Welttag des Stotterns - woher kommt es und wie gehen Betroffene damit um?

Seit 1998 ist der 22. Oktober Welttag des Stotterns. Der Tag soll auf ein Leiden hinweisen, von dem rund ein Prozent aller Menschen betroffen ist. Wir erklären, wie du mit dem Stottern und Stotterern umgehen solltest.

Wegweiser zu einer Logopädie-Praxis. 1 min
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MDR JUMP Do 22.10.2020 10:45Uhr 01:05 min

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Was ist Stottern und woher kommt es?

Das Erste ist ziemlich klar: Stottern ist eine Störung im Redefluss – entweder bleibt der Betroffene an einer bestimmten Stelle im Wort stecken oder der Stotterer wiederholt eine Silbe mehrmals. Uneinigkeit herrscht darüber, wie oft eine Silbe pro 100 Wörter wiederholt werden muss, damit das Stottern eindeutig ist. Und das leitet gleich zum richtigen Problem: der Ursache. "Es gibt nicht die eine Störung oder den einen Auslöser für Stottern. Vielmehr vermuten Fachleute eine ganze Reihe von Faktoren, die Stottern auslösen und vor allem im Verlauf und ohne Behandlung verstärken können", so der Logopäde Tobias Cowan aus Leipzig. Ziemlich sicher scheint zu sein, dass die Veranlagung zum Stottern vererbbar ist. Man muss aber mit Stotterern in der Familie nicht unbedingt selbst zum Stotterer werden. Und obwohl Stottern vorwiegend im Kindesalter einsetzt, können besonders belastende Ereignisse auch bei Erwachsenen ein plötzliches Stottern auslösen. Fakt ist: Die Störung des Redeflusses ist ein richtiges Leiden und nicht etwa eine dumme Angewohnheit.

Wen betrifft es?

Kinder sind in ihrer Sprachentwicklung bis etwa zum sechsten Lebensjahr besonders sensibel für Probleme und Sprechfehler. Mehr als vier Prozent sind deshalb zeitweilig vom Stottern betroffen. Nach der Pubertät betrifft es nur noch rund ein Prozent. Auffällig: Rund drei Viertel aller Stotterer sind männlich.

Vermutet wird, dass Frauen und Mädchen von Natur aus eine bessere Sprachbegabung besitzen. Die Intelligenz spielt dabei keine Rolle. Es gibt viele berühmte und erfolgreiche Stotterer, die das belegen.

Kann man es im Vorfeld vermeiden?

Die Antwort vom Experten lautet: "Nein. Eltern betroffener Kinder müssen sich nach aktueller Kenntnislage keine Vorwürfe machen, wenn ihr Kind beginnt zu stottern. Sie können und müssen aber dafür sorgen, dass sich das Stottern nicht verstärkt und auf andere Lebensbereiche übergreift." Gerade stotternde Kinder sind Hänseleien ausgesetzt. Das kann zu Verschlossenheit, Angst und der Vermeidung von sozialen Kontakten führen. In der Schule wird mündlich nicht mehr mitgearbeitet, die Noten verschlechtern sich – es entsteht eine Abwärtsspirale, die zur Isolation und deutlichen Verstärkung des Stotterns führen kann.

Wann sollten Betroffene Hilfe suchen?

Sobald Eltern bemerken, dass ihre Kinder Probleme beim Sprechen haben, sollten sie aufmerksam sein. Dazu der Logopäde: "Sogenanntes Entwicklungsstottern verschwindet in 80 Prozent der Fälle bis zur Pubertät. Wenn ihr Kind etwa Silben wiederholt wie bei Mama, Mama, Mama ist das eher unproblematisch. Zeigt ihr Kind aber ein Anstrengungsverhalten, verdreht die Augen oder verspannt den ganzen Körper, um ein Wort heraus zu bekommen, sollten sie zum Fachmann." Und das auch schon im Alter von dreieinhalb oder vier Jahren. Einstellungen wie "Das verwächst sich schon noch." können Kindern später ein Leben lang Probleme bereiten. Die richtigen Ansprechpartner sind Kinderärzte, Logopäden und Sprachheilpädagogen. Achtung: Bitte nur Experten vertrauen, die das Thema ernst nehmen und entsprechende Therapien und Behandlungsmöglichkeiten anbieten. Betroffene Erwachsene und Jugendliche finden zudem Unterstützung und Beratung in Selbsthilfegruppen.  

Wie kann Stottern behandelt werden?

Es gibt für Stottern im Alter keine endgültige Heilung – und schon gar nicht die eine "Supertherapie". Dafür sind die Ursachen, Verläufe und Auswirkungen viel zu unterschiedlich. Dazu unser Experte: "Je eher wir aber bei Kindern mit einer Therapie anfangen, desto größer die Chancen, dass bis zur Pubertät das Stottern vollständig weg ist. Was danach noch vorhanden ist, bleibt ein Leben lang." Bei Erwachsenen und Kindern können zwei grundsätzliche Therapieansätze das Stottern und die Auswirkungen so abmildern, dass ein normales und erfülltes Leben möglich ist. Ob eine Therapie ambulant oder gar in einem Krankhaus durchgeführt wird, richtet sich nach Art und Schwere der Störung. Die meisten Behandlungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Eine Therapie kann durchaus 60 Sitzungen und länger umfassen.     

Wie geht man mit einem Stotterer am besten um?

Wer auf einen Stotterer trifft, könnte meinen, dass er ihm beim Sprechen und Wortefinden unterstützen muss. Aber genau das ist falsch. "Sie sollten sich in solch einer Situation genau so verhalten, wie in jedem anderen Gespräch. Lassen sie ihrem Gegenüber Zeit zum Sprechen und ihn vor allem ausreden", rät Ulrike Genglawski von der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V..

Die Expertin hält nichts davon, das Gespräch beschleunigen zu wollen: "Indem Sie Worte vorsagen oder ergänzen, während der Stotterer danach sucht, laufen Sie Gefahr, ihn zu demütigen. Die Stotterer wissen ja, was sie sagen wollen, es dauert halt mitunter nur länger." Also abwarten und auch gerne den entspannten Augenkontakt suchen, sind richtige Verhaltensweisen. Wer öfter und intensiver Kontakt mit einem Stotterer hat, kann das Thema ruhig auch ansprechen. Dazu Ulrike Genglawski: "Für Stotterer ist Stottern Alltag, kein Grund also, daraus ein Tabu zu machen."

Wie geht man mit stotternden Kindern um?

Logopädin übt mit einem kleinen Mädchen.
Stottern wird in der Regel in Logopädie-Praxen behandelt. Bildrechte: imago/imagebroker

Stottern kann in Kita und Schule unter den Kindern schon reichlich für Stress sorgen. Kommt zum Kindergeburtstag oder zur Party ein betroffenes Kind zu Besuch, sollten die Erwachsenen sich im Vorfeld über eventuelle Probleme austauschen. "Die Eltern wissen am besten, wie ihr Kind mit dem Stottern umgeht und das sollte man untereinander schon absprechen", rät die Expertin. Anders als bei den Erwachsenen kann man kleinen Kindern in fremder Umgebung auch mal aus einer "Sprachklemme" heraushelfen und gerne auch mal Mitgefühl zeigen. Dazu nochmal Ulrike Genglawski: "Sie dürfen schon sagen, dass das ja jetzt bestimmt anstrengend war und damit anerkennen, wie sich das Kind bemüht hat. Wichtig ist am Ende aber auch hier soviel Normalität wie möglich."

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 17. Januar 2020 | 10:45 Uhr

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