Ärztliche Behandlungsfehler: Was können Betroffene tun?

Arzt hält Tafel mit dem Aufdruck - Ärztefehler - in den Händen 1 min
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MDR JUMP Di 24.09.2019 02:10Uhr 01:16 min

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Was sind ärztliche Behandlungsfehler?

Ist man gesundheitlich eingeschränkt und begibt sich in Behandlung muss man sich auf Ärzte verlassen können. Medizinische Sachverhalte sind für Laien meist zu komplex. Besteht dann der Verdacht auf einen Behandlungsfehler, sind Patienten oft verunsichert.

Ein grober Behandlungsfehler liegt nur dann vor, wenn der Arzt eindeutig gegen ärztliche Behandlungsregeln oder gesicherte medizinische Erkenntnisse verstoßen und einen Fehler begangen hat, der aus objektiver Sicht nicht mehr verständlich erscheint, weil er einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen darf.

Urteil des Bundesgerichtshofs vom 3. Juli 2001 – VI ZR 418/99

Im Patientenrecht wurden 2013 die Sorgfaltspflichten konkretisiert. Er kann bereits bei der Aufklärung des Patienten, bei der Befunderhebung, Medikamentengabe oder der konkreten Behandlung zum Beispiel einer Operation auftreten. Neben Ärzten können sie beispielsweise auch Hebammen, Heilpraktikern und Krankenhauspersonal unterlaufen. Achtung: Laut Behandlungsvertrag schuldet ein Arzt dem Patienten keine Heilung. Das heißt, nur, weil er nicht gesund wird, liegt noch kein Behandlungsfehler vor. Nur ein direkter Zusammenhang von Beschwerden und Behandlung lässt auf einen solchen Fehler schließen.

Laut Medizinischem Dienst der Krankenversicherung (MDK) wurden im letzten Jahr 14.100 Gutachten aufgrund des Verdachts auf ärztliche Behandlungsfehler erstellt. Etwa jeder vierte Fall wurde nach Prüfung als ärztlicher Behandlungsfehler eingestuft. Im Allgemeinen ist es sehr schwierig zu beurteilen, ob ein ärztlicher Behandlungsfehler vorliegt. Deshalb sollten Betroffene in jedem Fall die Unterstützung von Experten suchen.

Ursachen

Bekannt sind Behandlungsfehler wie im Patienten vergessenes OP-Besteck oder falsch amputierte Gliedmaßen. Die Gründe hierfür und für andere Behandlungsfehler können ganz unterschiedlich sein.

Patientin und Arzt
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Aufklärungsfehler: Vor einer Behandlung müssen Ärzte den Patient umfassend informieren. Dabei müssen Risiken und mögliche Alternativen zur anstehenden Behandlung verständlich erklärt werden. Nur dann ist die Einwilligung zur Behandlung auch wirksam.

Diagnosefehler: Ärzte müssen Diagnosen mit großer Sorgfalt stellen. Dabei ist es wichtig, dass die Beschwerden in Bezug auf alle in Frage kommenden Ursachen untersucht werden.

Therapiefehler: Um die richtige Therapie auszuwählen, müssen Ärzte drei Kriterien bedenken. Die Therapie muss die besten Erfolgsaussichten haben, den medizinischen Standards entsprechen und das geringste Gesundheitsrisiko für den Patienten bergen.

Organisationsfehler: Auch ein Organisationsfehler kann Ursache eines ärztlichen Behandlungsfehlers sein. Unnötig lange Wartezeiten, falscher oder mangelnder Personaleinsatz oder mangelnde Hygiene sind mögliche Organisationsfehler.

mangelnde Nachsorge-Aufklärung: Folgt der Behandlung eine Therapie, muss der Arzt den Patienten umfassend über die folgenden Schritte aufklären. Beispielsweise können dies notwendige Nachuntersuchungen oder spezielle Medikamente sein. Informiert der Arzt nicht, kann ebenfalls ein Behandlungsfehler vorliegen.

Was können Betroffene tun?

Feststellung/Gutachten
Vermutet man einen Behandlungsfehler, gibt es je nach Zielstellung verschiedene Optionen. Reicht dem Betroffenen ein klärendes Gespräch, sollten Ärztin bzw. Arzt oder auch das Krankenhaus (Beschwerdemanagement) direkt konsultiert werden. Auch die Krankenkasse ist Ansprechpartner beim Verdacht auf ärztliche Behandlungsfehler. Sie ist verpflichtet Mitglieder kostenfrei zu unterstützen. Die Krankenkasse holt im Verdachtsfall ein Sachverständigengutachten des medizinischen Dienstes der Krankenversicherung ein. Eine weitere Möglichkeit zu klären, ob ein Behandlungsfehler vorliegt, sind Gutachterkommissionen und Schlichterstellen. Das sind Einrichtungen der Ärzteschaft. Sie greifen Fälle auf,  welche noch nicht Gegenstand einer gerichtlichen Auseinandersetzung sind und in der Regel nicht mehr als 5 Jahre zurückliegen. Auch hier kann ein kostenloses Gutachten erstellt werden. Mit dem Gutachten geht eine erste Einschätzung und Empfehlung einher. Wer unsicher ist, welcher Schritt wann sinnvoll ist kann sich zudem an die unabhängige Patientenberatung wenden. Sie bietet Betroffenen kostenlose Beratung an.

Tablette, Spritzen und Geldscheine
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Schadensersatz
Ein ärztlicher Behandlungsfehler kann unter Umständen folgenreich für Gesundheit und materielle Sicherheit sein. Arbeitsausfall, Schmerzen, weitere Behandlungen – alles Folgen, die dem Geschädigten oftmals unerwartete Kosten bescheren. Steht ein Behandlungsfehler damit in direktem Zusammenhang, können Arzt oder Krankenhaus für den Schaden haftbar gemacht werden. Auf Patientenrecht spezialisierte Anwälte sind hier hilfreich. In der Regel trägt hierbei der Patient die Beweislast, muss also den Behandlungsfehler vorweisen können und den Nachweis erbringen, dass dieser in unmittelbarem Zusammenhang zur Verletzung steht. Anders bei besonders groben Behandlungsfehlern, beispielsweise der Amputation des falschen Beines. Hier gibt es die Beweislastumkehr – der Arzt bzw. das Krankenhaus muss also hier Nachweise erbringen.

Welcher Schaden wie hoch ersetzt wird, ist vor Gericht immer eine Einzelfallentscheidung. Die Bandbreite der Schadensersatzansprüche ist lang und reicht von zusätzlichen Behandlungskosten über Fahrt- und Lohnkosten bis hin zur Übernahme von Beerdigungskosten. Je nach Fall gibt es ganz unterschiedliche Schadensersatzansprüche. Hier die wichtigsten:

  • Schadensersatz bei Verdienstausfall: Beruf kann über längere Zeit nicht ausgeübt werden. Auch wenn sich bei Schülern, Auszubildenden oder Studenten der Eintritt ins Arbeitsleben verzögert, besteht ein Anspruch.
  • Schadensersatz bei Haushaltsführungsschaden: Haushalt kann vorübergehend oder über längere Zeit nicht mehr ohne Hilfe geführt werden.
  • Schadensersatz "vermehrter Bedürfnisse": Langfristige finanzielle Belastungen, die durch eine dauerhafte Einschränkung des Patienten entstehen, beispielweise Pflege, Rollstuhl oder spezielle Diät.
  • Ersatzansprüche durch Tod des Patienten: Führt ein Behandlungsfehler zum Tod des Patienten, können Angehörige auf Betreuungsunterhaltsschaden und Unterhaltsaufwendungen klagen.
  • Anspruch auf Schmerzensgeld

Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen
Nicht immer muss ein Streitfall vor Gericht landen. Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Länder- und Ärztekammern und der Medizinische Dienst der Krankenversicherung sind bemüht, möglichst eine außergerichtliche Einigung zu erreichen. Je nach Experteneinschätzung/Gutachten folgen hieraus Empfehlungen zu Nachbehandlungen oder finanziellem Ausgleich. Diese sind jedoch nicht rechtsverbindlich. Fällt das Gutachten negativ für den Patienten aus, sind die Erfolgschancen laut Experten eher gering. Wichtig  zu wissen: Anwälte, die vor der Gutachtenerstellung beauftragt wurden, müssen vom Betroffenen selbst bezahlt werden. Als zweite Option gibt es die Klage vor Gericht. Hierbei sollte man sich einen, auf Patientenrecht spezialisierten, Anwalt zur Hilfe nehmen. Das Gericht kann zur Klärung ein Sachverständigengutachten anfertigen lassen, Zeugen befragen und Unterlagen sichten und auswerten. Weiterhin dürfen die beteiligten Parteien sogenannte Parteigutachten anfertigen lassen, welche dann mit in die Entscheidung einfließen können.

Spielzeugfiguren, gestapelte Münzen, Paragraphen-Zeichen
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Die Prozesskosten
Je nachdem, wer den Prozess gewinnt, werden die Prozesskosten verteilt. Entscheidet das Gericht zum Beispiel zugunsten des Patienten, muss der Beklagte alle Kosten tragen, auch die Anwaltskosten. Bei einem Vergleich teilen sich beide Parteien die Kosten. Können Patienten solche Kosten nicht selbst aufbringen, gibt es die Möglichkeit, Prozesskostenhilfe (PKH) zu beantragen. Vor dem Prozessbeginn werden in einem Schnellverfahren persönliche und wirtschaftliche Verhältnisse geprüft. Achtung: Auch wenn Prozesskostenhilfe gezahlt wird, muss der Patient, falls er den Prozess verliert, die Anwaltskosten für die Gegenseite übernehmen. Dies wird nicht von der PKH abgedeckt.

Fehlervermeidungskultur

Kliniken und Ärzte sind verpflichtet, vorbeugend gegen Behandlungsfehler vorzugehen. Dies wird praktisch durch ein Risikomanagement sichergestellt und kann in Qualitätsberichten von Kliniken und Praxen eingesehen werden. Vereine wie das Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. setzen sich dafür ein, dass Patientensicherheit bereits in der Ausbildung von Ärzten und Krankenhauspersonal eine wichtige Rolle spielt. Ein Beispiel sind Zählkontrollen vor, während und nach einer OP. Hier muss das Personal dafür Sorge tragen, dass alle Instrumente, Tupfer usw., die bei der OP genutzt wurden, auch nach der OP vollständig sind. Somit soll verhindert werden, dass Instrumente und andere Gegenstände in der OP-Wunde verbleiben.

Achtung: Verjährungsfristen

Eine Statue der Justitia
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Klinik oder Arzt müssen Schmerzensgeld oder Schadensersatz an den Betroffenen nur innerhalb bestimmter Fristen zahlen. Es greifen Bestimmungen zur allgemeinen Verjährung aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch (§195, §199 BGB). Im Regelfall greift eine Verjährungsfrist von drei Jahren. Dabei beginnt die Verjährung erst, wenn der aus einem Behandlungsfehler resultierende Schaden entstanden ist, der Betroffene diesen Behandlungsfehler erkannt hat und weiß, wer dafür verantwortlich ist. Die Verjährung tritt dann nach drei Jahren zum Jahresende ein. Aber nicht immer erkennt ein Patient auch, dass er Opfer eines Behandlungsfehlers geworden ist, beispielsweise wenn ein OP-Tuch im Bauchraum vergessen wurde. In diesem Fall gilt eine Verjährungsfrist von 10 Jahren. Diese endet allerdings genau an dem Tag, an dem der Schaden entstanden ist.

Fazit

Hat der Arzt etwas falsch gemacht? Für alle, die sich hier unsicher sind, gibt es zahlreiche Anlaufstellen, die im Ernstfall kostenlos unterstützen. Ganz wichtig dabei: Ein ärztlicher Behandlungsfehler muss als Ursache von Beschwerden zweifelsfrei belegt werden. Das ist schwierig. Dennoch sollten sich Betroffene von Ärzten und Krankenhäusern nicht einschüchtern lassen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 24. September 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. September 2019, 02:10 Uhr

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