Heimat Ostdeutschland: Einmal Westen und Zurück

Nach der Wende haben viele Ostdeutsche ihrer Heimat den Rücken gekehrt und sind in den Westen gegangen. Oft, weil sie sich dort bessere berufliche Perspektiven erhofften. In den letzten Jahren sind viele von ihnen wieder zurückgekommen. Aus verschiedenen Gründen, aber alle mit der Sehnsucht nach ihrer alten Heimat im Herzen. Eine Dokureihe zeigt im MDR-Fernsehen einige Geschichten.

Benjamin Jagel in Mühlhausen
Benjamin Jagel in Mühlhausen Bildrechte: MDR/Tom Kühne

Eine Studie des Leibniz-Instituts für Länderkunde in Leipzig aus dem Jahr 2017 hat gezeigt: Viele Menschen kehren immer häufiger wieder in ihre alte Heimat zurück. Dafür wurden die Jahre 1999 bis 2014 untersucht. Das Ergebnis: Bundesweit kehrt etwa jeder fünfte nach drei bis vier Jahren in seine Heimat zurück. Die Spitzenregion unter den Rückkehrern ist im Osten mit 32 Prozent der westthüringische Landkreis Eichsfeld. Festgestellt wurde auch, dass Rückkehrer vor allem in ländliche Regionen zurückkommen.

Besonders häufig sind es aber junge Menschen, die in ihre ländliche Heimat zurückziehen, stellt das Leibniz-Instituts für Länderkunde fest. Zu diesen ländlichen Regionen zählen vorrangig Mecklenburg‐Vorpommern sowie große Teile Sachsen‐Anhalts, Thüringens, Sachsens und Bayerns.

Von der Großstadt in die kleine Heimat: Benjamin Jagel aus Mühlhausen

Benjamin Jagel in Mühlhausen
Benjamin Jagel in Mühlhausen Bildrechte: MDR/Tom Kühne

Benjamin ist ein Nachwendekind und wurde 1990 in Mühlhausen geboren. Bis er 19 war hat er quasi sein ganzes Leben in der thüringischen Kleinstadt verbracht. Doch dann entschied er sich, nach Zürich zu ziehen. 600 Kilometer weit weg von der Heimat. Neben Koffern hat er auch gewisse Werte aus seiner Heimat mitgenommen:

Gemeinschaftsgefühl, das Materielle steht nicht im Vordergrund, der Zusammenhalt untereinander, man hilft sich. Das sind für mich ein paar positive Werte, die auch in mein Leben eingeflossen sind durch meine Kindheit.

Nach 10 Jahren in Zürich stellt Benjamin fest: Er vermisst seine Heimat. Deshalb kehrt er nach Mühlhausen zurück und vermisst sein Leben in der Großstadt nicht.


In der Heimat einen Traum erfüllen: Juliane Hille aus Sebnitz

Juliane Hille kam mit einer Hundeschule aus Ostfriesland in die Sächsische Schweiz zurück.
Juliane Hille kam mit einer Hundeschule aus Ostfriesland in die Sächsische Schweiz zurück. Bildrechte: MDR/Tom Kühne

In der sächsischen Schweiz hat Juliane eine schöne Kindheit gehabt. Aber weil nach der Wende Ausbildungsplätze fehlen, zieht sie ins bayrische Regensburg. Dort arbeitet sie in der Gastronomie und lernt ihren Mann kennen. Und Juliane macht ihr Hobby zum Beruf und eröffnet eine Hundeschule. Wie es der Zufall so will, steht in Sebnitz ein großer Gasthof zum Verkauf. Der perfekte Ort für die Hundeschule, eine Mehrgenerationenhaus und Ferienwohnungen. Juliane zieht deshalb zurück in die alte Heimat.

Wenn man etwas Neues beginnt, braucht man überall einen langen Atem. Vielleicht hier in unserer Region - weil wir hier ja wirklich im letzten Zipfel sind - vielleicht auch ein bisschen mehr.


Im Heimathafen angekommen: Katja und Jan Schlennstedt aus Oberheldrungen

Jan Schlenstedt mit seinem Brauerei-Azubi. Er hat das Bierbrauen im Westen gelernt und ist nun zurück in Erfurt.
Jan Schlennstedt mit seinem Brauerei-Azubi. Er hat das Bierbrauen im Westen gelernt und ist nun zurück in Erfurt. Bildrechte: MDR/Tom Kühne

Katja und Jan kennen sich seit der Schule und wachsen gemeinsam in Oberheldrungen, 50 Kilometer von Erfurt entfernt, auf. Weil Jan Bierbrauer werden möchte zieht er nach Hannover, denn nach der Wende werden in der thüringischen Region keine Bierbrauer ausgebildet. Und Katja studiert in Bielefeld Betriebswirtschaft. Nach dem Studium und der Ausbildung ziehen beide gemeinsam nach Hessen. Aber die Heimat ist auch dort unvergessen, erzählt Katja:

Ich habe immer noch den Kirmes-Sonntagnachmittag in Erinnerung, wo wir gesehen haben, wie andere mit ihren Familien auf die Kirmes gehen und wir mussten uns wieder ins Auto setzen, weil wir wieder in den Westen gefahren sind.

Zur Freude ihrer Familien ziehen beide bald wieder zurück nach Thüringen. Im ehemaligen Erfurter Güterbahnhof gründet Jan eine kleine Brauerei mit dem Namen „Heimathafen". Für Jan und Katja steht der Name auch für Ankommen, nach Hause kommen und den Anker werfen.


Den Eltern helfen: Sandra, Karsta und Maggie aus Klein-Schwechten

Sandra, Karsta und Maggie sind nicht nur Schwestern, sondern auch alle drei Krankenschwestern. Alle drei haben im Westen ihre Männer kennengelernt. Sandra ist als erste der drei in den Westen gegangen. Sie erzählt:

Ich habe damals gesagt: Mutti, ich muss jetzt in den Westen. Denn wenn die Mauer dann wieder zu ist, dann bin ich doch wieder auf der falschen Seite, wo es nicht so gut duftet. Und da hat Mutti gesagt: Du kannst machen was du willst, aber erst machst du dein Examen. Und ich hab gedacht: Bitte lieber Gott, lass die Mauer nicht wieder schließen, warte bis ich fertig bin.

In Düsseldorf gefällt es Sandra so gut, dass sie ihre beiden Schwestern nachholt. Doch dann schlägt das Schicksal zu: Nach einem Schlaganfall ihres Vaters brauchen die Eltern Hilfe - und die Schwestern kommen nach Klein-Schwechten zurück. Dort haben sie nun eine Tagespflege für Senioren eröffnet.


Als wären sie nie weg gewesen: Saskia und Sven Becker aus Dankerode

Mitte der 90er Jahre ist es schwer für den gelernten Heizungsbauer Sven im Vorharz Arbeit zu finden. Deshalb pendelt er nach Bayern. Auf einer Feier in der Heimat verlieben sich Saskia und Sven und heiraten. Sven zieht dann zu Saskia nach München. Doch nach 15 Jahren zieht es beide zurück in das Dorf ihrer Jugend. Sven erklärt:

15 Jahre in Bayern, das hat mich geprägt. Aber Heimat ist Heimat. Ich fühl mich hier einfach wohl. Das ist wie zuhause ankommen, so fühlt sich das an.

Auch im Vorharz sind sie beruflich erfolgreich und im Dorf wurden sie begrüßt und aufgenommen, als wären sie nie weg gewesen.


Doku: „Einmal Westen und Zurück"

Die Doku-Reihe begleitet zehn Rückkehrer durch den Alltag in der wiedergefundenen Heimat. Vieles hat sich hier inzwischen verändert. Es sind Geschichten vom Weggehen und Wiederkommen. Von Herausforderungen und dem Mut des Neuanfangs.

Zu sehen gibt es die bewegenden Filme am 17. September sowie am 1. und 8. Oktober, jeweils 19.50 Uhr im MDR-Fernsehen. Oder direkt in der ARD Mediathek:

Einmal Westen und zurück
Sybille Hoffmann und ihr Freund Petter an der Goitsche Bildrechte: MDR/Mia Media

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Bei der Arbeit | 14. September 2020 | 13:45 Uhr

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