Neue Wunderwaffe? Das bringen die teuren Migränespritzen wirklich

Migräne ist eine der gemeinsten Kopfschmerzarten. Um die 15 Prozent aller Deutschen leiden darunter. Manche nur selten, andere haben bis zu 20 Attacken im Monat. Medikamente können helfen, oftmals aber nur, wenn die Attacke schon im Anmarsch oder gänzlich da ist. Relativ neu ist die Behandlung mit Migränespritzen. Die sollen vorbeugend helfen.

Junge Frau mit Migräne 1 min
Bildrechte: imago/allOver

MDR JUMP Di 09.03.2021 10:45Uhr 01:26 min

Audio herunterladen [MP3 | 1,3 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 2,6 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.jumpradio.de/podcasts/quicktipp/spritze-vorbeugend-gegen-migraene-wunderwaffe-106.html

Rechte: MDR JUMP

Audio

Was ist Migräne?

Unter den rund 360 Kopfschmerzarten zählt Migräne zu den sogenannten primären Kopfschmerzen. Sie entsteht im Kopf selbst, hat keine erkennbaren äußeren Ursachen. Oftmals ist sie erblich bedingt. Migräne gibt es in rund 45 Erscheinungsformen mit ganz unterschiedlichen Auswirkungen. Bei manchen Betroffenen äußert sich eine Migräneattacke „nur“ in starken Kopfschmerzen. Andere leiden zusätzlich noch unter Schwindel, Übelkeit, Wortfindungs- und Sehstörungen. Eine Migräneattacke kann von vier Stunden bis zu drei Tagen dauern. Ebenso unterschiedlich sind die Verhaltensweisen der Betroffenen, um die Attacke durchzustehen: Manche kommen mit viel Bewegung an der frischen Luft aus, andere müssen die Attacke in absoluter Ruhe und oft noch einem möglichst dunklen Raum aushalten. Oftmals sind Migräneattacken nicht vorhersehbar. Das macht den Alltag der Betroffenen schlecht planbar und kann zu Depressionen, Angsterkrankungen und anderen Folgekrankheiten führen. Es sind dreimal mehr Frauen als Männer betroffen.

Wie entsteht die Migräne?

Bei Betroffenen werden bestimmte Regionen am Stammhirn, ganz zentral im Kopf, überreizt. Äußerer und innerer Stress setzen dabei Botenstoffe frei. In der Fachsprache heißen die Calcitonin-Gene-Related-Peptide, kurz CGRP. Diese CGRP verursachen an Blutgefäßen der Hirnhaut eine Entzündung. Daraufhin schwellen diese Blutgefäße an und das führt zu den pochend oder stechend empfundenen Schmerzen. Erst wenn die Entzündungssymptome abklingen, die Botenstoffe abgebaut wurden, lässt die Attacke nach, der Kopfschmerz und die anderen Begleiterscheinungen verschwinden.

Wie wird Migräne behandelt?

Bisherige Behandlungsstrategien:

Aspirin plus C Brausetablette Brausetabletten Packung quer ASS-ratiopharm 500, 2002
Bildrechte: imago/teutopress

Bekämpfen der Attacke: Dabei nehmen die Betroffenen klassische Kopfschmerzmedikamente oder spezielle Migränemittel, sogenannte Triptane. Die Mittel werden bei den ersten Anzeichen oder direkt während der Attacke eingenommen. Sie unterdrücken den Schmerz und können in gewissem Maß auch entzündungshemmend wirken. Bei vielen Betroffenen wirken diese Mittel sehr zuverlässig. Wichtig: Die Einnahme sollte immer mit einem Spezialisten abgesprochen werden. Experten empfehlen, an höchstens zehn Tagen im Monat ein Schmerzmittel zu nehmen. Es besteht nämlich die Gefahr, von den Medikamenten abhängig zu werden. Außerdem kann es zu Nebenwirkungen wie Schwindel und Übelkeit kommen. Schlussendlich bekämpfen diese Mittel die Auswirkungen, nicht aber die Ursache von Migräne. 

Attacken vorbeugen: Eher per Zufall wurde entdeckt, dass Betablocker bei manchen Migränearten vorbeugend wirken können. Normalerweise werden diese Medikamente bei Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck oder Depressionen verschrieben. Bei Migräne können sie aber auch die Auslöser einer Attacke, die sogenannten Trigger dämpfen oder verhindern. Gleiches Ziel haben auch vorbeugende Verhaltensweisen wie Sport, Entspannungstherapien und ein möglichst stressfreier, geregelter Tagesablauf

Migränespritzen als neue Therapieform?

Injektion mit Spritze
Bildrechte: Colourbox.de

Unter dem Medikamentennamen Aimovig ist seit November 2018 der Wirkstoff Erenumab als Injektionslösung zur Behandlung freigegeben. Kurz darauf wurden zwei weitere Medikamente zugelassen: Emgality mit dem Wirkstoff Galcanezumab und Ajovy mit dem Wirkstoff Fremanezumab. Die Wirkstoffe greifen als Antikörper den Botenstoff CGRP an, sie blockieren seine Rezeptoren oder bekämpfen ihn direkt. Damit sollen die Medikamente im Vorfeld die entzündlichen Prozesse an den Blutgefäßen im Stammhirn verhindern. Diese schwellen nicht mehr an, es kommt nicht zur Attacke. Neu dabei ist: Die Medikamente sind erstmals direkt zur Migränevorbeugung entwickelt worden. Sie werden einmal monatlich mit einer kleinen Spritze vom Patienten selbst unter die Haut gespritzt.

Wie gut helfen die neuen Wirkstoffe?

Die Wirkstoffe können Migräneattacke tatsächlich verhindern. Aber: Die Mittel helfen nur teilweise und nicht allen Patienten. Bei vielen konnte durch die Injektionen die Zahl von Migräneattacken deutlich gesenkt werden. Bei einigen sind sie nach der Behandlung völlig verschwunden. Doch bei etlichen Migränepatienten zeigt sich keine ausreichende Wirkung. Woran das genau liegt, ist noch nicht ausreichend geklärt. Trotzdem sind die Mittel für viele Betroffene ein Lichtblick. Die Medikamente wirken oft schon nach ein paar Stunden bis Tagen. Sie haben deutlich weniger Nebenwirkungen; Rückenschmerzen und mitunter grippeähnliche Symptome wurden bisher beschrieben.

Was kosten die neuen Medikamente und wer zahlt?

Rund 500 Euro kostet im Moment eine Behandlung pro Monat mit den neuen Wirkstoffen. Die Hersteller empfehlen den Krankenkassen nur in Ausnahmefällen eine Übernahme der Kosten. Betroffene haben Chancen auf Kostenerstattung wenn:

  • sie mindestens vier Migräneattacken pro Monat haben
  • andere Medikamente kaum oder nicht wirken
  • sie auf andere Therapien mit starken Nebenwirkungen reagieren
  • sie besonders häufig und stark unter Migräneattacken leiden

Wer wissen will, ob er für Migränespritzen in Frage kommt, sollte sich immer mit einem Spezialisten, Facharzt und einem speziellen Schmerzzentrum in Verbindung setzen.

Fazit

Die neuen Migränespritzen können die Ursache von Migräneattacken bekämpfen. Sie wirken nicht bei allen Patienten, kommen aber gerade bei schweren Fällen erfolgreich zum Einsatz. Um die Medikamente von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen, braucht es die Beratung durch einen Spezialisten.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 09. März 2021 | 10:45 Uhr

Mehr Quicktipps