Sind Einzelkinder tatsächlich narzisstisch?

Ich, ich, ich – manche Leute denken wirklich nur an sich. Und immer wieder ist zu hören, dass das Problem bei Einzelkindern besonders groß ist. Doch stimmt das auch?

Maedchen hat keine Lust Hausaufgaben zu machen
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Etwa jedes vierte Kind in Deutschland wächst ohne Geschwister auf, bei uns im Osten liegt die Zahl traditionell sogar noch höher. Da ist es rund ein Drittel. Nun ist es ja so, dass Einzelkinder in der öffentlichen Meinung nicht besonders gut wegkommen: verwöhnt, egoistisch, nicht in der Lage zu teilen. Und ganz offensichtlich haftet ihnen dieses Stigma schon lange an. Forscher kennen die Ergebnisse einer Befragung des US-Pädagogen Eugene William Bohannon vor mehr als 100 Jahren. Bereits damals hatten rund 200 Befragte nahezu vollständig über angeblich verwöhnte Einzelkinder geklagt. 

Nur ist es so, dass sich diese, nennen wir sie einmal gefühlte Wahrheit, wissenschaftlich schwer bis gar nicht halten lässt. Das belegen, zumindest für uns hier in Deutschland, Erkenntnisse von Forscherinnen und Forschern der Universitäten Leipzig und Münster. Die Experten hatten unter anderem die Daten von insgesamt 1.810 Teilnehmern einer repräsentativen Studie ausgewertet. Dabei konnten sie zeigen, dass Einzelkinder in Bezug auf zwei wissenschaftliche Dimensionen von Narzissmus keine höheren Werte zeigten als Menschen mit Geschwistern.

Jüngling aus der griechischen Mythologie

Illustration - Narzissmus
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Vielleicht noch einmal zur Erinnerung, was Narzissmus eigentlich genau ist: Der Name stammt von einem Jüngling aus der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Heute verwendet man den Begriff, um zum Beispiel den Hang zu beschreiben, sich selbst in einem sehr guten Licht zu sehen - und andere gleichzeitig abzuwerten. Stark narzisstische Menschen wollen für sich eine Sonderstellung oder zumindest viel Bewunderung. Bekommen sie die nicht, reagieren sie eingeschnappt.

Und es könnte ja tatsächlich sein, dass Einzelkinder sich so verhalten – schließlich müssen sie nicht mit Bruder oder Schwester um die Aufmerksamkeit der Eltern wetteifern. Nur dass es dafür eben, wie gesagt, kaum Belege gibt. Zu diesem Schluss war auch die bereits die US-Psychologin Toni Falbo Mitte der Achtziger Jahre gekommen.

Die Forscher aus Leipzig und Münster konnten nun zeigen, dass es die negativen Unterstellungen in Bezug auf Einzelkinder vor allem von Menschen gibt, die selbst Geschwister haben.

Die „Generation Me“ existiert

Tatsächlich ist es wohl so, dass immer mehr Kinder zumindest in der westlichen Welt zum Narzissmus neigen. Das war auch der Befund der US-Psychologin Jean Twenge, die den Begriff der „Generation Me“ geprägt hat. Kollegen aus den Niederlanden, Großbritannien und den USA haben kürzlich etwas Interessantes herausgefunden: Der Boom des Narzissmus hat demnach vor allem mit dem Verhalten der Eltern zu tun.

Wer seinem Nachwuchs ständig vermittelt, er sei „besser als andere Kinder“ oder „verdiene im Leben etwas Außergewöhnliches“, fördert narzisstische Verhaltensweisen. Unabhängig davon, wie viele Kinder im Haushalt leben. „Kinder glauben ihren Eltern, wenn sie ihnen sagen, dass sie im Gegensatz zu anderen etwas Besonderes sind. Weder für sie selbst noch für die Gesellschaft ist das gut“, so Brad Bushman, einer der Autoren der Studie.

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