Warum sollten Eltern eher überzeugen als Angst machen?

Zum ersten Mal allein zur Schule gehen, zum Bäcker oder zum Training ohne die Großen: Für Kinder ist das ein riesengroßer Schritt im Leben – und für die Eltern natürlich auch. Die wollen möglichst alles dafür tun, dass ihre Kinder auf sämtlichen Wegen sicher ankommen. Das können Familien beispielsweise für die Schule schon zeitig üben.

Ab wann können Kinder Wege auch allein gehen?

Dafür gibt es nicht das eine, richtige Alter: Den Weg zum Bäcker um die Ecke auf Fußwegen oder kleinen Wegen abseits des Straßenverkehrs schaffen auch schon kleinere Kinder im Kindergartenalter. Geht es aber um Wege mit Straßenverkehr, mit Ampeln oder dem Überqueren von Fahrstreifen, können Eltern besser noch etwas warten. Aus Sicht des Automobil-Clubs Verkehr (ACV) ist dafür der Eintritt ins Schulalter ein geeigneter Zeitpunkt. ACV-Sprecher Gerrit Reichel sagt:

Gerrit Reichel, Automobil-Clubs Verkehr (ACV)
Bildrechte: ACV

Untersuchungen belegen, dass Kinder in ihrer Wahrnehmung früher nicht ausreichend entwickelt sind. Auch mit sechs, sieben und acht Jahren kann ein Kind beispielsweise die Richtung, aus der ein Auto kommt, anhand des Geräusches oft nicht sicher bestimmen.

Mit dem Üben für den sicheren Weg zur Schule oder zum Sport können Kinder oder Eltern aber schon viel früher beginnen.

So etwas geht schon auf dem Weg zum Kindergarten. Das beginnt mit spielerischen Situationen wie an der Ampel stehen bleiben und das rote Licht erklären oder am Zebrastreifen nach rechts und links schauen.

Wie oft können Familien üben, damit ein Kind den Weg wirklich sicher allein geht?

Auch dafür gibt es keine präzise Zahl, an der sich Eltern orientieren können. Entscheidend ist allein, ob das Kind alle wichtigen Sicherheitsregeln verstanden hat und auch einhält. Also schaut es beispielsweise vor dem Überqueren der Straße in beide Richtungen, am besten je zweimal? Nutzt es Fußgängerüberwege oder Ampeln? Lässt es sich nicht ablenken?

Wenn Sie glauben, Ihr Kind ist so weit, dann lassen Sie es gehen. Sie können aber dann noch einige Male unbemerkt folgen, um es zu beobachten. Noch besser kann das auch jemand anders machen, bei dem sich das Kind nicht beobachtet fühlt. Ein Nachbar etwa.

Sicheres Verhalten auf den Wegen im Straßenverkehr können nicht nur die Familien selbst mit ihren Kindern einüben. Auch viele Gemeinden und Städte, die Schulen selbst oder die Verkehrswacht vor Ort bieten "Schulweg-Training" an. ACV-Sprecher Gerrit Reichel rät dazu, diese Angebote auch zu nutzen:

Training kann nie schaden. Andere Personen als Mama und Papa sind auch manchmal glaubwürdiger in den Augen des Kindes. Also zum Beispiel der Ortspolizist, der hat natürlich eine große Autorität. Schulische Angebote binden die Polizei oft ein, das ist eine sehr gute Sache.

Diese Angebote sind kindgerecht, abwechslungsreich und unterhaltsam gestaltet.

Warum sollten Eltern eher überzeugen als Angst machen?

Auch beim Üben mit der Familie sollten gute Laune und Spaß eine wichtige Rolle spielen.

Auf keinen Fall sollten Sie Ihrem Kind Angst machen. Dann wird es sich mutlos und ängstlich verhalten. Und zum Beispiel eine Straße lange nicht überqueren, dann aber urplötzlich los rennen, um schnell auf der anderen Seite anzukommen. Für sicheres Verhalten im Verkehr braucht jeder Mensch, also auch Kinder, ein gesundes Selbstbewusstsein.

Das würden Eltern in der Sorge um ihr Kind manchmal vergessen. Auf Androhungen wie "Wenn ich dich erwische, wie du über eine rote Ampel gehst dann…“ sollte besser verzichtet werden. Wer gute Argumente für den Stopp an der roten Ampel hat und auch selbst mit gutem Beispiel vorangeht, überzeugt eher. Aus Sicht des ACV ist es auch wichtig, das einmal Eingeübte in der Praxis immer wieder zu nutzen und so zu festigen. Daher spricht sich der Verband wie viele Schulen, Verkehrssicherheitsexperten und Verkehrswachten auch gegen die so genannten "Elterntaxis" aus. Werden Kinder regelmäßig bis direkt vor die Schultür oder die Trainingshalle gefahren, können sie keine Verkehrskompetenz entwickeln, so der ACV.

Zudem tragen Eltern mit ihren Autos oft selber zur Gefahr bei. Das kann man ja vielerorts täglich beobachten, wenn sich die Autos im direkten Umfeld des Schulgeländes stauen und die Zuwege blockieren.

Es gebe im Alltag zwar auch gute Gründe, das Kind zur Schule zu fahren. Das kann ein vergleichsweise gefährlicher Schulweg ohne ausreichend sichere Überwege sein oder die Ansteckungsgefahr in der Corona-Pandemie in öffentlichen Verkehrsmitteln. In diesen Fällen können Eltern aber ihre Kinder immer noch 200 bis 300 Meter vor der Schule absetzen. Das verringert die Gefahr für andere immens.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 27. Mai 2021 | 11:45 Uhr

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