Wie problematisch ist Paracetamol in der Schwangerschaft?

Viele von uns nutzen frei verkäufliche Schmerzmittel ohne allzu viel Nachdenken. Selbst für Schwangere galt der Wirkstoff Paracetamol bisher als ungefährlich. Doch ganz so einfach ist die Sache wohl nicht.

Mehr als eine halbe Milliarde Euro – so viel geben wir Deutschen jedes Jahr für Schmerzmittel aus. Und offenbar verschreiben Ärzte auch immer mehr dieser Präparate. Doch nicht einmal zwanzig Prozent der Pillen gelangen so unter die Leute. Viele Produkte sind ja frei verkäuflich.

Eine lösliche Tablette in einem Wasserglas.
Manche Medikamente können in der Schwangerschaft gefährlich sein für das ungeborene Kind. Bildrechte: Colourbox.de

Normalerweise halten frei verkäufliche Schmerzmittel die Wirkstoffe Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder aber Paracetamol. Wir wollen uns heute mal mit dem letztgenannten Wirkstoff befassen – und der Frage, ob er bedenkenlos in der Schwangerschaft eingenommen werden kann. Denn klar ist ja: Manche Medikamente können gefährlich sein für das ungeborene Kind. Bislang galt Paracetamol in dieser Hinsicht als unbedenklich - im Gegensatz etwa zu Acetylsalicylsäure, das in späteren Phasen der Schwangerschaft nicht mehr genutzt werden sollte. Auch Ibuprofen, so heißt es, kann das Herz-Kreislaufsystem des Kindes stark belasten.

Niedrig dosiert und kurz einnehmen

Nun hat sich aber herausgestellt: Schwangere sollten auch Paracetamol nur niedrig dosiert und so kurz wie möglich einnehmen. Denn auch hier kann es Nachteile geben – auch wenn Experten grundsätzlich keinen Grund zu Panik sehen. Eine große Gruppe um David Kristensen von der Universität Kopenhagen verweist im Fachjournal „Nature Reviews Endocrinology“ auf gleich eine ganze Reihe von Studien. Demnach gibt es einen Zusammenhang zwischen der Paracetamol-Einnahme in der Schwangerschaft und etwa dem Risiko für ADHS beim Kind. Auch Fehlbildungen könnten auftreten.

Eine schwangere Frau
Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen haben, zeigten Entwicklungsstörungen. Bildrechte: Colourbox.de

„Als Wissenschaftler, Mediziner und Fachleute des öffentlichen Gesundheitswesens sind wir besorgt über die steigenden Raten neurologischer, urogenitaler und reproduktiver Störungen“, so die Warnung der Fachleute. Weltweit greife etwa die Hälfte aller Schwangeren zu Paracetamol, zum Beispiel im Kampf gegen Muskel- und Kopfschmerzen, Rückenbeschwerden, Infektionen und Fieber. Das Problem aus Sicht der Forscher: Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen haben, zeigten statistisch gesehen häufiger eine Entwicklungsstörung des zentralen Nervensystems. Die Häufigkeit von ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen war erhöht, die Sprachentwicklung verzögert und der Intelligenzquotient niedriger.

Experte warnt vor Panikmache

Männliche Neugeborene hatten außerdem öfter einen Hodenhochstand und kamen früher in die Pubertät. Bei weiblichen Nachkommen gibt es Studien, die über eine geringere Fruchtbarkeit berichten.

Das Team um Kristensen sagt aber auch: Die aktuelle Datenlage lässt keine abschließende Beurteilung möglicher Probleme durch Paracetamol in der Schwangerschaft zu. Auch Wolfgang Paulus von der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie an der Universitätsfrauenklinik Ulm sagt, Panikmache müsse vermieden werden. Es sei aber sicher gerechtfertigt, vor einem allzu unbedachten Umgang mit Paracetamol in der Schwangerschaft zu warnen.

So sehen das auch die Experten um Kristensen. Sie raten, wie schon erwähnt, dass Schwangere Paracetamol nur in niedrigen Dosierungen und so kurz wie möglich einnehmen sollten – und das auf jeden Fall mit ihrem Arzt besprechen. Ein Verbot sei zurzeit nicht nötig, aber eine klare Warnung, etwa durch einen Hinweis auf der Verpackung. Auf den Boxen solcher Präparate in Deutschland ist bereits jetzt der Hinweis zu finden, dass das Medikament bei Schmerzen oder Fieber ohne ärztlichen Rat nicht länger anzuwenden ist als vom Apotheker oder von der Apothekerin empfohlen.

Das ist auch sehr sinnvoll. So ist bekannt, dass Paracetamol bei Überdosierung auch Leberschäden verursachen kann. Außerdem macht es Menschen weniger einfühlsam.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 03. Oktober 2021 | 06:40 Uhr

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