So prägen uns unsere Geschwister

Sie können uns trösten und verpetzen, uns über den Tisch ziehen und emotional stützen – das Verhältnis zu unseren Geschwistern kann ziemlich kompliziert sein. Zeit für eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme.

Zwei Mädchen liegen im Gras
Bildrechte: imago images/Westend61

Mit den nüchternen Augen der Statistik betrachtet sieht die Sache so aus: Jede Frau in Thüringen bekommt im Schnitt 1,54 Kinder, für Sachsen ist der Wert genau gleich hoch – und für Sachsen-Anhalt liegt er mit 1,55 minimal darüber. Alle drei Länder liegen damit leicht über dem Bundesmittel. Oder anders ausgedrückt: Für viele von uns ist es nicht unwahrscheinlich, dass er oder sie mindestens einen Bruder oder eine Schwester hat.

Wie groß ist der Einfluss von Geschwistern auf unser Leben?

Und mit genau denen wollen wir uns heute mal ein bisschen beschäftigen. Es geht um die Frage, welchen Einfluss Geschwister auf unser Leben haben. Und dass der ziemlich groß ist, steht völlig außer Frage. Es geht lebenslang um Liebe und Rivalität. „Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife“, lautet ein Zitat von Kurt Tucholsky - „Geschwister können beides“. Man kann sich trösten und verpetzen, sich über den Tisch ziehen und emotional stützen. Und offensichtlich spielen Geschwister sogar eine wichtige Rolle für die Wahl des Partners sowie des Berufs.

Geschwisterbeziehungen seien urwüchsiger und spontaner als jede andere Beziehung, hat der Münchner Psychologe Hartmut Kasten einmal gesagt – und doch befasst sich die Wissenschaft erst seit wenigen Jahrzehnten systematisch mit ihrer Erforschung. „Durch Geschwister bekommen Kinder mit, dass sie nicht der Mittelpunkt der Welt sind. Sie lernen Empathie, also sich in andere hineinzuversetzen, und Konflikte zu lösen“, sagt Inés Brock, Erziehungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin aus Halle. Das heißt nicht, dass Einzelkindern das nicht auch können – und doch fehlen ihnen gleichaltrige Bezugspersonen innerhalb der eigenen Familie.

Rivalität machte evolutionär Sinn

Und wenn man Brüder oder Schwestern hat? Dann hängt zum Beispiel einiges vom Geschlecht ab. Schwesternbeziehungen gelten als kommunikationsorientierter, in Brüderbeziehungen gibt es dagegen oft Rivalität. Das ist evolutionär gesehen durchaus nachvollziehbar. Wenn die Ressourcen knapp waren – Nahrung, Wärme, Schutz – war es überlebenswichtig, sich eben selbst der Nächste zu sein. Das ist zwar im Normalfall heute nicht mehr so, trotzdem sind die Verhaltensweisen geblieben.

Bei Schwestern und Brüdern ist die Lage eher entspannt, sagt die Forschung. Sie nehmen sich demnach seltener als Konkurrenz wahr. „Unter Brüdern ist die Konkurrenz meist härter als unter Bruder und Schwester“, bestätigt der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort.

Interessant ist: Egal wie wenig oder viel Rivalität es gibt – Geschwister sorgen dafür, dass man sich tendenziell abgrenzt. Es gilt, die eigene persönliche Nische in der Familie zu finden. Und das sorgt wiederum dafür, dass sich Geschwister in ihren Eigenschaften und Vorlieben normalerweise nicht mehr ähneln, als in verschiedenen Familien aufgewachsene Kinder. Gar nicht so selten leben Geschwister in ihren Familien sozusagen ziemlich aneinander vorbei.

Persönlichkeitsentwicklung durch Geschwister

Lange und viel ist darüber gesprochen und geschrieben worden, dass die Reihenfolge der Geburt für die Geschwisterkonstellation eine wichtige Rolle spielt – mit einem riesigen Vorsprung für das erstgeborene Kind, für das die Eltern noch viel Zeit und andere Ressourcen hatten. Doch mittlerweile ist die Forschung davon weitgehend weggekommen. Zwar habe die Geburtsrangfolge durchaus einen Einfluss auf die Persönlichkeit, sagt auch Expertin Brock aus Halle. „Aber es gibt eben auch noch viele andere Faktoren.“

Dazu gehört zum Beispiel der Altersunterschied. Liegt er über sieben Jahren, sinkt die Verbundenheit der Geschwister – einfach, weil man wenig gemeinsame Lebenswirklichkeit geteilt hat.

„Das Besondere an der Geschwisterbeziehung ist das Schicksalhafte“, resümiert die Psychologin Sonja Rohrmann von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main - „dass die Geschwister auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert sind.“ Anders als Freundschaften könne man eine Geschwisterbeziehung eben nicht aufkündigen, so die Forscherin.     

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 10. Oktober 2021 | 06:15 Uhr

Aktuelle Themen von MDR JUMP