Brillen online oder beim Optiker kaufen - was ist besser?

12.10.2018 | 02:10 Uhr

Online eine Brille kaufen ist einfach und preiswert - sagen die Anbieter. Ein Brillenkauf ist ein beratungsintensiver Vorgang, der nur im Geschäft geht - sagen die niedergelassenen Optiker und Filialen. Was stimmt denn nun? Und was müsst ihr beim Kauf einer Brille im Internet beachten? Das klären wir mit dem Optikermeister und Optometristen Thomas Truckenbrod aus Leipzig.

Die Angebote im Netz

Die Möglichkeiten kann man ruhig als sehr groß bezeichnen. So viele Brillengestelle, Formen und Farbvarianten wie im Netz können sich keine Kette und kein Optikermeister in den Laden stellen. Nicht nur deshalb gehen die Verkaufszahlen von Onlinehändlern wie Mr. Spexx, Brille 24, Brillenplatz oder Netzoptiker steil nach oben. Gefühlt und auf den ersten Blick sind die Modelle und angebotenen Gläser auch oft noch günstiger als im Laden. Allerdings deckt der Onlinehandel  nach wie vor nur einen Bruchteil aller in Deutschland verkauften Brillen ab. Dazu unser Experte: "Von den rund sechs Milliarden Euro jährlich sind das, je nach Lesart und Statistik, zwischen drei und sechs Prozent." Der Hauptteil der Brillen wird also stationär gekauft. Thomas Truckenbrod:

Trotzdem können Sie im Netz durchaus eine gute Brille preiswert bekommen, wenn Sie gewisse Voraussetzungen erfüllen.

Was Sie vor der Bestellung brauchen

Um die richtigen Gläser in euer Wunschgestell einzusetzen, brauchen auch die Onlinehändler die Daten aus eurem Brillenpass. Das sind unter anderem die Dioptrienwerte, also die Kennzahlen für die Kurz- oder Weitsichtigkeit, Daten zu einer eventuell vorhandenen Hornhautverkrümmung und der Abstand ihrer Pupillen zur Nase. Ohne diese sogenannten Sehwerte solltet ihr keine Brille online kaufen. Entweder habt ihr schon einen Brillenpass, weil ihr schon Brillenträger sind, oder ihr müsst zu einem Augenarzt bzw. Optiker. Nur dort können die Werte einwandfrei ermittelt werden.

Da sollten Sie auch nicht auf eigene Faust irgendwelche Fantasiewerte in die Onlinebestellung schreiben, denn am Ende ist eine Brille ein Medizinprodukt. Mit den falschen Werten können Sie Ihren Augen schaden.

Wie schlecht sind meine Augen?

Geräte zur Sehstärkebestimmung in einer Schublade
Bildrechte: MDR/Monika Werner

Ansprechpartner Nummer eins ist der Optiker, denn ein Termin beim Augenarzt ist eher nur langfristig zu bekommen. Die Ermittlung der Sehwerte ist in vielen Läden kostenlos, wenn ihr tatsächlich beabsichtiget, vor Ort eine Brille zu kaufen. Nur selten geben Händler die Werte auch ohne Brillenkauf kostenlos heraus, denn auch für sie ist der Sehtest wertvolle Arbeitszeit. Übernehmt ihr die Kosten selbst, bekommt ihr die Daten natürlich ausgehändigt. Große Onlinehändler arbeiten deshalb mittlerweile mit über 500 Partneroptikern zusammen. Mit zum Beispiel einem Gutschein, der beim Onlinehändler beantragt werden muss, wendet ihr euch an einen Optiker in eurer Nähe. Er führt den Sehtest dann kostenlos durch, auch wenn ihr keine Brille vor Ort kaufen. Wieder zu Hause, könnt ihr die Werte in der Bestellmaske eintragen.

Anprobe am Computer vs. Beratung im Geschäft

Um das richtige Brillengestell zu finden, müsst ihr es probieren. Das geht bei den Onlinehändlern per hochgeladenem Foto oder live mit der Webcam. Das ist auch für Ungeübte meist leicht und verständlich beschrieben. Formen, Farben, Größen, alles könnt ihr ausprobieren. Auch Voreinstellungen wie etwa ein schmales oder eher breites, ein rundes oder ein ovales Gesicht können und müsst ihr auswählen. Trotzdem ist das nicht das Gleiche wie eine Anprobe im Geschäft. „Sie können online eben nicht einschätzen oder eingeben, ob Ihre Ohren auf gleicher Höhe sind, ob die Länge der Bügel tatsächlich für Ihren Kopf ausreicht oder ob die Breite der Augenpartie wirklich zum Gestell passt“, warnt der Optikermeister.

Um das erste Probieren dennoch zu gewährleisten, bieten einige Onlinehändler an, eine gewisse Auswahl an Brillen vor dem Kauf kostenlos zuzusenden. Innerhalb einer bestimmten Frist müssen die nicht gewünschten Brillen dann wieder zurückgesendet werden. Vorsicht dennoch, wenn ihr von der Probierfunktion Gebrauch macht. Meist müsst ihr alle Gestelle erstmal voll bezahlen. Das Geld bekommt ihr später zurück, wenn ihr alles pünktlich und unbeschädigt zurückschickt. Eine weitere Herausforderung ergibt sich online im weiteren Bestellverlauf: Habt ihr keine Vorkenntnisse, könnt ihr Schwierigkeiten bei der Abschätzung von weiteren Glaseigenschaften wie dem Glasindex, Tönungen oder speziellen Beschichtungen bekommen. Für die spätere Anpassung der Brille arbeiten Onlinehändler ebenfalls mit Partneroptikern zusammen. So ganz von der Couch aus ist also auch ein Online-Brillenkauf nicht zu empfehlen.

Achtung bei Rückgabe

Da es sich bei einer online bestellten Brille um ein maßangefertigtes Produkt handelt, habt ihr hier nicht das automatische 14-tägige Widerrufsrecht. Gefällt die Brille nicht, müsst ihr auf die Kulanz der Händler hoffen. In den meisten Fällen bieten die eine 30-tägige Rückgabemöglichkeit.

Das solltet ihr online nicht bestellen

Einfache Sehhilfen, Lesebrillen, Sport- und Sonnenbrillen sind online ohne Problem bestellbar.

Sobald Sie aber eine Gleitsichtbrille brauchen, ganz spezielle Probleme mit der Hornhaut haben oder Ähnliches, müssen Sie persönlich zum Experten. Eine Gleitsichtbrille aus dem Netz ist sehr problematisch.

Ein Lesebrille liegt auf mehreren Zeitungen.
Bildrechte: Colourbox.de

Das liegt daran, dass bei diesen Brillen noch speziellere Daten erfasst werden müssen und ihr die Brille auch angepasst bekommen solltet. Onlinehändler, die Gleitsichtbrillen anbieten, weisen deshalb darauf hin, dass ihr die Brille zum Beispiel nicht im Auto tragen dürft. Dazu sind sie gesetzlich verpflichtet. Hat der Optiker so eine Brille gemessen, anfertigen lassen und angepasst, könnt ihr damit ohne weiteres Auto fahren.

Online ist nicht immer günstiger

Die Preisfindung ist bei allen Anbietern unterschiedlich und nicht immer wirklich durchschaubar. Vermeintliche Schnäppchen bei Gestell und einfachen Gläsern werden schnell durch ein paar Extras enorm teuer. Andererseits bieten manche Filialhändler für einen vermeintlich teuren Festpreis Brillen an, in denen aber alle möglichen Zusatzoptionen für die Gläser mit enthalten sind. Das heißt für die Kunden: vergleichen und rechnen. Dazu Augenoptikermeister Truckenbrod:

Sie bekommen im Netz eine einfache Brille für 50 Euro, aber auch bei den großen Ketten gibt es ganz einfache Modelle mitunter schon für 20 Euro. Wenn Sie nur mal die Etiketten im Supermarkt lesen müssen und die Brille für nichts anders brauchen, dann kann so etwas völlig ausreichen.

Vergleichen ihr also nicht nur die Preise der Gestelle, sondern wirklich noch alle Extras zwischen den Angeboten der Onlinehändler, Filialen und Optikergeschäfte. Merke: Den einen günstigsten Brillenanbieter gibt es nämlich nicht.

Die Kasse zahlt in beiden Fällen

Wer jünger als 18 Jahre ist, bekommt von den gesetzlichen Krankenkassen die Gläser bis zu einem Festbetrag bezahlt. Gleiches gilt für Menschen mit  einer sehr starken Sehbehinderung. Wenn ihr berufsbedingt oder sehr häufig eine neue Brille braucht, lohnt es sich, bei eurer Krankenkasse nachzufragen, wie genau die Zuzahlung aussieht und ob das für euch in Frage kommt. Es ist dabei egal, ob ihr eure Brille im Geschäft oder online kauft.

Online geht offline und andersherum  

Auch wenn ihr eine Brille durchaus am Computer mit Foto oder Webcam „anprobieren“ könnt, ist so ein Brillenkauf eine beratungsintensive Angelegenheit. Das bestätigt unser Experte: „Je komplizierter Ihre Sehverhältnisse, je anspruchsvoller Ihre Wünsche an Passform, Tragekomfort und auch Haltbarkeit der Brille, desto wichtiger wird die persönliche Betreuung durch einen Experten." Das hat auch ein großer Onlinehändler erkannt und erste Läden eröffnet. Andersherum verkaufen große Filialisten ihre Produkte jetzt auch online.

Fazit

Die Brille im Internet zu kaufen ist mit einem gewissen Risiko verbunden. Wisst ihr allerdings genau, wie eure Werte sind und was ihr braucht, könnt ihr sie meist unproblematisch von der Couch aus bestellen. Die allererste Brille solltet ihr nicht im Netz kaufen. Und je größer eure Ansprüche oder das Sehproblem, desto besser ist es, sich persönlich beraten zu lassen. Gute Preise könnt ihr im Netz und beim Optiker bekommen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 12. Oktober 2018 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2018, 02:10 Uhr