzigen, die auf der deutschen Autobahn verrücktspielen, die Touristen sind, weil die sonst nirgendwo rasen dürfen.

Dass es auf deutschen Autobahnen im Grundsatz kein Tempolimit gibt, nur eine Richtgeschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde, das ist sozusagen weltweit bekannt. Allerdings wird seit Jahren darüber diskutiert, ob wir nicht vielleicht doch eine Geschwindigkeitsbeschränkung brauchen. Umweltgründe werden von den Anhängern einer solchen Maßnahme angeführt, auch wird mit möglicherweise sinkenden Zahlen bei Unfällen argumentiert.

Was sagen Experten zum Tempolimit?

Aber was würde ein Tempolimit in der Praxis wirklich bringen? Ein paar Dinge lassen sich dazu sagen: Zunächst einmal ist es so, dass Deutschlands Autofahrer auf den Autobahnen nicht wirklich so schnell unterwegs sind, wie man vermuten könnte. Das belegt eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen.

Christian Bales Gefühl ist also richtig. Die Experten hatten sich die Daten angesehen, die rund 100 Messstellen in der Zeit zwischen 2010 und 2014 gesammelt hatten. Dabei zeigte sich: Nur jeder dritte Autofahrer fährt, wenn das Tempo freigegeben ist, überhaupt schneller als die Richtgeschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde.

Autofahrer fahren zu schnell

Das heißt: Auch nur dieses Drittel wäre von einem Limit überhaupt betroffen. Und sogar nur zehn Prozent sind schneller als mit 150 Kilometern in der Stunde unterwegs. Wenn man jetzt sagt, dass die Zahlen ja ein paar Jahre alt sind – ok, dann liegt der Anteil vielleicht aktuell auch etwas höher. Aber es wäre trotzdem eben nur ein Teil aller Kraftfahrzeuglenker überhaupt betroffen.

Aber dieser Teil hat halt einen Hang zum Bleifuß. Das legt auch eine repräsentative Umfrage des Portals Autoscout24 aus diesem Monat nahe. Dabei wurde nach der höchsten je gefahrenen Geschwindigkeit gefragt. Und der Durchschnittswert bei den Antworten lag bei sportlichen 194 Kilometern in der Stunde. Und 15 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal in ihrem Leben sogar schon einmal schneller als 240 Kilometer pro Stunde unterwegs gewesen zu sein. Interessant war, dass sich eine krasse Ungleichverteilung bei den Geschlechtern zeigte: Von den Männern sagten 24 Prozent, dass sie bei diesem Tempo schon mal am Steuer gesessen hätten, bei den Frauen waren es nur sechs Prozent.

Mehr als die Hälfte aller Autobahnkilometer ohne Limit

Nur muss selbst der härteste Speed-Freak erst einmal einen Autobahnabschnitt ohne Geschwindigkeitsbegrenzung finden, um sich auszutoben. Und davon gibt es weniger als man denkt. Knapp ein Drittel der Autobahnen in Deutschland haben nämlich bereits Tempolimits. Wen man dann noch die Baustellen auf Stücken ohne Begrenzung in die Rechnung einbezieht, im Januar 2019 waren das immerhin 1667 Kilometer, zeigt sich: Nur auf 57,2 Prozent aller Autobahnstrecken können Interessierte so schnell fahren, wie sie wollen. Also im Prinzip. Denn dann muss es ja auch die Verkehrsdichte erstmal erlauben. Wenn die Autobahn voll ist, ist sie halt voll.

Sich einen Überblick über Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Autobahnen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu verschaffen, das ist gar nicht so einfach. Zumindest Hinweise findet man aber zum Beispiel in der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage von FDP-Bundestagsabgeordneten aus dem vergangenen Jahr. Demnach gab es zu diesem Zeitpunkt 43 Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen in Sachsen, 27 in Sachsen-Anhalt und 75 in Thüringen.

Verteilung von Tempolimits in Mitteldeutschland

In Sachsen-Anhalt waren damit 126 Autobahnkilometer – gemeint sind hier Richtungsfahrbahnen – von dauerhaften und temporären Geschwindigkeitsbegrenzungen betroffen. In Thüringen waren es 277 Kilometer. Für Sachsen lagen der Bundesregierung keine Daten vor.

Was würde denn aber ein generelles Tempolimit nun bringen? Womöglich zum Beispiel mehr Sicherheit auf der Straße. Aus diesem Grund unterstützt zum Beispiel der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) mittlerweile die Forderung nach einer Begrenzung von 130 Kilometern pro Stunde. Das Ganze sei eine kostengünstige und schnell umsetzbare Option, um die Sicherheit im Straßenverkehr weiter zu erhöhen. Auf den Autobahnabschnitten ohne Tempolimit würde das kürzere Anhaltewege und damit weniger schwere Unfälle bringen.

Tempolimits retten Leben

Der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sagt ebenfalls: Ein verbindliches Tempolimit auf deutschen Autobahnen würde Leben retten. „Im Jahr 2017 kamen schätzungsweise 80 Menschen auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit zu Tode, weil sie mit nicht angepasster Geschwindigkeit unterwegs waren“, so Siegfried Brockmann, der Chef der Unfallforschung beim GDV. Die Versicherer schlagen deswegen einen Großversuch zur Wirksamkeit eines Tempolimits vor. Eine Option sei es etwa, eine Beschränkung nur für die Zeit zwischen 6 und 22 Uhr zu erlassen.

Der Stauforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen hält dagegen generell wenig von einem Tempolimit. Das wäre „nicht zielführend“, so der Verkehrsexperte:

Ich halte geregelte Geschwindigkeitsbeschränkungen für gerechtfertigt, wenn der Verkehr dichter wird – durch variable Anzeigen. Das gibt es bereits auf vielen Strecken.

Das Argument mancher Unfallforscher gegen ein Tempolimit geht so: Wenn nicht mehr so schnell gefahren werden darf, wenn weniger überholt wird, wenn weniger Spurwechsel anstehen, werden die Fahrer auch schneller gelangweilt – und das kostet im entscheidenden Moment Reaktionszeit. Außerdem steige die Gefahr von Müdigkeit am Steuer deutlich. Und das wiederum könne zu weiteren Unfällen führen.

Autobahnen sind sicher

Generell muss man sagen, dass Autobahnen die sicherste Straßenart in Deutschland sind. Rechnet man die Opferzahlen auf die gefahrenen Kilometer um, zeigt sich: Innerorts gibt es pro einer Milliarde gefahrener Kilometer 4,8 Verkehrstote, auf Landstraßen sind es 6,6. Auf der Autobahn liegt der Wert dagegen bei nur 1,75.

Klar für ein Tempolimit sind die Experten des Umweltbundesamts (UBA) in Dessau. Sie argumentieren mit der positiven Öko-Wirkung. Die UBA-Mitarbeiter haben ausgerechnet, dass durch eine Begrenzung bei 130 Kilometern pro Stunde jedes Jahr 1,9 Millionen Tonnen des Klimagases CO2 eingespart werden können. Und zwar sofort und ohne Mehrkosten, wie das UBA argumentiert. Zur Einordnung: Die Gesamtemissionen von PKWs und leichten Nutzfahrzeugen in Deutschland liegen bei rund 39,1 Millionen Tonnen CO2.

Mehrheit der Deutschen für ein Tempolimit

Und was sagen die Menschen zum Tempolimit? Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey ist eine große Mehrheit der Deutschen dafür. Konkret waren nur rund 32 Prozent der Befragten grundsätzlich dagegen, mehr als zwei Drittel der Befragten würde eine Beschränkung grundsätzlich begrüßen, Und diese Leute waren es wohl, die Christian Bale auf der Autobahn erlebt hat.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 26. Juli 2020 | 17:40 Uhr

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