Brexit-Befürworter demonstrieren vor dem Parlament in London
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Welche Folgen hat ein Brexit ohne Abkommen?

15.01.2019 | 19:10 Uhr

Verlässt Großbritannien Ende März die EU, ohne dass es ein Brexit-Abkommen gibt? Darüber muss am Dienstag das britische Parlament entscheiden. Wirtschaftsexperten und Politiker warnen vor einem harten Brexit ohne Abkommen, der für alle verheerende Folgen hätte.

Brexit-Befürworter demonstrieren vor dem Parlament in London
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Steigende Preise, lange Schlangen an den britischen Häfen und Flughäfen, große Unsicherheit bei Verbrauchern, ein Milliardenloch im EU-Haushalt und fallende Kurse an den Börsen: So wird aktuell das Brexit-Chaos beschrieben, das ohne Abkommen droht. Wir haben mit dem Thüringer Wirtschaftswissenschaftler Professor Andreas Freytag darüber gesprochen, was im Ernstfall wirklich auf uns zukommt.

Preise könnten hier leicht steigen

Für Verbraucher in Deutschland wird sich aus Sicht unseres Experten auch bei einem harten Brexit zunächst erstmal nicht viel ändern:

Wirtschaftswissenschaftler Prof. Andreas Freytag von der Uni Jena
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Im Ganzen  werden wir den einen oder anderen Preisanstieg haben, ohne dass wir genau sagen können, worauf der zurückgeht.

Wer nach dem 29. März nach Großbritannien reist, muss selbst bei einem Scheitern des Abkommens keine Extra-Vorsorge betreiben. Touristen sollten aber für die Kontrollen am Flughafen oder in den Häfen etwas mehr Zeit einplanen:

Großbritannien ist ja eh nicht im Schengen-Raum und Reisende müssen schon jetzt ihren Pass bei der Einreise zeigen. Das könnten dann die Zollkontrollen etwas intensiver sein.

Britische Fluggesellschaft auf dem Flughafen München
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Ein Problem bei Flügen wolle EU und London vorab schon abwenden: Einige europäische Fluglinien könnten ihre Lizenzen für Flüge von und nach Großbritannien verlieren. Ihnen will die britische Regierung Sondergenehmigungen ausstellen, britische Fluggesellschaften sollen wiederum von der EU eine vorübergehende Erlaubnis bekommen.

Für mitteldeutsche Unternehmen wird es teurer und mühsamer

Großbritannien ist für viele Unternehmen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ein wichtiger Handelspartner. Zwischen sechs und acht Prozent der Exporte aus den drei Bundesländern gehen in das Königreich: Autoteile und Maschinen aus Sachsen und Thüringen, chemische Erzeugnisse aus Sachsen-Anhalt.

Für diese Firmen kann ein Brexit ohne Abkommen zum Problem werden, weil die Ausfuhr ihrer Waren durch die Zollprozeduren länger dauert.

Die Zollabfertigung zwischen EU und Großbritannien müsste Ende März bei einem harten Brexit von jetzt auf gleich aus dem Boden gestampft werden. Niemand weiß derzeit, welche Folgen das für die vielen tausend LKW mit Waren auf dem Weg nach und von Großbritannien hat.

Da kann es dann zu endlos langen Warteschlangen kommen. Die britische Regierung hat ja schon Reedereien beauftragt, Schiffe zur Verfügung zu stellen. So dass der Verkehr erleichtert wird.

Der europäische Autoherstellerverband ACEA hat schon vor Problemen für die Autoindustrie gewarnt. Die "just in time"-Produktion ohne große Lagerflächen könnte empfindlich gestört werden. Einige Autohersteller arbeiten daher an Notfallplänen. Die zusätzliche Handelsbarriere könnte Waren aus Mitteldeutschland in Großbritannien zudem verteuern. Laut unserem Experten würden ohne ein Abkommen so genannte Meistvergünstigungszölle fällig. Für ganz Deutschland stehen laut dem Versicherer Euler Hermes Exporte im Schätzwert von acht Milliarden Euro auf dem Spiel.

Briten horten jetzt schon

Für die rund 70 Millionen Menschen in England, Schottland, Wales und Nordirland hätte ein harter Brexit wohl ungleich härtere Folgen:

Sehr viele Produkte, die in Großbritannien gekauft werden, die werden auf dem Kontinent hergestellt. Lebensmittel und Medikamente etwa. Das wird ein großes Problem sein. Für die ist jede Lieferung vom Kontinent mit neuen Zöllen versehen.

Bereits jetzt horten britische Firmen Importware für ihre Produktion. Supermärkte und Pharmakonzerne kaufen Lebensmittel und Medikamente auf Vorrat. Die Bank von England rechnet zudem mit einem starken Wertverlust des Pfundes um bis zu 25 Prozent. Das könnte die Waren für britische Verbraucher zusätzlich verteuern.

Kein Plan B

Es klingt unvorstellbar: Scheitert das ausgehandelte Abkommen, gibt es keinen Ersatzplan, kein Regelwerk für den Notfall.

Es gibt keine Ersatzregeln, weil es ist alles so geregelt gewesen, als ob die EU endlos besteht.

Die EU und ihre Mitglieder arbeiten aber in mehreren Bereichen wie etwa im Luftverkehr oder bei den Grenzkontrollen schon an Notfallmaßnahmen. Doch selbst wenn das Brexit-Abkommen im britischen Parlament durchfällt, muss es keinen Austritt ohne Regeln geben. Die Briten könnten in einem zweiten, neuen Referendum entscheiden, dass sie gar keinen Austritt wollen. Oder einen Austritt mit weniger harten Konsequenzen.

Das hat ja der Europäische Gerichtshof festgehalten: Die Briten können einseitig die Kündigung zurückziehen, also den Austritt.

Debatte mit Premierministerin Theresa May im britischen Unterhaus am 08.02.2017 in London (Großbritannien). Das Brexit-Gesetz geht in die entscheidende Abstimmung
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In Großbritannien wird aus mehreren Parteien ein erneutes Referendum gefordert. Premierministerin May lehnt das allerdings ab, weil es aus ihrer Sicht das Land spalten könnte. Zudem könnte die Zeit knapp werden – die Vorbereitung könnte aus Sicht von Experten mindestens fünf Monate dauern.

Das passiert am Dienstag in London Die Abgeordneten des britischen Parlaments in London sollen über das so genannte Brexit-Abkommen abstimmen. Das hat Premierministerin Theresa May über mehrere Monate hinweg mit der EU ausgehandelt. Beide Seiten hatten sich im Abkommen darauf geeinigt, dass bis 2021 alles so bleibt wie bisher. Bis dahin wollen EU und Großbritannien an einem Handelsabkommen arbeiten. Die Frist kann noch einmal um zwei Jahre verlängert werden. Eine Ablehnung des Abkommens gilt allerdings als wahrscheinlich. Großen Widerstand gibt es nicht nur in der Opposition, sondern auch in Mays konservativer Partei und bei ihren Verbündeten. Bei einer Ablehnung droht ein ungeregelter EU-Austritt, ein "harter Brexit", mit gravierenden Folgen für die Wirtschaft. Am 29. März wird Großbritannien die EU verlassen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 15. Januar 2019 | 19:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2019, 13:36 Uhr

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