Der Tierernährungstrend Barfen

14.08.2019 | 02:10 Uhr

Australian Cattle Dog 1 min
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MDR JUMP Mi 14.08.2019 02:10Uhr 01:12 min

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Die Idee hinter dem Barfen ist, in der Ernährungsweise der Hunde und Katzen zurückzugehen zu den Wurzeln: Bevor es Nass- und Trockenfutter für die Vierbeiner in jedem Supermarkt zu kaufen gab, haben sie sich von frischem, ungekochten Fleisch ihrer Beutetiere ernährt. Deshalb ist der Hauptbestandteil eines Barf-Menüs für Hunde und Katzen rohes Fleisch vom Rind, Pferd, Geflügel, Wild oder Lamm – und zwar nicht nur das Muskelfleisch, sondern auch die Innereien, Knochen und tierischen Nebenprodukte wie etwa Fell oder Euter.

Eine Katze jagt eine Maus.
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Tatsächlich ist das enthaltene Eiweiß im rohen Fleisch für Hunde besser verdaulich als im vorgekochten und nach wie vor entspricht die ideale Nahrungsportion für eine Hauskatze in etwa dem Nährgehalt einer gewöhnlichen Maus. Auch gibt es Indizien, dass Haustiere mit Allergien durch die Barf-Ernährung weniger Probleme haben. Allerdings reicht Fleisch allein nicht aus, um Hunde und Katzen ausgewogen zu ernähren.

Auf ausgewogene Ernährung achten

Wir Tierärzte haben generell kein Problem mit Barf-Rationen, allerdings sollten sie bitte mit Mineralfutter ergänzt werden.

Prof. Dr. Ingrid Vervuert, Institut für Tierernährung, Ernährungsschäden und Diätetik

Neben den Eiweißen aus dem Fleisch benötigen Hund und Katze auch Mineralstoffe wie Kalzium, Natrium oder Phosphor, Vitamine, Fette und Ballaststoffe.

Ein Hund frisst aus einem im Gras stehenden Futternapf
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Die reine Fleischfütterung für Hunde ist kritisch. Wir haben auf dem Sofa einfach keinen Wolf mehr sitzen, sondern einen Hund und der hat sich über die Jahrhunderte an unsere Ernährungsgewohnheiten angepasst.

Prof. Dr. Ingrid Vervuert

Katzen dagegen sind nach wie vor nahezu ausschließliche Fleischfresser und daher fast noch besser fürs Barfen geeignet als Hunde.

Dennoch sollten auch bei Katzen Mineralstoffe durch Futter zugefügt werden. Die lebenswichtigen Zusatzstoffe für Hund und Katze müssen über die richtigen "Beilagen" dem Menü beigemengt werden. Das können zum Beispiel natürliche Produkte wie Öl, Fisch und Muscheln, getrocknete Algen, Getreideprodukte, Obst und Gemüse, Milchprodukte, gemahlene Eierschalen, Lebertran sein oder, wie die Fachtierärztin empfiehlt, spezielles Mineralfutter für die jeweilige Tierart.

Risiko der zu einseitigen Ernährung

Fehlt es den Haustieren an bestimmten Stoffen oder werden sie zu einseitig ernährt, können sie ernsthafte Erkrankungen entwickeln, wie folgende Beispiele zeigen: Katzen müssen täglich Taurin zu sich nehmen, weil ihre Leber die Aminosäure nicht selbst herstellen kann. Sind sie mit diesem Stoff unterversorgt, kann das zu Augenproblemen bis zur Erblindung und ernsten Stoffwechselproblemen führen. Zwar ist Taurin in rohem Fleisch enthalten, es reicht jedoch nicht aus, um den Tagesbedarf zu decken. Bekommen junge Hunde und Katzen zu wenige Kalzium, kann sich ihr noch wachsendes Skelett verformen.

Eine Katze frisst ihr Futter von einem Teller
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Ein Problem kann auch sein, wenn Hunden zu viele Knochen gefüttert werden. Knochen werden von Hunden nicht komplett verzehrt und führen dann zum so genannten Knochenkot, also teilweise hartnäckigen Verstopfungen.

Prof. Dr. Ingrid Vervuert

Zu wenig Jod beeinträchtigt die Schilddrüsenfunktion. Getreidefreie Ernährung kann zu Herzmuskelerkrankungen führen. Zu viele Innereien und Knochen im Hundemenü begünstigen die Entstehung von Blasensteinen und zu viel fleischliches Eiweiß kann zu Leber- oder Nierenschäden bei älteren Hunden führen. Generell empfehlen Tierärzte, bei diagnostizierten Erkrankungen, etwa der Nieren, lieber auf Barfen zu verzichten und spezielles, mit dem Tierarzt abgesprochenes Futter zu verwenden.

Zusammensetzung des Futters mit Tierarzt absprechen

Die richtige Zusammenstellung des Barf-Menüs zu kreieren ist nicht leicht. Ein allgemeines Rezept für alle Hunde oder Katzen gibt es nicht - und kann es nicht geben, denn die Tiere unterscheiden sich in ihrem Nährstoffbedarf aufgrund ihrer Rasse, ihres Alters, ihrer Größe sowie ihres Gewichts deutlich.

Wir haben uns ein paar der Rezepte aus dem Internet angeschaut und müssen sagen: Die wenigsten sind angemessen.

Prof. Dr. Ingrid Vervuert
Katze beim Tierarzt
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Barf-Rezepte aus Büchern oder Internetblogs sollten daher nicht einfach unhinterfragt übernommen werden. Auch Mitarbeiter von Zoohandlungen und Barf-Shops sind laut Vervuert nicht immer umfassend geschult, was die richtige Ernährungszusammensetzung betrifft. Wer sein Haustier tatsächlich biologisch und artgerecht mit Rohfleisch füttern will, sollte die Zusammensetzung der Rationen also unbedingt mit einem spezialisierten Tierarzt besprechen und regelmäßig den Bedürfnissen des Tiers anpassen.

Einige Lebensmittel sind tabu

Eine gezeichnete Avocado mit einem Verbotskreis
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Es gibt sowohl tierische als auch pflanzliche Zutaten, die nicht ins Barf-Menü gehören. Dazu gehört rohes Schweinefleisch, auch das des Wildschweins. Es kann das Virus der Aujeskyschen Krankheit enthalten, das bei Hunden und Katzen eine tödlich verlaufende Infektion hervorrufen kann. Hülsenfrüchte, Knoblauch, Zwiebeln, Rosinen, Weintrauben, Kartoffeln, Avocados, Auberginen und Tomaten sind ebenfalls Lebensmittel, die Hunde und Katzen ungekocht nicht fressen sollten, weil sie auf die Tiere giftig wirken können.

Fertige Barf-Menüs nicht empfehlenswert

Barf-Menüs täglich frisch selbst zu kreieren, das erfordert ziemlich viel Vorwissen und Zeit. Denn all die natürlichen Zutaten müssen frisch beschafft und mit den notwendigen Zutaten in der richtigen Zusammenstellung versehen werden. Wem das zu aufwändig ist, kann im Zoohandel auf tiefgekühlte, fertig zusammengestellte Barf-Menüs zurückgreifen.

Logo "Stiftung Warentest"
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Nach der Untersuchung der Stiftung Warentest aus dem Juni 2019 sind diese jedoch nicht empfehlenswert. Die fünf getesteten Fertig-Barf-Menüs für Hunde waren allesamt mangelhaft, weil die Nährstoffzusammensetzung unausgewogen war. Das zeigt auch die Erfahrung von Ingrid Vervuert von der Universität Leipzig:

Eigentlich müssen Hersteller garantieren, dass das Tier bei einem Alleinfutter ausreichend versorgt wird. Gerade für junge Hunde ist es jedoch nicht immer ausgewogen zusammengesetzt und das kann zu auffälligen Knochenproblemen führen.

Prof. Dr. Ingrid Vervuert

In der Untersuchung der Stiftung Warentest waren die Produkte zudem mit Entero- und Koli-Bakterien belastet. Generell ist es mit den fertigen Menüs schwer, den individuellen Nährstoffbedarf des eigenen Tieres zu bedienen.

Hygieneregeln für die Barf-Ernährung

Rohe Hühnerstücke liegen auf einem Schneidebrett aus Kunststoff.
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Rohes Fleisch gilt als einer der Hauptüberträger für Keime, etwa Salmonellen, Campylobacter oder Toxoplasma gondii. Für die Vierbeiner ist das meist unproblematisch, genauso wie Darmbakterien, die laut Stiftung Warentest in einigen fertigen Barf-Menüs enthalten waren. Für Menschen jedoch können Infektionen mit den Erregern zu ernsthaften Krankheiten führen. Daher muss vor allem in Haushalten mit Schwangeren, kleinen Kindern oder immungeschwächten Personen besondere Vorsicht bei der Herstellung der Barf-Menüs gelten.

Frau am Kühlschrank
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Gute Kühlung ist wichtig, um die Vermehrung der Keime zu verhindern. Wer Barf-Fleisch tiefgekühlt kauft, muss darauf achten, dass die Kühlkette gewahrt bleibt. Für die Barf-Ernährung im Urlaub empfiehlt es sich, die Zutaten vor Ort frisch zu kaufen und nicht die rohen Produkte mit auf lange Reisen zu nehmen. Fleisch für die Haustiernahrung muss keine Lebensmittelqualität haben.

Wir würden aber schon empfehlen, das Futter in Lebensmittelqualität zu kaufen, weil es einfach besser kontrolliert ist. Und gerade bei Geflügelfleisch würde ich doch dazu raten, es lieber vor dem Füttern zu kochen, um die Keimbelastung, gerade auch für den Menschen, zu minimieren.

Prof. Dr. Ingrid Vervuert

Für das Schneiden der Zutaten sollten möglichst eigene Messer und Bretter verwendet werden, die nach jeder Benutzung gründlich abgewaschen werden müssen. Es empfiehlt sich, Einmalhandschuhe zu benutzen. Außerdem sollte das Fleisch nie direkt neben Lebensmitteln gelagert werden.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 14. August 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2019, 02:10 Uhr

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