Evolutionsforscherin sagt: Viele Männer werden keine Partnerin mehr finden

Die Frauen haben mehr und mehr die Wahl – und für manche Männer kann das zum Problem werden. Das Phänomen gibt es nicht nur bei uns in der Region. Nun gibt es dazu ein neues Buch.

Liebe
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Besonders prekär ist die Lage in Katar. Da kommen auf 100 Frauen statistisch gesehen ganze 300 Männer.  Das hat vor allem mit den vielen, meist männlichen Arbeitern aus anderen Ländern zu tun, die in dem Emirat beschäftigt werden. In Deutschland gibt es statistisch gesehen mehr Frauen als Männer, das Verhältnis liegt bei etwa 100 zu 97. Allerdings liegt das vor allem daran, dass Frauen im Schnitt einfach deutlich länger leben, daher gibt es vor allem in den hohen Altersgruppen mehr von ihnen.

Bei uns hier im Osten ist die Sache allerdings noch einmal besonders, vor allem mit Blick auf jüngere Frauen. Viele Jahre haben vor allem jüngere, tendenziell gut ausgebildete Frauen unsere Region verlassen. Inzwischen ziehen nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zwar mehr Männer weg, dennoch herrscht in vielen strukturschwachen Teilen des Ostens weiter massiver Männerüberschuss, bis zu 25 Prozent.

Ein starker Männerüberschuss hat in erster Linie die Konsequenz, dass viele junge Männer keine Partnerin finden können

Im Gegensatz dazu überholen ostdeutsche Frauen vielerorts nicht nur die Männer aus dem Osten, sondern auch die westdeutschen Frauen. Das heißt: sie können sich umso mehr aussuchen, mit wem sie zusammen sein wollen – und zu welchen Bedingungen. Das schafft Probleme.

Wenn viele Männer um wenige Frauen konkurrieren, kann aggressives, körperbetontes Auftreten ein Mittel sein, um sich zu behaupten

Wir sind nichts anderes als Säugetiere

Ein neues Buch* der Biologin Meike Stoverock nimmt nun eine globale Perspektive ein. Ihre provokante These: Viele Männer, nicht nur in der ostdeutschen Provinz, werden irgendwann in der Zukunft keine Sexualpartnerin mehr finden. Zur Erklärung, warum es so kommen könnte, ordnet die Autorin die Rolle von uns Menschen erst einmal ein: Wir sind für sie nämlich nichts anderes als Säugetiere. Grundlegende Gesetze der Partnerwahl im Tierreich gelten auch bei uns.

Und das bringt die Autorin zum nächsten Punkt: Zwar verfügen Männchen über massenweise Samenzellen, die sie gern zum Einsatz bringen wollen, um das Überleben ihres Erbguts zu sichern. Doch für Weibchen ist die Fortpflanzung aufwändig. Ihre Eizellen sind kostbar. Und deshalb sind sie wählerisch und bestimmen darüber, welche Männchen überhaupt zum Zuge kommen. Auf Englisch heißt das „Female Choice“, es ist ein fundamentales Gesetz der Evolution.


Sex als „begrenzte Ressource“

Sex ist für Männchen eine begrenzte Ressource, die die Weibchen kontrollieren. Dass Männchen oft und hartnäckig versuchen, sexuelle Kontakte zu Weibchen herzustellen, und Weibchen diese Versuche fast immer ablehnen, ist kein Fehler des Systems – es ist das System

Allerdings war es über lange Zeit bei uns Menschen eben anders – weil Frauen in der Gesellschaft keinen gleichen Platz hatten. Weil sie an Heim und Herd feststeckten, konnten gewissermaßen die Männer über die Verteilung der Frauen bestimmen. Doch das ändert sich jetzt, zumindest in westlichen Gesellschaften. Frauen werden freier und unabhängiger.

Die Kultur, nicht die Evolution, hat bisher Frauen den Männern zur Verfügung gestellt – und damit brechen die Frauen jetzt

sagt Stoverock. „Female Choice“ kommt demnach wieder – und nicht alle Männer werden vom Ergebnis begeistert sein.

Negative Auswirkungen des Langfristtrends gibt es schon jetzt

Die Biologin nimmt in ihrem Buch eine Perspektive über viele Generationen ein. Doch Auswirkungen dieses Langfristtrends, auch radikal negative, zeigen sich wohl bereits jetzt. Da sind zum Beispiel die sogenannten Incels. So nennt sich eine bestimmte Gruppe von Männern, vor allem im Netz. Die hätten nach eigener Aussage gern Geschlechtsverkehr, finden aber dafür keine Interessentin. Dabei haben sie doch in ihren Augen geradezu ein Recht auf Sex. Eine ziemlich wirre Vorstellung.

Incels äußern sich oft massiv frauenfeindlich und haben vielfach Gewaltfantasien. Im schlechtesten Fall leben sie die dann auch aus. So wurde der Attentäter von Halle, Stephan B., der Incel-Szene zugerechnet.

Die Autorin und Journalistin Veronika Kracher hat zu dem Phänomen Incels ebenfalls gerade ein Buch veröffentlicht. **

Incels sehen sich als Opfer einer widernatürlichen feministischen Gesellschaft, die ihnen das eigentlich naturgegebene Recht auf Sex verwehrt

Wie lässt sich das Dilemma nun aber auflösen?

Männer, die nie oder nur sehr selten Sexpartnerinnen finden, müssen ethische und gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeiten bekommen, ihre sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen

schreibt Buchautorin Stoverock. In diesem Zusammenhang denkt sie auch über Sexualassistentinnen nach und die Rolle von Prostitution.

Asexual
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*Meike Stoverock: „Female Choice. Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation“, Tropen Verlag, 351 Seiten, 22 Euro.

** Veronika Kracher: „Incels: Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults,Ventil Verlag, 280 Seiten, 16 Euro

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 06. März 2021 | 11:40 Uhr

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