Was du für mehr Selbstbewusstsein tun kannst und wann der Profi ran muss

Sich selber etwas wert zu sein, das Ist der Schlüssel zu einem glücklichen Leben. Wie man das lernt und warum das für eine friedliche Gesellschaft wichtig ist, klären wir jetzt.

Was ist was: Selbstbewusstsein vs. Selbstwertgefühl

Ja, die Begriffe kann man schon mal durcheinander hauen, kommen ja auch noch Selbstsicherheit und Selbstvertrauen dazu. Merke einfach: In den ersten Monaten entwickelt sich langsam ein Bewusstsein, dafür, dass man eine eigenständige Person ist, man wird sich selber bewusst. Später lernt man sich im Idealfall selbst wertzuschätzen. Ist beides positiv besetzt und verknüpft, entstehen daraus Selbstvertrauen und Selbstsicherheit.

Wie sich unser Selbstwertgefühl entwickelt…

Ungefähr ab zwei Jahren, nachdem wir uns als eigenständig begriffen haben, entwickelt sich ein Gefühl dafür, ob wir etwas wert sind. Wir legen uns sogenannte Glaubenssätze zu. Dazu Verhaltenscoach Theresa Lenkeit:

Das wird maßgeblich durch die Umwelt, also Eltern, und andere Bezugspersonen geprägt. Aber auch die Außenwelt, also Kindergarten und später die Schule prägen mit. Es hängt damit zusammen, welche Erwartungen an das Kind gestellt werden und wie Handlungen und das Kind selbst von außen bewertet werden.

Bekommt man also viel positives Feedback auf das was man macht oder wie man ist, entwickelt sich ein gutes Selbstwertgefühl.

…und was dabei schief gehen kann:

Wie wir uns selbst bewerten und die Bewertung von Anderen wahrnehmen, das wird zum Teil schon sehr früh angelegt:

Das soziale Umfeld prägt auch bereits vor der Geburt, also im Mutterleib. Schon dort kann das Kind eine Anfälligkeit für Ängste und soziale Defizite entwickeln

so unsere Expertin.

Das heißt: Eine entspannte, gewollte Schwangerschaft in liebevoller Umgebung kann später zu einem guten Selbstwertgefühl beitragen. Dazu Theresa Lenkeit:

Das ist ein lebenslanger Prozess. Im Idealfall entwickelt eine Person ein gutes Selbstwertgefühl, indem sie sich ihrer Stärken und ihrer positiven Werte bewusst wird.

Stell Dich Deinen Ängsten-Tag
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Es reicht mitunter schon ein sehr intensives negatives Erlebnis, wie ein Überfall oder ähnliches, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu brechen. Das müssen die Betroffenen dann mitunter über Jahre aufarbeiten

so die Expertin.

Wie das Selbstwertgefühl gestärkt werden kann

Dazu muss man sich selbst erstmal schätzen lernen, sich seiner eigenen Stärken bewusst werden. Wichtig: Zunächst muss man herausfinden, welche negativen Glaubenssätze man selber hat und überprüfen, ob die in der Praxis wirklich so zutreffen. Ist man tatsächlich immer die zurückhaltende, schüchterne Person oder hat man vielleicht in kritischen Situationen spontan auch schon mal ganz mutig und forsch reagiert?

So können Sie sich zum Beispiel zehn Eigenschaften und Erlebnisse aufschreiben, auf die Sie stolz sind und sich dann auf drei davon konzentrieren. Wenn Sie diese Dinge, wie Pünktlichkeit oder Verlässlichkeit usw. wirklich verinnerlichen, wird Ihr Selbstwertgefühl daran wachsen

so unsere Expertin. So kann man auch eine Prüfungsangst oder Probleme mit einer Rede in der Öffentlichkeit in den Griff bekommen. Wirkliche Traumata oder Ängste, die sich stark körperlich äußern, sollte man aber unbedingt mit einem Therapeuten oder Verhaltenscoach bearbeiten. Als neutrale Personen können die besser und mit Abstand eine Entwicklung einschätzen.   

Gibt es eigentlich ein Zuviel – und was sind die Folgen?

Klares Ja: Wer als Kind immer nur gelobt wird, wer immer alles toll und niemals Fehler macht, bekommt unter Umständen ein übersteigertes Selbstwertgefühl. Das Resultat: Selbstverliebtheit und die Tendenz, sich zu überschätzen. Genau solche Menschen neigen oft dazu, anderen gegenüber wenig tolerant zu sein.

So hängen Selbstwert und Toleranz zusammen

Toleranz ist zunächst das Dulden oder Ertragen von Einstellungen und Verhalten, die von den eigenen Werten abweichen. Mehr noch: Heute ist Toleranz auch eine Bejahung und Begrüßung diese Anders seins, nur so können schließlich viele unterschiedliche Menschen friedlich zusammen leben. Menschen mit einem gesundem Selbstwertgefühl fällt es oft leicht, tolerant zu sein.

Wenn ich mir meiner eigenen Werte bewusst bin, mich selbst reflektieren kann, kann ich mich auch in andere hineinversetzen und die Perspektiven wechseln. Ich bin dann nämlich emphatisch

so unsere Expertin.

Welche Menschen tolerant sind und warum es immer weniger werden

Wer Toleranz in der Kindheit als Wert vermittelt bekommt und auch erfährt, was nicht toleriert wird, also die berühmten Grenzen aufgezeigt bekommt, kann später eher tolerant mit anderen umgehen. Heutzutage ist aber laut Theresa Lenkeit oft das Gegenteil der Fall:

Wer in Kita und Schule immer nur lernt, dass er der beste und tollste ist, wer machen kann, was und wann er will, der wird auch später nur an sich und seine Sicht denken. Er ist dann ganz prima sich selbst gegenüber tolerant, anderen gegenüber aber nicht. Es ist also eine Frage der Erziehung und Sozialisierung.

Toleranz später von außen aufzudrücken und mit gesellschaftlichen Botschaften zu appellieren, funktioniert schlecht und ist ein langwieriger Prozess. Denn: Wer nicht merkt, dass er sich wie ein Arsch verhält, wird daran auch nichts ändern wollen. Erst wenn er in seinem Umfeld immer weniger positive Reflektionen erfährt, könnte ein Umdenken einsetzen. Deswegen führt eine nach außen hin vermeintlich immer toleranter Gesellschaft, in der jeder machen kann, was er will, eher immer mehr zu Egoisten und weniger zu sozialer Gemeinschaft.

Ist die Stadt toleranter? Auf den ersten Blick ja…aber:

Das ist kein Qualitätskriterium

sagt unsere Expertin, und weiter:

In der Stadt sind Sie einfach von viel mehr Menschen und deren Eigenheiten umgeben. Da müssen Sie viele Dinge einfach geschehen lassen. Sie können ja nicht mit jedem diskutieren.

Man begegnet viel häufiger Personen, die so völlig anders sind, als man selbst. Da fällt nicht mehr jeder vermeintlich bunte Vogel auf. Positiv: Die Vielfalt in der Stadt führt zu einem Gewöhnungseffekt. Man lernt: was anders ist, muss für mich keine Gefahr bedeutend. Deshalb werden Menschen mit anderer Hautfarbe oder Sexualität in der Stadt schneller toleriert als auf dem Dorf. Das heißt aber nicht, dass die einzelnen Menschen miteinander toleranter umgehen. Manchmal ist es auch die pure Ignoranz. Und auch in der Stadt hat die Toleranz ihre Grenzen, wo es um das eigene unmittelbare Wohlbefinden geht. Wichtig: Auch auf dem Dorf leben viele tolerante Menschen, die Geruch und Lärm der Landwirtschaft und vor allem der Wochenendausflügler aus der Stadt hinnehmen, also tolerieren.  

Eine Regenbogenfahne vor blauem Himmel
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Kann man Toleranz lernen?

Ja. Dazu muss man aber über die anderen Informationen und Wissen sammeln, sich mit dem Fremden, Anderen auseinandersetzen. Dazu unsere Expertin:

Finden Sie raus, wo sind Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten, was können Sie von dem Anderen lernen? So wird aus Toleranz auch gut Akzeptanz. Wichtig dabei ist, dass Sie lernen, wertschätzend und gewaltfrei zu kommunizieren.

Auch dazu sind eine Erziehung mit guter Selbsteinschätzung, gute Bildung und Allgemeinwissen wichtig. Sie sind die Grundvoraussetzungen für wichtige Sozialkompetenzen wie Kompromissbereitschaft.

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht – ist dabei der völlig falsche Ansatz.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 16. November 2021 | 11:45 Uhr

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