Organspende - Was ändert die Widerspruchslösung für uns alle?

01.11.2018 | 11:37 Uhr

In Deutschland gibt es so wenige Organspenden wie schon seit 20 Jahren nicht mehr. Nur rund 800 Menschen haben im letzten Jahr gespendet. Mehr als 10.000 Patienten warten auf ein neues Herz, eine neue Lunge oder eine Niere. Oft vergeblich. Aktuell wird heftig darüber diskutiert, wie man die Organspende neu regeln und damit mehr Menschen helfen könnte. Wir haben mit einer Betroffenen und Transplantationsmedizinern über das schwierige Thema gesprochen.

Videoreportage: Organspende - Mein Leben auf der Warteliste. 9 min
Videoreportage: Organspende - Mein Leben auf der Warteliste. Bildrechte: MDR JUMP

MDR JUMP Do 01.11.2018 11:18Uhr 09:03 min

https://www.jumpradio.de/thema/Videoreportage-organspende-mein-leben-auf-der-warteliste-100.html

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Gesundheitsminister Jens Spahn hat im September vorgeschlagen, die so genannte Widerspruchslösung in Deutschland einzuführen. Danach gilt jeder automatisch als Organspender, wenn er nicht widerspricht. Zudem müssen auch noch die Angehörigen gefragt werden. Jens Spahn sagte dazu:

Sich mit der Organspende auseinanderzusetzen, muss für uns alle zur Selbstverständlichkeit werden. Das sind wir den mehr als 10.000 Menschen schuldig, die voller Hoffnung auf ein Organ warten. Jeder sollte daher für sich eine Entscheidung treffen und diese auf dem Organspendeausweis dokumentieren.

Damit will der Gesundheitsminister die Organspende zum Normalfall statt zum Ausnahmefall machen. Ein Gesetz soll es aber erstmal nicht geben. Jens Spahn will das Thema erstmal nur diskutieren und auf ein Problem aufmerksam machen:

Grafik zum Thema um wieviel die Zahl der Organspender seit 2010 zurückgegangen ist.
Bildrechte: Lars Weise/MDR SACHSEN-ANHALT

Nach einer aktuellen Umfrage sehen 84 Prozent der Befragten die Organspende positiv. Den dafür nötigen Ausweis haben aber erst 36 Prozent – obwohl die Krankenkassen ihre Mitglieder zu dem Thema anschreiben.

Automatisch Spender oder doch nicht?

Den Vorschlag von Jens Spahn haben auch unsere Hörer auf Facebook kontrovers diskutiert.

Vivien Mudrich

Vivien Mudrich

Ich habe im April meine schwerkranke 19jährige Tochter (Eisenmenger-Syndrom) verloren, weil sie zu lange auf passende Organe warten musste. Ich hoffe für die Leute, die hier ganz laut auf "NEIN" plädieren, niemals aus genau solchen Gründen jemanden verlieren zu müssen.

Hörer möchte anonym bleiben

Hörer möchte anonym bleiben

Jeder soll selbst entscheiden können, was mit seinem Körper geschieht. Und wenn jemand dagegen ist, dann wird das seine Gründe haben. Glaube, Krankheit, etc... und diese Diskussionen darüber nehmen solche Ausmaße an, wo man sich auch noch rechtfertigen muss.

Luci Sonntag

Luci Sonntag

Seit Jahren versuche ich immer wieder, die Leute dazu zu bewegen, Organspenderausweise mitzuführen. Selbst wenn ich sie Ihnen vorlege, sind sie noch zu faul sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und ihren Willen kundzutun. Also muss man sie zwingen sich dem Thema zu stellen.

Matthias Gratz

Matthias Gratz

Super Idee, dass erstmal jeder automatisch ein Organspender ist. Wer es wirklich nicht will, der hat die Möglichkeit, das aktiv abzulehnen. Der bekommt dann natürlich auch kein Spenderorgan, wenn er eins brauchen sollte. Ist halt geben und nehmen.

Ein Grund für die mangelnde Spendenbereitschaft der Deutschen ist der Skandal von 2012. Damals war herausgekommen, dass Kliniken Wartezeiten für die Transplantation manipuliert hatten. Auch die Sorge vieler Menschen, für eine Organspende zu früh tot erklärt zu werden, konnten Medizin und Politik nicht komplett ausräumen. Zudem fehlen in vielen Kliniken die für die Organspende nötigen Voraussetzungen, kritisieren Mediziner immer wieder: Es fehlt Personal, um Spender ausfindig zu machen oder den Hirntod potentieller Spender festzustellen.

Was sagen Mediziner?

MDR JUMP hat mit zwei Medizinern gesprochen, zu deren Arbeitsalltag Organspenden gehören. Prof. Dr. Paolo Fornara ist Chefarzt der Transplantationsabteilung an der Uniklinik Halle. Er hat in diesem Jahr bereits 43 Nieren transplantiert. Der Mediziner findet es nicht hinnehmbar, dass Patienten in Deutschland sechs, sieben und mehr Jahre auf eine Spenderniere warten müssen:

Der Durchschnitt in Europa – ohne Deutschland – liegt bei etwa 25 Spendern pro eine Million Einwohner. Deutschland hat neun Spender pro Million Einwohner. Im internationalen Vergleich belegt Deutschland im Transplantverbund den letzten Platz. Der Transplantverbund ist das europäische Vergabesystem aus rund der Hälfte aller europäischen Länder.

Aus seiner Sicht ist die vom Gesundheitsminister angedachte Widerspruchslösung ein Schritt in die richtige Richtung. Wichtig sei aber auch, Krankenhäuser besser für Organspenden zu bezahlen. Nur so könnten sie das dafür geschulte Personal und die aufwendige Technik finanzieren. Das sieht Doktor Harald Seidel ähnlich, er kümmert sich am Uniklinikum in Halle um Dialysepatientin:

Ich sage es mal sehr hart: Es ist natürlich nicht so, dass ein Krankenhaus am Tod eines Menschen verdienen soll. Aber, wenn man eine Organentnahme macht, bedeutet das einen großen technischen und personellen Aufwand. Man braucht die teuersten Einrichtungen, die es gibt, einen Platz auf der Intensivstation, Operationskapazitäten und dann braucht man wenigstens eine Pauschale, die diese Grundkosten für das Krankenhaus deckt.

In diesen Transportboxen werden Organe sicher zum Empfänger gebracht.
In diesen Transportboxen werden Organe sicher zum Empfänger gebracht. Bildrechte: IMAGO

Der Mediziner setzt sich ebenfalls für die Widerspruchslösung ein. Die zwinge Menschen, sich aktiv mit einem für sie unangenehmen Thema auseinanderzusetzen: Was soll nach meinem Tod mit meinem Körper und meinen Organen passieren?

Wie regeln andere Länder Organspenden und was sollten Urlauber wissen?

Die Organspende ist innerhalb Europas unterschiedlich geregelt. Die deutsche Regelung wird als "Entscheidungslösung" bezeichnet. Organe dürfen nur entnommen werden, wenn vorher zugestimmt wurde. Dafür erhalten Krankenversicherte regelmäßig Infomaterial und Spenderausweisvordrucke von ihren Kassen.

Bei der "Erweiterten Zustimmungslösung" in Dänemark, Großbritannien, der Schweiz oder den Niederlanden muss der Spender zu Lebzeiten ausdrücklich erklärt haben, dass er als Spender zur Verfügung steht. Die Angehörigen können allerdings auch bei Nichtvorhandensein dieser Erklärung ihre Zustimmung zur Spende erteilen.

In anderen Ländern wie Frankreich, Italien, Tschechien, Polen, Österreich und Spanien gilt die "Widerspruchslösung". Hier wird jeder Verstorbene automatisch als Spender angesehen, es sei denn, er hat zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen. In einigen Ländern haben die Angehörigen das Recht, einer Organentnahme bei der verstorbenen Person zu widersprechen, sollte keine Entscheidung der verstorbenen Person vorliegen. Diese "Widerspruchsregelung mit Einspruchsrecht" gilt beispielsweise in Belgien, Finnland, Norwegen und Kroatien.

Grundsätzlich gilt beim Umgang mit der Organspende immer die gesetzliche Regelung des Landes, in dem man sich gerade aufhält. Touristen könnten also im Ausland ungewollt zu Spendern werden. Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organtransplantation sagt:

Eine Hand hält einen Organspendeausweis.
Bildrechte: imago/Schöning

Erfahrungsgemäß werden immer noch einmal die Angehörigen nach dem vermuteten Willen des Verstobenen gefragt. Daher ist es hilfreich, einen ausgefüllten Organspendeausweis bei sich zu tragen – am besten auch in der Sprache des jeweiligen Aufenthaltslandes.

Die Stiftung stellt Ausweise in 28 Fremdsprachen zum Herunterladen bereit.

Diese Krankenhäuser in Mitteldeutschland sind für Organspenden ausgerüstet

In Sachsen können laut dem Verband der Ersatzkassen (VDEK) 67 der insgesamt 79 Krankenhäuser Spenderorgane entnehmen. Vier Transplantationszentren sind für eine Übertragung von Spenderorganen an Betroffene zugelassen. Das sind in Dresden und Leipzig jeweils die Universitätskliniken und Herzzentren. In Sachsen-Anhalt gibt es zwei Transplantationszentren: Die Universitätskliniken in Halle und in Magdeburg. 39 von insgesamt 48 Krankenhäusern (laut VDEK) können in dem Bundesland Spenderorgane entnehmen, so die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Die weist für Thüringen 36 Krankenhäuser aus, die das nötige Personal und die Technik haben. Im Freistaat gibt es insgesamt 44 Kliniken. Das Transplantationszentrum steht in Jena. Insgesamt gibt es in Mitteldeutschland also etwas mehr als 140 Entnahmekrankenhäuser. Rund 45 Prozent davon haben nach MDR Aktuell-Recherchen im letzten Jahr die Deutsche Stiftung Organspende wegen einer möglichen Spende kontaktiert.

Wie wird der Hirntod festgestellt? Viele befürchten, ihnen könnten Organe entnommen werden, obwohl ihr Leben doch noch nicht ganz zu Ende ist. Dazu sagte Prof. Manfred Wirth von der Klinik für Urologie am Dresdner Uni-Klinikum im MDR: "Es wird niemandem ein Organ entfernt, wenn er nicht sicher hirntot ist. Dazu gibt es in Deutschland ganz genaue Kriterien." Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer muss ein möglicher Spender unabhängig voneinander durch zwei erfahrene Ärzte untersucht werden. Beide dürfen weder an der Entnahme noch an der Weitergabe der Organe beteiligt sein. Die Mediziner müssen feststellen, dass die Funktionen von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm unumkehrbar ausgefallen sind. Herz- und Kreislauffunktionen des Patienten werden dabei künstlich aufrechterhalten.

Die MDR JUMP Reportage: Ein Leben auf der Warteliste

Claudias Nieren funktionieren nicht und können auch nicht repariert werden. Sie fährt deshalb seit acht Jahren jede Woche drei Mal zur Dialyse in die Uniklinik nach Halle. Über Nacht wird sie für acht Stunden an eine Maschine angeschlossen, die ihr Blut reinigt. Für die Mutter einer Tochter heißt das: Sie muss alles für ihre Familie am Tag regeln. Claudia steht seit Jahren auf der Warteliste für eine Spenderniere. Wird sie dafür ausgelost, muss sie innerhalb von vier Stunden in der Uniklinik sein. Einfach mal Urlaub machen – für Claudia und ihre Familie unmöglich! In der MDR JUMP-Reportage erzählt sie auch darüber, wie sie für ihre Familie stark ist, wie sie ihre Arbeit aufgeben musste und wie anstrengend ein Leben auf der Warteliste ist.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 01. November 2018 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2018, 11:38 Uhr

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