So könnte die Lebensmittelampel der Bundesregierung aussehen

22.10.2019 | 02:10 Uhr

Gut sichtbare Nährwert-Ampeln könnten Verbrauchern eine Entscheidungshilfe sein. Das Verbraucherministerium testet gerade verschiedene Varianten. Dabei kristallisiert sich ein Favorit heraus.

Symbolbild Nutri-Score 1 min
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MDR JUMP Do 22.08.2019 02:10Uhr 00:57 min

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Auf einen Blick erkennen können, ob ein Lebensmittel eher gesund oder eher ungesund ist – das sollen Nährwert-Ampeln leisten. In Deutschland lässt Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) derzeit vier verschiedene Nährwert-Kennzeichnungen auf ihre Verständlichkeit testen. Dabei haben sich Verbraucherschützer und sogar viele Lebensmittelhersteller selbst längst entschieden: Sie wollen den "Nutri-Score" nach französischem Vorbild.

Wie funktioniert der Nutri-Score?

Symbolbild Zucker
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Der Nutri-Score besteht aus fünf Buchstaben (A–E), die nach dem Ampelsystem abstufend farblich hinterlegt sind (grün, hellgrün, gelb, orange, rot). Die Ampel soll, im Gegensatz zu herkömmlichen Nährwert-Angaben, auf der Vorderseite der Packung aufgedruckt sein. Wie ausgewogen ein Lebensmittel ist, ergibt sich aus einer Rechnung: Ungünstige Nährwertelemente wie etwa Zucker oder gesättigte Fettsäuren bekommen, auf hundert Gramm gerechnet, Pluspunkte. Positive Nährwertelemente (Eiweiß, Nüsse, Obst etc.) bekommen hingegen Minuspunkte und werden von den Pluspunkten abgezogen. Je niedriger der Score also ist (A und B), desto eher eignet sich das Lebensmittel zum täglichen Verzehr.

Welche Nährwert-Ampeln gibt es noch?

In Deutschland werden derzeit noch drei weitere Nährwert-Labels von Verbrauchern auf ihre Verständlichkeit in einer Studie getestet.

Keyhole
Das "Keyhole"-Logo, ein grünes Schlüsselloch, ist vor allem in skandinavischen Ländern verbreitet. Es kommt nur auf solche Produkte, die eine insgesamt ausgewogene Nährstoffbilanz haben. Ungesunden Lebensmitteln fehlt der Aufdruck.

BLL-Modell
Das sogenannte "BLL-Modell" wurde vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde entworfen. In fünf Tortendiagrammen zeigt es, wie viel Energie, Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz im jeweiligen Produkt vorhanden sind, und wie groß dieser Anteil in Bezug auf die empfohlene Referenzmenge ist.

MRI-Modell
Das bundeseigene Max-Rubner-Institut hat in Auftrag von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner ein weiteres Modell entwickelt: Das "MRI-Modell" zeigt anstelle von Tortendiagrammen fünf kleine Waben mit den jeweiligen Mengenangaben der ungünstigen Nährwertelemente. Ist der Gehalt niedrig, ist die Wabe türkis hinterlegt, ansonsten bleibt sie weiß. Eine große Wabe ordnet mit Sternen den Gesamtscore ein.

Wo gibt es Nährwert-Ampeln schon?

In Frankreich und in Belgien etwa gibt es den Nutri-Score bereits auf freiwilliger Basis, auch in Großbritannien gibt es eine Nährwert-Ampel. Weitere europäische Länder arbeiten an der Umsetzung. Schon seit über zehn Jahren wird in der EU über das Thema gestritten. Die Lobby der Lebensmittelhersteller hatte sich zunächst massiv gegen ein Ampel-System gewehrt.

Nutri-Score auf einer Cornflakesverpackung
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Doch jetzt sind es gerade die Lebensmittelhersteller, die sich mehr und mehr freiwillig zu einer Nährwert-Ampel verpflichten. Ihr Favorit ist der Nutri-Score. Danone, Iglo, Bofrost, Mestemacher und zuletzt auch Nestlé haben den Nutri-Score teilweise schon eingeführt oder dies angekündigt. Nestlé allerdings geht mit dem Nutri-Score erst einmal nur in Frankreich, Belgien und der Schweiz an den Start, also in Ländern, in denen der Nutri-Score von den Gesundheitsbehörden empfohlen wurde. In Deutschland wartet der Konzern die politische Entscheidung des Ernährungsministeriums ab. Iglo musste wegen einer einstweiligen Verfügung seine Ampel in Deutschland wieder von den Packungen nehmen, will aber dagegen vorgehen.

Helfen Nährwert-Ampeln den Verbrauchern wirklich?

Ja, das legen Studien nahe. So konnte etwa gezeigt werden, dass gut sichtbare Nährwert-Ampeln dazu beitrugen, dass das Bewusstsein für gesundes und ungesundes Essen bei den Konsumenten stieg. Eine von der französischen Regierung in Auftrag gegebene Studie zeigte außerdem, dass sich das Einkaufsverhalten durch den Nutri-Score änderte. Die Personen in der Studie griffen häufiger zu gesünderen Produkten.

Für Sarah Häuser, die Sprecherin der Verbraucherorganisation Foodwatch, ist die Kennzeichnung aber nur dann wirkungsvoll, wenn sie möglichst weit verbreitet ist:

Der Nutri-Score ermöglicht erst dann gesündere Kaufentscheidungen, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher im Supermarkt verschiedene Produkte auf einen Blick miteinander vergleichen können. Deshalb reicht es nicht, wenn nur einzelne Hersteller mitmachen.

Auch die Verbraucherzentrale fordert eine europaweit einheitliche Nährwert-Kennzeichnung, am besten verpflichtend. Sie unterstützt deshalb die europäische Bürgerinitiative "Pro Nutri-Score", die eine einheitliche, verpflichtende Kennzeichnung in Europa von der EU-Kommission fordert.

Wie geht es in Deutschland weiter?

Foodwatch hat Ende Juli Klage gegen Bundesernährungsministerin Julia Klöckner eingereicht. Der Vorwurf: Die Ministerin halte eine Studie zurück, die den Nutri-Score positiv bewerte. Nach Klöckners Auffassung ist der Nutri-Score irreführend, da er die Nährwert-Angaben stark vereinfache. Der Ministerin wird schon länger vorgeworfen, eine Nährwert-Ampel am liebsten gar nicht einführen zu wollen.

Julia Klöckner sollte nicht noch mehr wertvolle Zeit im Kampf gegen Fehlernährung vergeuden, sondern den Nutri-Score schnellstmöglich auch in Deutschland auf den Weg bringen.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner
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sagt Sarah Häuser von Foodwatch. Bisher sei die Nutzung der Nutri-Score-Ampel in Deutschland noch nicht bei der Europäischen Kommission angemeldet worden, was zu Rechtsunsicherheiten führe, wie die Fälle von Iglo und Nestlé zeigten. Ob sich Klöckner am Ende für den Nutri-Score oder eines der anderen Modelle ausspricht, wird sich im Herbst zeigen. Foodwatch, Ärzteverbände und Lebensmittelverbände haben in einer eigenen Umfrage bereits festgestellt, dass der Nutri-Score bei den Verbrauchern besser ankommt als das in Klöckners Auftrag entworfene "MRI"-Modell.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 22. August 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2019, 02:10 Uhr