Kinder per Tracking-App auf dem Smartphone überwachen

04.09.2018 | 02:10 Uhr

Umschau-Quicktipp: Tracking-Apps 3 min
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Umschau-Quicktipp Tracking Apps

Tracking Apps

MDR JUMP Di 04.09.2018 08:13Uhr 02:49 min

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Eltern wollen, dass ihre Kinder sicher unterwegs sind: auf dem Schulweg, im Straßenverkehr und in der Freizeit. Diesen nachvollziehbaren Wunsch wollen die Anbieter von Tracking-Apps fürs Smartphone erfüllen. Ihre Programme werden auf den Smartphones der Kinder und der Eltern installiert. Letztere können dank der Apps die Kinder orten, deren Smartphone-Nutzung überwachen und möglicherweise gefährliche Inhalte blocken. Wir haben uns mit Technik-Experten und Medienpädagogen die Programme genauer angesehen.

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In Apples App-Store oder dem Google Play Store gibt es mehr als eine Handvoll Kontrollprogramme für Eltern. Die findet man ohne großes Suchen mit dem Stichwort "Parental Control" (deutsch: Eltern-Kontrolle). Es gibt kostenpflichtige Apps wie Kaspersky SafeKids (Premium-Version: 14,99 €, iOS und Android), ESET Parental Control (Premium-Version: 23,55 €, Android), Find My Kids (iOS, ab 2,29€/Monat, Android, kostenlos mit In-App-Käufen) oder Norton Family Premier (iOS und Android, 39,99 €/Jahr). Auch einige kostenfreie Programme wie Family Time (iOS, Android) oder Kid Tracker (iOS) finden sich in den App-Stores. Nach dem Herunterladen aus dem App-Store müssen die Programme zum einen auf dem Handy der Eltern und zum anderen auf dem Gerät der Kinder installiert werden. „Nach dem Installieren müssen beide Apps dann noch miteinander verbunden werden. Oder die App auf dem Kinderhandy mit einem Webservice. Damit das Kinder-Smartphone immer sagen kann: Okay, das und das passiert gerade“, sagt Alexander Spier vom Computermagazin c’t. Bei den meisten Apps können die Eltern über das eigene Smartphone ihre Kinder kontrollieren. Bei einigen Programmen kann über einen Webdienst zusätzlich noch eine Kontrollmöglichkeit eingerichtet werden. Die können Eltern dann etwa vom privaten Laptop oder auch Arbeitscomputer aus nutzen.

Standortkontrolle, Geozaun, Zeitvorgaben, Inhalte sperren und mithören

Im Folgenden sind die Funktionen aufgeführt, mit denen die meisten Entwickler ihre Apps ausgestattet haben. Einige Anbieter konzentrieren sich dabei auf die GPS-Ortung, andere legen den Fokus auf die Kontrolle des Surfverhaltens der Kinder:

Standortkontrolle
Beim so genannten Tracking können Eltern auf einer kleinen Karte sehen, wo sich zumindest das Smartphone ihres Kindes gerade befindet. Dafür nutzen die App-Anbieter die gleichen Ortungsfunktionen, die etwa Navigationsprogramme wie Google Maps auch verwenden. Die werden dann ans Eltern-Smartphone gesendet. „Das funktioniert über GPS relativ zuverlässig. Sobald die Kinder aber in einem Gebäude verschwinden, ist das Tracking schon vorbei“, sagt c’t-Experte Spier.

Ein Junge liegt an einer Betonwand und spielt mit seinem Handy
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Geozaun
Eltern können die Ortungsfunktion der Smartphones zudem benutzen, um einen „sicheren“ Bereich für ihr Kind vorab festzulegen. Das kann der gemeinsam besprochene Weg zur Schule sein oder das eigene Viertel. Verlässt das Kind mit seinem Smartphone diesen Bereich, wird über die App ein Alarm aufs Handy der Eltern geschickt. Das sollte natürlich vorab mit dem Kind abgesprochen werden. Alexander Spier hat die Geozaun-Funktion auch schon getestet: „Das geht meist ganz gut, aber die Apps sind maximal auf so zehn Meter exakt. Unterscheiden zwischen der einen sicheren Straßenseite und der unsicheren Seite können die nicht.“ Manchmal geben die Apps auch zu spät Alarm, weil es gerade keine Datenverbindung vom Kinderhandy zum Mobilfunk-Netz gab." Außerdem hat unser Experte festgestellt, dass durch die Ortungs- und Geozaun-Funktion der Datenverbrauch bei beiden Smartphones etwas ansteigt. Das können rund einhundert Megabyte extra pro Monat sein.

Zeitvorgaben für die Smartphone-Nutzung
Auch das klappt unserem Experten zufolge zuverlässig: Eltern können mit den Apps festlegen, nach welcher Zeit sich das Kinder-Smartphone nicht mehr für Spiele benutzen lässt. SMS und Anrufe an bestimmte Rufnummern können bei den meisten Programmen von der Sperre ausgenommen werden. So können Kinder das gesperrte Smartphone für Ernstfälle trotzdem verwenden.

Inhalte sperren
Mit vielen Apps können Eltern auch überwachen, welche Internetseiten ihre Kinder nutzen und welche Programme geöffnet werden. Zudem können über die Kontroll-Apps bestimmte Programme wie etwa WhatsApp oder YouTube und auch der Internetbrowser komplett oder zeitweise blockiert werden. So sollen Kinder vor unerwünschten Kontakten oder auch für sie verstörenden Online-Inhalten geschützt werden, werben die Anbieter der Apps. Bei manchen Programmen können Eltern auch sehen, welche YouTube-Videos ihr Nachwuchs angesehen hat.

Die Blockade können Kinder und Jugendliche aber auf verschiedenen Wegen leicht umgehen. Viele Handyspiele beispielsweise haben eine Chatfunktion und machen WhatsaApp und Co. damit überflüssig. Über Facebook könnten zudem jüngere Nutzer an Inhalte gelangen, die Eltern eigentlich sperren wollten. Das soziale Netzwerk hat einen eingebauten Browser. Über den Browser von Facebook könnten Kinder nicht direkt Webseiten aufrufen. Sie gelangen aber über verlinkte Inhalte auf möglicherweise für sie ungeeignete Webseiten. „Dazu kommt: Die Kontroll-App läuft im Hintergrund. Wird die irgendwie beendet oder stürzt ab, ist es mit dem Überwachen auch vorbei.“

Wanzenfunktion

Bei manchen Kontroll-Apps gehen die Überwachungsmöglichkeiten der Eltern sehr weit: Über das Mikrofon des Smartphones können die Erwachsenen live mithören, mit wem ihr Kind gerade spricht. Die Kamera kann zusätzlich Bilder und Videos vom Nachwuchs machen und den Eltern zur Verfügung stellen. „Das ist gruselig und in Deutschland auch eine rechtliche Grauzone. Ohne Einwilligung der Kinder darf man das nicht machen“, warnt unser Technik-Experte.

Sicherheitslücken und Probleme beim Datenschutz

Die Apps sollen Eltern ein besseres Sicherheitsgefühl vermitteln, haben in dem Punkt aber offenbar selbst Lücken. Das haben Forscher des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie Darmstadt in einem aktuellen Test von Apps aus dem Google Play Store herausgefunden (Stand: August 2018). Danach war keine einzige Kontroll-App sicher programmiert und damit anfällig für Hacker. Die könnten die Sicherheitslücken ausnutzen, um Bewegungsprofile zu speichern, SMS oder Bilder anzusehen, warnen die Forscher. Die Überwachungsdaten würden von den Anbietern auf Servern zwischengespeichert, die nicht korrekt verschlüsselt seien. Datenschützer warnen zudem vor einem zu sorglosen Umgang mit den Apps. Niemand wisse, was die Anbieter mit den privaten Nutzerdaten wie etwa Ortungsinformationen machen. Möglicherweise verkaufen Anbieter kostenloser Programme Daten an Dritte, um ihre eigenen Kosten zu decken.

Missbrauchsgefahr

In seinem Fazit der Apps warnt Alexander Spier aber vor einem möglichen Missbrauch der Programme: „Damit kann man auch jederzeit verfolgen, wo der Nutzer des anderen Smartphones ist. Und das muss kein Kind sein, dass kann auch der Partner sein.“ Die Apps ließen sich dafür auch auf dem Smartphone verstecken, um kein Misstrauen zu erregen. Das Überwachen anderer Personen ohne deren Einverständnis ist aber strafbar. Laut §238 im Strafgesetzbuch kann Stalking, also das Nachstellen etwa mit Telekommunikationsmitteln, mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden. Strafbar sind auch das Abfangen oder Ausspähen von Daten. Eltern kann es allerdings erlaubt sein, Kontroll-Apps auf dem Smartphone ihrer Kinder zu installieren. Darauf weist c’t-Redakteur Joerg Heidrich in einer Übersicht im aktuellen Heft (18/2018) hin. Das sei selbst dann noch legal, wenn die Kinder von der Überwachung gar nichts wissen. Eltern dürften laut dem Bürgerlichen Gesetzbuch in die Privatsphäre ihrer Kinder eingreifen. Dabei sei aber auch das Alter der Kinder zu beachten. Je älter ein Kind sei, desto mehr wachse auch sein Recht auf Privatsphäre.

Schädliche Dauer-Überwachung

Aus Sicht von Kristin Langer, Mediencoach von der bundesweiten Initiative "Schau Hin!", können die Apps zumindest Kindern am Anfang durchaus helfen. "Wenn nicht altersgerechte Dinge ausgeschlossen sind, kann das eine Sicherheit sein", sagt unsere Expertin. Manche Kinder wünschten zudem von sich aus eine Erinnerung, dass sie ihr Smartphone weglegen sollten. „Eltern und Kinder könnten vorab gemeinsam über eine „Kontroll“-App reden und die gemeinsam installieren. Beide könnten dann vereinbaren: Wenn es mit der App gut funktioniert oder die Kinder sich selbst schon eine Routine angewöhnt haben, wird die App gelöscht“, sagt Kristin Langer. Die Medienpädagogin warnt aber vor einer ständigen und längeren Überwachung: "Mit den vielen technischen Helfern verlieren wir auch die Selbstständigkeit unserer Kinder aus den Augen. Die können dann nicht für sich herausfinden, was ihnen gut tut und wann sie ihr Smartphone auch mal ausmachen sollten". Zudem könne die Kontrolle die Eltern zusätzlich stressen, sagt Kristin Langer: "Die Erwachsenen nehmen durch die Apps einfach einen großen Anteil am Leben ihrer Kinder. Sie verfolgen dann, ob diese gerade chatten statt anstehende Hausaufgaben zu machen. Oder sie wollen wissen, was hinter einem intensiven Chat mit einem Freund steckt." Langfristig könne eine lückenlose Überwachung sogar das Vertrauen zwischen Kindern und Eltern zerstören. Ähnlich sieht das auch c’t-Experte Spier: „Natürlich ist das auch ein Misstrauen gegenüber dem Kind: Du kannst nicht allein unterwegs sein. Und das ist kein Vertrauensbeweis“.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Vormittag | 04. September 2018 | 09:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2018, 02:10 Uhr