Mann im Anzug mit Whiskyflasche und -glas
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Alkohol im Job: Großes Risiko für alle

16.05.2019 | 14:55 Uhr

Alkohol am Arbeitsplatz ist in Deutschland ein gewaltiges Problem, warnen Experten. Bis zu zehn Prozent aller Beschäftigten trinken Alkohol in riskanten Mengen. Gefährdet sind laut Deutscher Hauptstelle für Suchtfragen alle: Vom Azubi über Mitarbeiter bis zum Chef.

Mann im Anzug mit Whiskyflasche und -glas
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Der Elektriker arbeitet trotz Alkohol im Blut an Leitungen mit Starkstrom. Der Arzt behandelt im alkoholisierten Zustand Patienten. Die Leistung der Verwaltungsangestellten leidet, weil sie regelmäßig zum Alkohol greift. Mit der bundesweiten Aktionswoche "Kein Alkohol am Arbeitsplatz" will die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) darauf aufmerksam machen, dass es durch alkoholisierte Mitarbeiter Sicherheitsprobleme geben kann und die Qualität der Arbeit deutlich leidet. Schon ab 0,2 Promille im Blut lässt unser Sehvermögen und auch unser Denkvermögen deutlich nach. Jedes Jahr entstehen laut DHS Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe, weil Beschäftigte mit Alkoholproblemen Produktionsausfälle verursachen und auch weil durch Alkohol das Gesundheitssystem stärker belastet wird.

Hoher Alkoholkonsum lenkt bei der Arbeit ab

Eine Frau trinkt Wein
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In Sachsen trinken laut dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport knapp 190.000 Arbeitnehmer riskant viel Alkohol. Im Freistaat sei bei drei von vier Fehltagen wegen Suchtproblemen Alkohol die Ursache. In Thüringen zeigen über 130.000 Arbeitnehmer riskanten Alkoholkonsum. Bei Betroffenen sei der Krankenstand fast doppelt so hoch. Das gilt laut DAK auch für Sachsen-Anhalt. Dort sind 53.000 Arbeitnehmer betroffen und damit knapp sechs Prozent der Beschäftigten. Zur Aktionswoche sagte Peter Raiser von der DHS:

Wir haben es mit erheblichen Ausmaßen zu tun. Es ist wichtig zu handeln – für Betriebe und für uns als Gesellschaft.

Laut DHS gab in bundesweiten Befragungen jeder zehnte Arbeitnehmer mit einem riskanten Trinkverhalten an, Alkohol habe im Job abgelenkt oder zu Konzentrationsproblemen geführt. Unter Arbeitnehmern mit einer möglichen Abhängigkeit war es sogar fast jeder Zweite.

Wie erkennt man, dass Kollegen am Arbeitsplatz trinken?

Der andere reagiert ohne ersichtlichen Grund sehr stark auf Ereignisse im Job, braust bei Kritik eher auf, ist unkonzentriert und vernachlässigt sein äußeres Erscheinungsbild: Das können laut DHS Warnsignale sein. Viele würden ungern Kollegen auf ein mögliches Alkoholproblem ansprechen. Selbst wenn sie sehr sicher seien, dass der andere im Job trinke. Viele würden bei dem Thema gar nicht erst in die Schwierigkeit einer Situation kommen wollen. Das sagte der Arzt und Medizinjournalist Dr. med. Christoph Specht MDR JUMP:

Dr. med. Christoph Specht
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Wenn ich das sehr konfrontativ mache, dann werde ich auf jeden Fall beim Alkoholiker nicht sehr weit kommen. Es ist hier sicher besser, es anzusprechen - am besten nicht vor anderen und nur im Zweiergespräch. Und dann eher den Aspekt auf die Hilfe lenken. Dass man den anderen also versteht, mitnimmt und nicht ihn einfach mit dem Problem konfrontiert und dann allein lässt.

Beim Thema Alkoholmissbrauch im Job habe sich gezeigt, dass Ansprechen deutlich besser sei als ein Problem schlicht totzuschweigen. Das sagen laut DHS auch ehemalige Alkoholabhängige.

Aktionswoche "Kein Alkohol am Arbeitsplatz"

In Deutschland wird noch immer viel Alkohol getrunken

In Deutschland ist der Pro-Kopf-Verbrauch von alkoholischen Getränken 2017 leicht gesunken: Im Schnitt trank jeder 130 Liter und damit rund zwei Prozent weniger als im Vorjahr. Damit bleibe Deutschland aber ein Land mit einem sehr hohen Konsum von Alkohol, warnt die DHS. Mehr als 74.000 Todesfälle jedes Jahr seien auf den Konsum von Alkohol oder auch auf einen Mix von Trinken und Rauchen zurückzuführen. Laut der Suchtstelle fehle in Deutschland das Bewusstsein, dass schon geringe Mengen Alkohol schädlich sein können. Das will die DHS unter anderem mit den Aktionswochen wie jetzt ändern. Sie fordert zudem höhere Alkoholpreise und weniger Werbung für alkoholische Getränke. Laut einer aktuellen weltweiten Umfrage zum Gebraucht von Suchtmitteln (Global Drug Survey) sind die Briten häufiger betrunken als andere Länder. Sie gaben in der Umfrage an, in einem Jahr im Schnitt mehr als 50mal betrunken zu sein. Auf den weiteren Plätzen folgen die USA und Kanada.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 18. Mai 2019 | 10:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 14:55 Uhr

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