Übergabe eines Spenderherzes
Bildrechte: IMAGO

Spender wird, wer nicht widerspricht Könnten die Niederlande bei Organspende Vorbild für Deutschland sein?

14.02.2018 | 14:45 Uhr

Wenn ein Niederländer 18 Jahre alt wird, ist er künftig automatisch Organspender. Selbst wenn er keinen Spenderausweis besitzt. Diesem neuen Gesetz stimmte das Parlament mit knapper Mehrheit zu. Die Neuregelung hat auch die Debatte in Deutschland wieder angefacht.

Übergabe eines Spenderherzes
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Mit 38 Stimmen Mehrheit und 37 Gegenstimmen hat das niederländische Parlament eine Kehrtwende beim Thema Organspende beschlossen. Danach ist ab 2020 jeder Erwachsene automatisch als Spender registriert, wenn er zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Allerdings wird jeder Niederländer vorher zweimal per Brief gefragt, ob er sich im staatlichen Register als Spender oder Nichtspender eintragen lässt. Vorgesehen ist zudem, dass Angehörige in Zweifelsfällen über eine Entnahme von Organen mitbestimmen dürfen.

Zustimmungslösung in Deutschland

Die Niederlande sind mit der aktuellen Gesetzesänderung das 18. europäische Land, das zur sogenannten Widerspruchslösung bei der Organspende wechselt. Die Befürworter der neuen Regelung hoffen auf mehr Spenderorgane. Bislang mussten sich Niederländer aktiv als Organspender registrieren lassen. Diese sogenannte Zustimmungsregelung gilt auch in Deutschland. Danach ist nur der ein potenzieller Organspender, der zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Liegt keine Aussage vor, können die Angehörigen im Sinne des potenziellen Spenders entscheiden. Zudem sind die Krankenkassen verpflichtet, ihre Mitglieder regelmäßig über die Organspende zu informieren und sie zu animieren, einen Spenderausweis auszufüllen. 

Mehr als 1.200 Menschen warten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen auf Spenderorgan

Wegen der ständig zurückgehenden Zahl an Organspendern wird aber auch in Deutschland immer wieder über die Widerspruchslösung nachgedacht. Im letzten Jahr war die Zahl der Organspenden auf den tiefsten Stand seit 20 Jahren gefallen. Bundesweit gab es 797 Spender und damit 60 weniger als im Jahr zuvor. Das sind viel zu wenige für die Menschen, die auf ein oder mehrere Spenderorgane warten. In Sachsen-Anhalt brauchten Ende des letzten Jahres 370 Menschen ein oder mehrere Spenderorgane. Darauf weist die Techniker Krankenkasse (TK) unter Berufung auf Zahlen der Stiftung Eurotransplant hin. Die Liste ist zwar zuletzt um 30 Patienten kürzer geworden. Das sei aber nicht immer eine gute Nachricht, sagt der Leiter der TK-Landesvertretung Jens Hennicke:

Zahlreiche Betroffene versterben, ehe ein passendes Spenderorgan für sie gefunden werden konnte.

In Sachsen warteten 2017 laut TK 521 Menschen auf eine Organspende, in Thüringen waren es 348.

Lob für Widerspruchsregelung...

Auch in Deutschland fordern einige Politiker wie etwa der Gesundheitsexperte der SPD-Fraktion Karl Lauterbach den Umbau der bisherigen Bestimmungen zur Organspende. Auch Sachsen-Anhalts Sozialministerin Petra Grimm-Benne hat sich für eine gesetzliche Neuregelung ausgesprochen. Sie sagte MDR JUMP:

Petra Grimm Benne
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Im Übrigen halte ich – wie auch die Bundesärztekammer – eine Widerspruchslösung für durchaus zweckdienlich. Mit einer Gesetzesänderung könnte die persönliche Auseinandersetzung jedes Einzelnen mit diesem Thema gefördert werden.

Alternativ könnte die Bereitschaft zur Organspende auf der elektronischen Gesundheitskarte mit eingetragen werden.  Die Politikerin lobt, dass die Organspende auch im Koalitionsvertrag einer möglichen CDU/CSU-SPD-Regierung ein Thema sei.

...und heftige Kritik

Aus Sicht von Kritikern verstößt die Widerspruchsregelung gegen die Verfassung. Zudem sei sie kontraproduktiv, weil sie das Misstrauen in die Transplantationsmedizin noch erhöhen könnte. Aus Sicht der Deutschen Stiftung Patientenschutz greift die Widerspruchslösung stark in die Autonomie der Bürger ein. Bereits im Januar warnte der Kölner Jurist und Staatsrechtler Wolfram Höfling, wegen der deutschen Geschichte gebe es große Vorbehalte gegen eine staatliche Verfügungsmacht über den menschlichen Körper. Eine Widerspruchslösung würde die Bevölkerung weiter verunsichern. Gegen eine solche Regelung hat sich unter anderem die katholische Kirche ausgesprochen. Die Organspende müsse ein freiwillige und bewusste Entscheidung und ein Akt der Nächstliebe bleiben.

Widerspruchslösung gab es schon mal

Ab 1975 galt in der DDR für Organspenden die Regelung: Wer nicht schriftlich widersprach, galt als Spender. Der Widerspruch sollte dabei immer im Personalausweis mitgeführt werden. Ein zentrales Register gab es damals aber nicht. Mit dem Einigungsvertrag wurde die Widerspruchsregelung Ende August 1990 faktisch aufgehoben.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 14. Februar 2018 | 19:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2018, 14:44 Uhr

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