Ein Paar liest Teile des Grundgesetzes, das in die Glaswände des Jakob-Kaiser-Hauses in Berlin graviert wurde
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Geburtstag: Grundgesetz regelt seit 70 Jahren Miteinander von Millionen

16.05.2019 | 10:45 Uhr

"Die Würde des Menschen ist unantastbar!": Den ersten, oft zitierten Artikel des Grundgesetz haben die meisten auf Anhieb parat, selbst wenn sie keine Politiker oder Verfassungsrichter sind. Mit dem Grundgesetz versuchte Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg einen demokratischen Neuanfang. Zumindest im Westteil des Landes.

Ein Paar liest Teile des Grundgesetzes, das in die Glaswände des Jakob-Kaiser-Hauses in Berlin graviert wurde
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1396 Gramm leicht, 35 Zentimeter lang und in Pergament gehüllt: Das war die Urschrift des Grundgesetzes, an dem die Männer und Frauen des Parlamentarischen Rates seit Anfang September 1948 gearbeitet hatten. In 146 Artikeln in 15 Abschnitten wurden die wichtigsten Regeln für die Bundesrepublik Deutschland festgehalten: Die Verfassung. Die bekam dann den relativ schmucklosen Namen "Grundgesetz".

Zuversicht und Vorsicht im Text

Der Staat sollte für die Menschen da sein, nicht anders herum: Unter dieser Überschrift versuchten die Autoren des Grundgesetzes, die richtigen Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik und der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zu ziehen. Gleich die ersten 19 Artikel enthalten daher Grundrechte, mit denen sich Bürger gegen Eingriffe des Staates in ihr Leben zur Wehr setzen können. Der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages, Norbert Lammert schrieb 2007 in einem Vorwort zum Grundgesetz.

Das Grundgesetz ist das wichtigste Dokument unseres demokratischen Selbstverständnisses und die freiheitlichste Verfassung, die Deutschland in seiner Geschichte je hatte.

Am 8. Mai unterzeichnete Ratspräsident Konrad Adenauer als erster das Grundgesetz, die Alliierten genehmigten den Entwurf, zehn von elf Landesparlamenten (außer Bayern) stimmten zu. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet – der Tag ist damit auch die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland.

"Grundgesetz" statt "Verfassung"

Prager Botschaft, 29.9.1989 Ausreisewillige DDR-Bürger steigen am 29.9.1989 mit ihren Kindern über den Zaun der bundesdeutschen Botschaft in der tschechoslowakischen Hauptstadt Prag.
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Mit dieser Entscheidung wollten die Autoren auch zeigen, dass das Grundgesetz nur ein Provisorium war. Das galt nur für einen Teil von Deutschland und sollte daher auch nur so lange gelten, bis das gesamte deutsche Volk eine gemeinsam beschlossene Verfassung hatte. Doch nach dem Ende der DDR entschied man sich für einen anderen Weg, der laut Artikel 23 möglich war: Die fünf neugebildeten ostdeutschen Länder traten dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei. Aus dem Provisorium wurde eine endgültige Verfassung.

Das Grundgesetz wird 70

Was muss in eine Verfassung? Auf welchen Regeln kann man nach dem Krieg einen neuen Staat aufbauen? Wie regelt man das Miteinander von Millionen von Menschen? Wie 1948 vier Frauen und 61 Männer des Parlamentarischen Rates diese Mammutaufgabe lösten, erzählt dieser mehrteilige, hörenswerte Podcast der ARD.

Wende und Wiedervereinigung haben das geteilte Deutschland zusammengebracht, Millionen von Menschen haben hier über die Jahre ein neues Zuhause gefunden, es gibt die Homo-Ehe und Internet und Smartphones spielen eine wichtige Rolle in unserem Alltag:

Zwei Männer bei der Hochzeit
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Deutschland hat sich über die letzten 70 Jahre deutlich verändert. Das Grundgesetz wurde zwar oft aber eben nur in einigen wichtigen, meist kleineren Punkten geändert. Das zeigt eine Analyse der Süddeutschen Zeitung. Die Wiederbewaffnung wurde 1956 aufgenommen, 1990 die Präambel zur Wiedervereinigung, die Kontrolle von Nachrichtendiensten und die Zusammenarbeit von Bund und Ländern wurde neu geregelt. Immer wieder gibt es daher auch Forderungen, das Grundgesetz deutlicher an die Veränderungen anzupassen. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte auf einem Festakt zum 70. Geburtstag der Verfassung:  

Das Grundgesetz diente uns stets als verlässliches Fundament unseres Zusammenlebens. Es ist die Antwort auf die Frage, wie heute über 80 Millionen Menschen mit all ihren Unterschieden zusammenleben können.

Das Grundgesetz schaffe den Raum für die Freiheit, die der Mensch zum Menschsein brauche.

Dieses Thema im Programm Die MDR JUMP Nachrichten | 23. Mai 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 10:45 Uhr

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