Wie günstig und sicher sind runderneuerte Reifen?

24.03.2020 | 02:10 Uhr

Runderneuerte Reifen sind deutlich günstiger und umweltschonender als neue Reifen fürs Auto. Laien erkennen den Unterschied nur am Aufdruck. Autofahrer können sich auf runderneuerte Reifen genauso verlassen wie auf neue Gummis.

Automechaniker wechselt Reifen an einem Auto
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MDR JUMP Di 24.03.2020 02:10Uhr 01:00 min

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Zweites Leben für den Reifen

In der DDR wurden regelmäßig Reifen wieder für die Straße aufgearbeitet. Am Prinzip hat sich wenig geändert, sagt Michael Schwämmlein, Geschäftsführer Technik beim Bundesverband Reifenhandel:

Die abgefahrenen Reifen werden sortiert und dabei achtet der Erneuerer darauf, ob die von den geometrischen Abmessungen in die Form fürs Vulkanisieren passen. Er checkt zudem die auf Vorschäden in der Struktur, auf Fehler und Risse. Kaputte Reifen werden nicht mehr repariert.

Danach wird von einer Maschine mit Messern der alte Gummi von der Lauffläche abgeschält. Die Seitenwände werden gereinigt und aufgeraut.

Dann bringt man Neugummi auf die Lauffläche und die Seitenwand auf, der Reifen kommt in die Vulkanisationsform und dort wird der Gummi bei 140 bis 160 vom plastischen in elastischen Zustand gebracht.

Weil dabei die ganze sichtbare Fläche des Reifens "überarbeitet" wird, Experten sprechen dabei "von Wulst zu Wulst", ist der Unterschied zu Neureifen erst auf den zweiten Blick sichtbar. Runderneuerte Reifen tragen das Kürzel "R" oder Aufschriften wie "retread" oder "retreaded" und die Prüfnorm "ECE R 108". Die ist laut Bundesverband Reifenhandel identisch mit der Prüfnorm für neue Reifen.

Keine Abstriche bei der Sicherheit

LKW-Reifen werden aktuell bis zu viermal runderneuert, Flugzeug-Reifen bis zu zehn Mal: Allein diese Praxis gibt einen Hinweis darauf, dass runderneuerte Pneus von Struktur oder Haltbarkeit nicht automatisch schlechter sein müssen als komplett neu hergestellte Reifen. ADAC Sprecher Johannes Boos sagt:

Runderneuerte Reifen haben einen vergleichbar hohen Standard wie normale Neureifen.

Ähnlich sieht das Michael Schwämmlein, Geschäftsführer Technik beim Bundesverband Reifenhandel:

Bei der Höchstgeschwindigkeit etwa gelten die gleichen Vorgaben wie für neue Reifen. Auch die runderneuerten Reifen werden für die Typgenehmigung 47 Stunden lang getestet.

Es gibt aber Unterschiede: Bei neuen Reifen wird etwa das Fahrverhalten bei Nässe getestet. Diese Prüfung ist für die wieder erneuerten Pneus nicht gesetzlich vorgeschrieben. Das kann der Hersteller aber selbst freiwillig prüfen lassen, etwa bei unabhängigen Prüfgesellschaften. Wer darauf Wert legt, sollte sich also einen Erneuerer suchen, der solche Tests macht und auch darauf hinweist. Der Auto Club Europa (kurz: ACE) weist noch darauf hin:

Bei runderneuerten Reifen unterliegt der Korpus einem alterungsbedingten Verschleiß. Die Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn sollte also auch mit runderneuerten nicht überschritten werden.

Für den durchschnittlichen Autofahrer gibt es bei wieder aufbereiteten Reifen in der Regel kein Sicherheitsproblem. Die wiederaufbereiteten Pneus halten die Alltagsbelastungen laut unseren Experten durch. Hochleistungsreifen für Sportwagen wiederum, die auch bei hohen Geschwindigkeiten starke Belastungen kompensieren müssen, werden in der Regel von den Runderneuerern nicht angeboten.

Runderneuerte Reifen sind günstiger, halten aber weniger lang

Bis zu 70 Prozent weniger Energie für die Herstellung, 50 Prozent weniger Erdöl: Im Vergleich zu neuen Reifen sind runderneuerte Pneus deutlich umweltschonender. Die müssen zudem nicht aus Fabriken in Asien oder Europa nach Deutschland geschafft werden. Michael Schwämmlein vom Bundesverband Reifenhandel sagt:

Das Hauptargument ist aber: Es wird Abfall vermieden und Rohstoffe werden in dem Kreislauf wieder genutzt.

Runderneuerte Reifen sind laut ACE bis zu fünfzig Prozent günstiger als vergleichbare Neureifen.

Allerdings besteht das Risiko, dass runderneuerte Reifen schneller ersetzt werden müssen als neue Reifen. Die Reifen verschleißen im Schnitt rund 30 Prozent früher als Neureifen und das führt dann wieder zu Kosten.

Wer aus Kosten- und Umweltgründen auf runderneuerte Reifen setzen will, muss etwas suchen, sagt Michael Schwämmlein.

Aktuell gibt es dafür in Deutschland nur noch einen Hersteller, ein weiterer plant den Einstieg. Ein Grund sind die vielen Reifendimensionen, die es gibt. Früher waren es zehn und die deckten einen großen Teil vom Reifenmarkt ab. Heute muss man 80 bis 120 Reifendimensionen abdecken.

Die Runderneuerer konzentrieren sich vereinfacht gesagt auf Reifen, die sie gut und mit vergleichsweise hoher Gewinnspanne verkaufen können: Das sind häufig Winterreifen und Pneus in Dimensionen, die von sehr vielen Autos gefahren werden können. Die werden auf Plattformen im Internet wie Reifendirekt, King Meiler, auf eBay oder Amazon angeboten.

Fazit

Wer wiederaufbereitete Reifen kauft, schont die Umwelt und das eigene Portemonnaie. Bei der Sicherheit und den Fahreigenschaften muss man keine Abstriche machen. Allerdings ist das Angebot vergleichsweise klein und passt eventuell nicht zum eigenen Auto.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 24. März 2020 | 11:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. März 2020, 02:10 Uhr