Regelung für ausgefallene Pauschalreisen: Gutschein oder Geld zurück?

Viele Reisende ärgern sich: Für den ausgefallenen Urlaub bekommen sie kein Geld, nur einen Gutschein. Ein Gesetz soll Pauschalreisenden jetzt helfen.

Auswirkungen der Corona-Pandemie: Zahlreiche Flüge fallen im April am Berliner Flughafen Tegel aus
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Millionen Reisende hatten sich wochenlang auf ihren Urlaub am Strand und in fernen Ländern gefreut. Doch in der Corona-Krise mussten sie zu Hause bleiben. Zur Trauer über die verpasste schöne Zeit kam bei vielen noch der Ärger mit Reiseveranstaltern und Airlines. Die sind wegen der vielen geplatzten Urlaube in die Krise geraten. Einige zahlten erstmal gar nichts aus, anderen boten Gutscheine an. Doch die müssen Pauschalreisende nicht annehmen. Der Bundestag stimmte am Donnerstag ohne Gegenstimmen für ein Gesetz, nach dem Reisende die Wahl haben.

Reisende entscheiden selbst: Geld zurück oder Gutschein

Ist eine Reise geplatzt, können Urlauber einen Gutschein annehmen oder direkt ihr Geld zurückverlangen. Das sieht die jetzt beschlossene Gutscheinlösung vor. Das Gesetz gilt ausschließlich für Reisen, die vor dem 8. März dieses Jahres gebucht wurden. Nach der Regelung können auch Pauschalreisende noch ihr Geld zurück verlangen, die bereits in den letzten Wochen einen Gutschein akzeptiert haben. Claudia Neumerkel ist die Reiseexpertin der Verbraucherzentrale Sachsen und sagte MDR JUMP:

Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale Sachsen
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Auf jeden Fall ist es gut, dass nicht die Lösung mit den Zwangsgutscheinen kommt. Die ist ganz klar ein Verstoß gegen EU-Recht. Zudem hat die Lösung ein Plus: Die Gutscheine sind insolvenzfest abgesichert.

Wer also einen Gutschein vom Veranstalter der Reise annimmt, steht also bei einer Insolvenz wie zuletzt bei Thomas Cook nicht mit leeren Händen da. Der Staat garantiert, dass Reisende ihr Geld zu einhundert Prozent zurück bekommen oder den Gutschein komplett einlösen können. Das gilt auch, wenn das Kapital aus den Reisesicherungen aufgebraucht ist. Aus Sicht von Reiseexpertin Neumerkel könnte diese Sicherheit Urlauber dazu bringen, doch Gutscheine zu akzeptieren und damit Reiseveranstalter jetzt etwas zu entlasten. Sie lobt auch, dass Verbraucher anders als bisher oft üblich nicht begründen müssen, warum sie ihr Geld direkt zurück haben wollen.

Reisende müssen keinen Härtefall darlegen, keine persönlichen Gründe. Das macht die Sache attraktiver.

Die Gutscheine können nach der gesetzlichen Regelung bis zum 31. Dezember 2021 eingelöst werden. Passiert das nicht, muss der Veranstalter das Geld innerhalb von 14 Tagen auszahlen.

Muss man einen Gutschein für Reisen akzeptieren, die nach dem 8. März gebucht wurden?

Für später gebuchte Pauschalreisen gilt das neue Gesetz nicht. Auch nicht für Reisen, die jetzt gebucht und dann vielleicht im Oktober wegen einer neuen Corona-Welle abgesagt werden müssen. Reiseexpertin Claudia Neumerkel sagte:

Vor dem Neustart nach dem Corona-Lockdown: Touristen am fast leeren Strand auf Mallorca am Playa de Palma
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Rein praktisch ändert sich aber nichts. Wenn ein Kunde Anspruch auf eine Rückzahlung hat, dann bleibt es dabei. Er kann aber immer noch alternativ die Gutschein-Variante mit dem Veranstalter der Reise wählen.

Was gilt für Flüge?

Die Fluggesellschaften hatten sich in den letzten Wochen besonders lautstark für die sogenannten "Zwangsgutscheine" eingesetzt. Damit wollten sie verhindern, dass Millionen Kunden ihr Geld für ausgefallene Flüge zurückfordern. Gleichzeitig ließen sich die Airlines offensichtlich sehr viel Zeit dabei, Reisenden ihr Geld zu erstatten. Der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung Thomas Bareiß (CDU) schimpfte jetzt in einem Zeitungsinterview: "Was da passiert, ist eine Frechheit. Die Fluggesellschaften haben eine rechtliche Verpflichtung ihren Kunden gegenüber und ich erwarte, dass die auch erfüllt wird." Für Flüge gilt EU-Recht und danach haben Kunden bei stornierten Flügen die Wahl: Sie können entweder eine andere Beförderung zu ihrem Ziell wählen oder sich ihr Geld innerhalb von sieben Tagen auszahlen lassen. Alternativ können sie auch einen Gutschein akzeptieren. Dazu zwingen können die Airlines ihre Kunden aber nicht. Claudia Neumerkel sagte MDR JUMP:

Passagiere in einer Flugzeugkabine
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Wenn ein Kunde sich für einen Gutschein von der Airline entscheidet, dann ist der Gutschein nicht insolvenzgesichert. Bei teuren Flügen raten wir daher an, von vornherein eine Absicherung gegen mögliche Insolvenzen mit abzuschließen. Einige Airlines haben jetzt angekündigt, Erstattungen für ausgefallene Flüge auszuzahlen. Wir sehen da aber noch keine positiven Rückmeldungen.

Welche Rechte haben Zugreisende?

Hinweistafel zum Verhalten in einer Bahn
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Bei der Schlichtungsstelle öffentlicher Personenverkehr (SÖP) haben zuletzt die Beschwerden von Verbrauchern über Airlines und auch über die Deutsche Bahn deutlich zugenommen. Jede Woche kommen laut SÖP zwei- bis dreimal so viele Schlichtungsanträge an wie in den vergleichbaren Zeiträumen des Vorjahres. Bahnkunden seien beispielsweise verärgert, dass sie für nach dem 4. Mai gekaufte Tickets zeitlich befristete Gutscheine erhielten. Die gelten dann auch nur für die gebuchte Strecke. Aus Sicht von Verbraucherschützerin Neumerkel hat sich die Deutsche Bahn aber bisher ihren Kunden sehr kulant gegenüber verhalten. Das Unternehmen könne beispielsweise nichts dafür, wenn Konzerte, Urlaube oder Veranstaltungen ausfallen und dann auch die Fahrt dahin überflüssig wird: "Da wurden viele Regelungen auf Kulanz getroffen. Da hat die Bahn etwa Gutscheine angeboten und Fahrten erstattet." In der aktuellen Lage mit vielen Unsicherheiten wegen des Corona-Virus können Bahnreisende auf Tickets setzen, die bis kurz vor knapp storniert werden können. Die kosten meist nur einen kleinen Aufpreis.

Wie können Reisende Druck machen?

Der Reiseveranstalter spielt "toter Mann" und meldet sich gar nicht, die Fluggesellschaft vertröstet an der Hotline immer wieder. In solchen Fällen sollten Verbraucher mit einem Fax oder per Einschreiben ihre Ansprüche geltend machen. Darin setzen sie am besten eine angemessene Frist für die Erstattung des Geldes. 14 Tage gelten dafür als angemessen. In der aktuellen Situation kann eine etwas längere Frist von bis zu vier Wochen auch sinnvoll sein. Hilft das nicht, empfiehlt Claudia Neumerkel das gerichtliche Mahnverfahren. Das können Verbraucher auch online über das gemeinsame Mahnportal der Bundesländer starten.

Das kostet ab 37,50 Euro aufwärts, die Kosten richten sich nach dem Streitwert. Der Verbraucher muss dabei in Vorkasse gehen und das bei der Landesjustizkasse einzahlen. Die Kosten für die Rechtsverfolgung kann er aber am Ende einfordern.

Aktuell müssten Reisende beim gerichtlichen Mahnverfahren etwa drei Wochen einplanen. Alternativ helfen auch die Verbraucherzentralen und die Schlichtungsstellen weiter. Die SÖP vermittelt zwischen Reisenden, der Deutschen Bahn, Nahverkehrsunternehmen, Fernbus-Anbietern und einigen Airlines. Für die restlichen Fluggesellschaften ist die Schlichtungsstelle Luftverkehr vom Bundesamt für Justiz zuständig.

Mit Material von AFP und dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 02. Juli 2020 | 11:15 Uhr

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