Mobbing in der Schule: Wie können Eltern helfen, wenn ihre Kinder davon betroffen sind?

Mobbing an Schulen hat in Deutschland massiv zugenommen. Jeder sechste Jugendliche im Alter von 15 Jahren ist betroffen. Das zeigt eine aktuelle PISA-Studie. Jungen trifft laut Umfragen Mobbing häufiger als Mädchen. Die Folgen spüren Betroffene oft ein Leben lang.

„Es ist furchtbar und tut verdammt weh, ausgegrenzt zu werden“

Der bekannte Musiker DJ Ötzi weiß auch mit 50 noch ganz genau, wie sich das Mobbing in der Schule angefühlt hat. Es habe verdammt weh getan, ausgegrenzt und nicht gemocht zu werden. Das sagte Gerry Friedle, wie der Musiker mit bürgerlichem Namen heißt, in einem aktuellen Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“.

Schrecklich finde ich das. Es ist total verrückt, wie wenig wertschätzend die Menschen zueinander sind.

Mobbing in der Schule steht für bewusste böswillige Handlungen über längere Zeit mit dem Ziel, Mitschüler „fertig“ zu machen. Das nimmt laut Soziologen und Psychologen in den letzten Jahren ständig zu. Auslöser sind unter anderem die gestiegene Arbeitsbelastung in der Schule aber auch Fehler bei der Erziehung der Kinder zu Hause. Lernen Kinder nicht innerhalb der Familie Konflikte zu lösen, werden diese verstärkt in der Schule ausgetragen. Mobbing kann für Betroffene schwerwiegende seelische und sogar körperliche Folgen haben. Häufig werden ihre Leistungen in der Schule schlechter, viele leiden an Ängsten, Schlafstörungen und sogar Depressionen. Wer diese Art der Ausgrenzung in der Schule erfährt, leidet oft ein Leben lang daran. Betroffene haben später beispielsweise ein geringeres Selbstwertgefühl und können schwerer Beziehung zu anderen im Beruf oder im Privatleben aufbauen. Auch deshalb ist es wichtig, dass andere Schüler, Eltern und Lehrer Mobbing frühzeitig erkennen und handeln.

Diese Formen von Mobbing gibt es

Manchmal sind es „nur“ Hänseleien oder Schikanen, die über Wochen und Monate nicht aufhören. Das wird als „psychisches Mobbing“ bezeichnet. In einigen Fällen wird Mobbing auch körperlich, wenn Mitschüler von anderen gequält werden. Dabei sind es nicht immer nur Mitschüler, die zu Tätern werden. Auch Lehrer können mobben, indem sie einzelne Schüler vor der Klasse vorführen bzw. demütigen. Daran erinnert sich auch DJ Ötzi. Er habe in der Klasse seinen ersten epileptischen Anfall gehabt. Der wurde vom Lehrer aber gar nicht wahrgenommen.

Er meinte, ich würde nur den Klassenkasperl spielen und solle mich nicht so anstellen.

Beim Mobbing wird zudem zwischen aktiven und passiven Formen unterschieden: Nach Studien mobben Mädchen eher passiv, Jungen eher aktiv.

Jungen greifen eher zu körperlichen Mitteln, Mädchen häufiger zu subtileren Mitteln wie dem Verbreiten von Gerüchten, Manipulation und sozialer Ausgrenzung. Inzwischen wird zunehmend auch über soziale Medien gemobbt. Jeder achte Schüler und jede achte Schülerin geben in Umfragen an, davon betroffen zu sein. Laut dem Medienratgeber SCHAU HIN! lässt sich diese Mobbingform von den Schikanen im realen Leben nicht trennen.

Direktes Mobbing: drohen, hänseln, abwerten, beschimpfen, bloßstellen, schikanieren, herabsetzen, schlagen, erpressen, Eigentum beschädigen

Indirektes Mobbing: ausgrenzen, auslachen, Ruf schädigen, nicht beachten

Cybermobbing: Über soziale Medien wie WhatsApp oder Facebook werden beispielsweise heimlich aufgenommene Videos oder Fotos von Schülern ohne deren Einverständnis veröffentlicht und diese damit bloßgestellt. Die Hemmschwelle bei dieser Form des Mobbings ist laut Experten besonders gering, weil Täter nicht die unmittelbare Reaktion der Betroffenen mitbekommen.

Cybermobbing (Symbolbild)
Bildrechte: IMAGO/Panthermedia

Warum mobben Jungen und Mädchen Mitschüler?

Täter können in der Schule unter- oder überfordert sein und/oder haben häufig Selbstwertprobleme. Auch ein gestörtes Klassenklima kann Mobbing begünstigten. Manchmal ist Langeweile ein Grund. Auch mangelnde Konfliktfähigkeit kann eine Rolle spielen. Es gibt zudem Kinder und Jugendliche, die zu Hause Probleme haben und sich an Mitschülern „abreagieren“. Für sie ist Mobbing so etwas wie Entlastungsventil. Weitere Motive sind Neid, Konkurrenz, Machstreben, Fremdenfeindlichkeit oder der Wunsch nach Anerkennung. Auch eigene Erfahrungen als Mobbingopfer können dazu führen, dass Kinder und Jugendliche andere „fertig“ machen.

Mobbing erkennen

Betroffene Schüler suchen oft die Schuld bei sich und gehen nicht immer gleich mit ihren Sorgen auf Lehrer oder Eltern zu. Bevor die handeln können, muss Mobbing in der Schule aber erst einmal als solches erkannt werden. Dafür haben Psychologen verschiedene Handlungsmuster bei von Mobbing Betroffenen identifiziert, auf die Erwachsene achten können. Diese Muster können einzeln aber auch zusammen auftreten.

Gemobbte Kinder und Jugendliche

  • möchten nicht mehr zur Schule gehen
  • täuschen Erkrankungen vor oder möchten plötzlich wieder bis zur Schule gebracht werden
  • ziehen sich zurück von Eltern und Freunden
  • beginnen plötzlich zu stottern
  • bekommen Alpträume und Schlafprobleme

Auf betroffene Schüler kann sich Mobbing ganz unterschiedlich auswirken. Das kann zum Verlust von Selbstvertrauen, Konzentrationsproblemen, abnehmender Lernmotivation, Appetitlosigkeit bis hin zu Schlafstörungen führen. Manche Kinder und Jugendlihe können durch die gefühlte Einsamkeit und Isolierung durch die Schikanen der Mitschüler auch depressive Tendenzen entwickeln. Dies alles kann zu Selbstverletzungen, Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch oder gar zu Selbstmordversuchen führen.

Gibt es Kinder und Jugendliche, die häufiger von Mobbing betroffen sind als andere?

Einige Persönlichkeitsmerkmale wurden in Mobbing-Untersuchungen bei Betroffenen häufiger gefunden: Häufig sind das ängstliche oder auch überangepasste Schüler mit einem vergleichsweise geringen Selbstwertgefühl. Auch auffälliges Aussehen, Hilflosigkeit, eine Behinderung oder Ungeschicklichkeit können anfälliger für Mobbing machen. Auch besonders gutgläubige Kinder aus gewaltsensiblen Familien werden häufiger ausgegrenzt als andere. In den Grundschulklassen ist häufiger das sogenannte „Bullying“ zu beobachten. Das ist die Ausgrenzung aufgrund körperlicher Unzulänglichkeiten. In der Mittelstufe stehen bestimmte Normen in Bezug auf Mode (Markenkleidung) oder Verhaltensnormen im Unterricht („Streber“) eher im Vordergrund.

Wie können Mitschüler und Erwachsene helfen?

Gehen Eltern aufgrund der genannten Anzeichen von Mobbing gegen ihr Kind aus, sollten sie zunächst das Gespräch suchen. Auch wenn Kinder in der Regel nicht gern und viel über ihren Schultag erzählen, ist dies für das Kind eine Möglichkeit, Probleme anzusprechen. Dabei kann von Eltern gezielt das Thema Mobbing thematisiert werden. Dem Kind sollte klargemacht werden, dass es hier nicht ums Verpetzen geht. Manchmal reden Kinder aus Scham oder Angst trotzdem nicht. In diesen Fällen können Eltern nur auf die jeweiligen Klassenlehrer zugehen. Die kennen die Kinder und deren Arbeits- und Sozialverhalten am besten. Zusätzlich sollte auch die Schulleitung einbezogen werden. Auch ein Schulpsychologe oder Beratungslehrer können helfen.

Das Verhalten der Lehrer hat laut Experten großen Einfluss darauf, ob es in Klassen einen Nährboden für Mobbing gibt. Auch die Verfügbarkeit von Vermittlern wie Beratungslehrern, Sozialarbeitern und Schulpsychologen spielt eine entscheidende Rolle. Leider wird laut Experten ein Mobbingproblem häufig seitens der Lehrer nicht erkannt und betroffene Schüler als „zu sensibel“ eingeschätzt. In Zusammenarbeit mit Präventionsstellen der Polizei, Anti-Mobbing-Trainern oder auch Respekt Coaches können Lehrer gemeinsam mit der Klasse lernen, wie Anzeichen für Mobbing erkannt und Ausgrenzungen verhindert werden. Können sich Schüler selbstbewusst und schlagfertig wehren, kommt es oft erst gar nicht zu weiteren Mobbing-Angriffen, weil den Tätern die nötige Opferhaltung fehlt. Doch das muss trainiert werden. Auch eine bewusste Mediennutzung kann trainiert werden, um Cybermobbing möglichst zu verhindern.

Das erfordert Mut, aber Mitschüler können Lehrer oder Sozialarbeiter an der Schule auf Mobbing-Probleme in der Klasse ansprechen. Wenn Betroffene nicht allein mit den Schikanen umgehen müssen, ist oft schon viel getan. Viele können diesen Schritt nicht selbst tun, weil sie sich schämen. Laut Experten können allerdings nur Erwachsene den Mobbingprozess zwischen Kindern wirksam unterbrechen.

Mit Material der Nachrichtenagentur KNA.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 04. November 2021 | 11:45 Uhr

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