Selbstfahrende Autos verhindern viel weniger Unfälle als vermutet

Fast alle von uns halten sich für gute Autofahrer. Allerdings sind Menschen für 90 Prozent aller Verkehrsunfälle verantwortlich. Wäre es da nicht gut, in Zukunft nur Roboterautos auf die Straße zu lassen? US-Forscher sind nicht ganz so euphorisch.

Ein Mann sitzt im Auto und fährt mit Autopilot
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Zwar werden die Zahlen eigentlich jedes Jahr ein bisschen besser – doch trotzdem sind sie immer noch bedrückend. Im vergangenen Jahr sind in Deutschland 3059 Menschen bei Unfällen im Straßenverkehr ums Leben gekommen. Außerdem wurden rund 384.000 Personen verletzt. Neben Strafen für Verkehrssünder ist vor allem die in Autos verbaute Sicherheitstechnik verantwortlich für den insgesamt positiven Trend: Airbags, ESP, ABS, Notbremsassistenten und so weiter.

Kann Technik den Menschen ersetzen?

Gar nicht so wenige Experten sagen: Das Problem ist eigentlich der Mensch, die Technik könnte sogar noch viel besser sein. Gäbe es nur noch fahrerlose Autos, würde die Zahl der Verkehrsopfer noch viel weiter sinken. Mehr als 90 Prozent aller Unfälle im Straßenverkehr werden auf menschliches Versagen zurückgeführt. Computer dagegen sind nie müde, betrunken oder wütend. Vor allem aber überschätzen sie nicht ihre eigenen Fähigkeiten. Denn, wenn wir mal ehrlich sind, halten sich ja viele von uns für gute Autofahrer. Doch längst nicht alle sind es auch wirklich.

Neue Forschungsergebnisse legen nun allerdings nahe, dass wohl auch die Technik nicht ganz so gut ist wie ihr Ruf. Selbstfahrende Autos würden nämlich in Wahrheit gar nicht so viele Unfälle vermeiden, warnen Experten des Insurance Institute for Highway Safety im US-Bundesstaat Virginia in einer aktuellen Studie.

Weniger Unfälle durch selbstfahrende Autos?

Die Forscher des von US-Autoversicherern finanzierten Instituts gehen für ihre Untersuchung dabei davon aus, dass in Zukunft alle Autos auf der Straße selbstfahrend sind. Doch obwohl der Mensch als Fehlerquelle dann weitgehend wegfällt, würden in solch einem Szenario wohl nur ein Drittel der Unfälle vermieden werden, argumentieren sie nach der Analyse von 5000 Unfallberichten. Positive Entwicklungen könnte es bei Zwischenfällen geben, wo der Fahrer abgelenkt oder in seiner Sicht auf das Verkehrsgeschehen behindert ist. Auch Unfälle wegen Alkohol und Drogen, Sekundenschlaf oder einem Herzinfarkt hätte ein Roboterauto ja nicht.

Aber ein Crash, weil ein anderes Auto zu schnell fährt, weil die eigene Geschwindigkeit nicht zu den Straßenbedingungen passt, weil Fahrräder und Fußgänger auftauchen – all das kann weiterhin passieren. Gar nicht zu sprechen von dem eigentlich ziemlich logischen Umstand, dass natürlich auch Computerautos Fehler machen können. So war im März 2018 eine Frau im US-Bundesstaat von einem autonom fahrenden Volvo der Firma Uber überrollt und getötet worden. Die Software hatte dunkel angezogene Elaine Herzberg, die ein Fahrrad schob, nicht als Fußgängerin identifiziert. Ihr Tod sei „vollkommen vermeidbar gewesen“, so das Fazit der zuständigen Untersuchungsbehörde NTSB.

Wie ist der Stand der Technik?

Ein Elektroauto
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„Selbstfahrende Autos zu bauen, die so gut wie Menschen fahren, ist schon eine große Herausforderung“, so IIHS-Forscherin Alexandra Mueller, die Erstautorin der aktuellen Studie. Wenn sie allerdings noch sicherer unterwegs sein sollen, so die Experten, dürften die Fahrzeuge sich nicht zu sehr am Verhalten menschlicher Fahrer orientieren. Das könnte aber wiederum Einschnitte bei Komfort und Fahrgefühl bringen – und das wiederum die Akzeptanz der Technik in den Keller treiben: Wenn das Roboterauto zum Beispiel alle paar Sekunden eine Vollbremsung hinlegt, sicher ist sicher, dann hat echt keiner Lust, dort einzusteigen.

Und noch ein Problem gibt es: Forscher haben in der Vergangenheit bereits darauf hingewiesen, dass die verstärkte Nutzung selbstfahrender Autos ethische Probleme bringen kann. Die Entwickler der Technik müssen sozusagen vorab entscheiden, wie sich das Gerät im Falle eines Crashs verhalten soll. Das Ganze gipfelt in moralisch sehr komplizierten Fragen: Wenn sich, nur mal angenommen, bei einem drohenden Zusammenstoß nur eine Person durch ein Ausweichmanöver retten lässt, überfährt das Auto dann einen Rentner? Oder stattdessen ein Kind? Ein menschlicher Autofahrer müsste die Entscheidung auch treffen, aber er hat ein moralisches Empfinden. Die Maschine hat das nicht.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 12. Juni 2020 | 10:00 Uhr

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