Schule erst ab 9 Uhr: Ist das die Zukunft?

Ein Leipziger Gymnasium startet den Versuch: Der Unterricht soll deutlich später beginnen, als sonst. In dem Modellversuch wird getestet, ob die Maßnahme positive Effekte mit sich bringt. Mehr Leistung, weniger Müdigkeit: Ist der spätere Unterrichtsstart ein Modell für alle Lernenden?

Ein müder Schuljunge mit einem Buch in der Hand.
Kann ein späterer Schulbeginn die Konzentration erhöhen? In Leipzig wird das getestet. Bildrechte: imago/Westend61

Ausreichend Schlaf ist wichtig. Vor allem in der Kindheit und Jugend. Acht oder sogar zehn Stunden Schlaf sind optimal, sind sich Experten sicher. Doch ein zeitiger Schulbeginn sorgt oft dafür, dass die Lernenden zu wenig Schlaf bekommen. Das ergab eine Studie der Universität Marburg. Demnach sorgt zu wenig Schlaf bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen dafür, sich nicht leistungsfähig zu fühlen. Das Gelernte bleibt auch nicht so lange im Gedächtnis. Das Fazit vieler Forschender: Würde die Schule später beginnen, täte das den Schülerinnen und Schülern sehr gut.

Gymnasium testet späteren Schulstart

Ob ein späterer Schulbeginn einen positiven Einfluss auf die Jugendlichen und deren Leistung hat, soll jetzt getestet werden. Die zukünftige "Schule am Palmengarten" in Leipzig führt ab dem kommenden Schuljahr einen späteren Schulbeginn ein. Dann soll es erst um 8:50 Uhr losgehen - zumindest für die Klassenstufen sieben bis neun. Die Klassenstufen fünf und sechs starten weiterhin um acht Uhr. Die Schulleiterin orientiert sich dabei an Konzepten aus Frankreich oder Skandinavien. Dem MDR sagte sie:

Deutschland ist noch sehr in verkrusteten Strukturen verhaftet. Wir versuchen daher die Dinge im Kleinen zu verändern.

Mandy Frömmel, Schulleiterin des Gymnasiums in der Karl-Heine-Straße

Der Ansatz, die verschiedenen Klassenstufen zu trennen, kann sinnvoll sein, weil sich in der Pubertät der Rhythmus der inneren Uhr nach hinten verschiebt. Außerdem würden sich weniger Klassenstufen in die Quere kommen: "Das ist auch günstiger für die Anfahrt auf den Radwegen oder im öffentlichen Nahverkehr", sagt Frömmel weiter. Nach dem ersten Schulhalbjahr soll ein Fazit zu der Aktion gezogen werden.

Wann darf der Unterricht starten?

In der sächsischen Schulordnung ist festgelegt, wann Schulen den Unterricht beginnen können. Dort heißt es: "Der Unterricht soll zwischen 7.30 und 9.00 Uhr beginnen."

Laut einem Sprecher des Bildungsministeriums in Sachsen-Anhalt wird hier der Unterrichtsbeginn im Unterrichtsorganisationserlass geregelt. Dort heißt es: "Die erste Unterrichtsstunde [...] beginnt [...] zwischen 7.00 Uhr und 8.15 Uhr. Das Landesschulamt kann im begründeten Einzelfall einen späteren Unterrichtsbeginn genehmigen".

Im Schulgesetz in Thüringen wird kein Zeitrahmen für den Unterrichtsbeginn festgelegt. Dort heißt es lediglich, dass die Schulkonferenz darüber entscheiden kann.

Ein Junge schreibt im Klassenzimmer an die Tafel.
Bildrechte: Colourbox.de

System ist nicht überall anwendbar

Den Schulbeginn zu verschieben - das funktioniert nicht überall, sagt Uschi Kruse von der Bildungsgewerkschaft GEW in Sachsen. Als Beispiel nennt sie im Gespräch mit MDR JUMP die ländlichen Regionen, wo mehr Lernende auf die Busverbindungen angewiesen sind.

Im ländlichen Raum ist es ja nicht automatisch so, dass sich der Schülerverkehr nach den Schulen richtet. Manchmal ist das andersherum.

Uschi Kruse, Landesvorsitzende der GEW Sachsen

Auch auf die Bedürfnisse der Lehrkräfte sollte ihrer Meinung nach geachtet werden. Wenn sie Kinder oder weite Fahrtwege haben, müsse auch darauf geachtet werden. Weiterhin sagt Kruse, dass etwa 6.000 der ungefähr 30.000 Lehrkräfte in Sachsen an mehr als einer Schule beschäftigt werden. Dann haben unterschiedliche Unterrichtszeiten einen großen Abstimmungsbedarf. Aber Kruse begrüßt es, wenn Schulen gemeinsam mit Lehrkräften und Eltern die Zeiten des Unterrichts bestimmen.

Bei den weiterführenden Schulen geht das wesentlich einfacher, als im Grundschulbereich.

Uschi Kruse, Landesvorsitzende der GEW Sachsen

Keine Option für den ländlichen Raum

Ein Modellversuch - das ist eine gute Sache. So empfindet es auch das Landesamt für Schule und Bildung in Sachsen. Doch Pressesprecher Roman Schulz ist im Gespräch mit dem MDR skeptisch, ob das Modell sachsenweit funktionieren kann.

In ländlichen Regionen, wo die Schulen sehr an die Schülerbeförderung und den ÖPNV gebunden sind, ist das schwieriger umzusetzen.

Roman Schulz, Pressesprecher des Landesamtes für Schule und Bildung

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Nachrichten | 08. Juli 2021 | 10:00 Uhr

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