Nutzen wir nur zehn Prozent unseres Gehirns?

Man hört es immer mal wieder: In Wahrheit verwenden wir angeblich nur einen Bruchteil unseres Denkorgans. Was ist an der Behauptung dran?

Gehirn
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Es ist eigentlich eine ganz beruhigende Nachricht: Unser Gehirn ist mächtiger als jeder Supercomputer – auch wenn jeder von uns natürlich Tage hat, wo es einem echt nicht so vorkommt. Aber Tatsache ist, dass unser Denkorgan über nicht weniger als 100 Milliarden Nervenzellen verfügt - und nochmal ein Vielfaches davon an Kontaktpunkten. So kann es den größten Teil der lebenswichtigen Körperfunktionen steuern, Sinneseindrücke verarbeiten und uns das Denken ermöglichen.

Im Schnitt wiegt ein menschliches Gehirn rund 1.300 Gramm – und interessanterweise ist es bei Männern im Schnitt etwa 100 Gramm schwerer bei Frauen. Aber ehe jetzt jemand auf dumme Gedanken kommt: Das heißt natürlich nicht, dass Männer intelligenter sind.

Hartnäckig hält sich jedoch das Gerücht, wir würden nur einen kleinen Teil unserer Gehirnkapazität überhaupt nutzen. Die Rede ist da zum Beispiel von zehn Prozent. Das ist jedoch Quatsch und geht vermutlich auf einen wissenschaftlichen Fachartikel des US-Psychologen William James aus dem 1907 zurück. Darin heißt es:

Wir nutzen nur einen kleinen Teil unserer möglichen mentalen und körperlichen Ressourcen.

Damit war aber offenbar nicht das Gehirn als Organ gemeint, sondern einfach der Umstand, dass wir eben nur ein Bruchteil von dem aus uns herausholen, was wir theoretisch leisten könnten – und weil nur die wenigsten von uns eine Handvoll Sprachen gelernt haben, Konzertpianisten oder Rallyefahrer sind, können wir das ja irgendwie bestätigen. Wir könnten ja all das theoretisch sein, sind es aber aus diversen Umständen nicht geworden. Das heißt aber nicht, dass wir unser Gehirn nicht nutzen.

Die Evolution verschwendet nichts

Die Sache mit den angeblichen zehn Prozent Gehirnnutzung wurde auch immer mal wieder Albert Einstein als Aussage in die Schuhe geschoben. Der hat sich in Wahrheit aber nie so geäußert. Denn, um es nochmal klar zu sagen: Die Sache stimmt ja auch nicht!

Der mittlerweile verstorbene kanadische Neuropsychologe Barry Beyerstein formulierte das Hauptargument dagegen einmal so: Das Gehirn braucht sehr viel Energie – und wenn wir nur einen Teil davon nutzen würden, wäre das eine extreme Verschwendung.

Hirngewebe ist sowohl im Wachstum als auch im Betrieb stoffwechselintensiv, und es ist schwer vorstellbar, dass die Evolution die Verschwendung von Ressourcen in einem Ausmaß zugelassen hat, das für den Aufbau und die Erhaltung eines so stark unterausgelasteten Organs erforderlich ist.

In Echtzeit zusehen

Mit Diagnoseverfahren wie der Elektroenzephalografie (EEG), Positronen-Emissions-Tomographie (PET) oder der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) können Forscherinnen und Forscher unserem Denkorgan inzwischen in Echtzeit bei der Arbeit zusehen. Dabei sehen sie, dass selbst bei einfachen Alltagstätigkeiten weit mehr als zehn Prozent ausgelastet sind – und sogar in Ruhephasen ein verblüffend hohes Maß an Aktivität herrscht.

Lichtleiter durchdringen Gehirn
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Dazu kommt ein weiteres Argument: Würden ein Großteil des Gehirns tatsächlich im Normalzustand nur so vor sich hindämmern, dürften Verletzungen unseres Denkorgans eigentlich keine nennenswerten Schäden hinterlassen – doch genau das Gegenteil ist der Fall. Also passt immer gut auf euch auf, Stichwort Fahrrad- und Motorradhelm und so.

Praktische Tipps aus der Forschung

Über unser Gehirn lernen Forscherinnen und Forscher übrigens ständig Neues. So hat eine brandaktuelle Studie zum Beispiel ergeben, dass sich Zeit im Freien positiv auf unsere Gehirnstruktur auswirkt.  Zu diesem Ergebnis ist eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gekommen. Besonders interessant dabei: Unsere Gehirnstruktur profitiert von Aufenthalten draußen, gilt unabhängig davon, ob wir in der Stadt oder im Grünen unterwegs sind.

Und noch ein praktischer Tipp für unser Gehirn lässt sich aus einer aktuellen Studie ableiten: Lernpausen sind gut fürs Gedächtnis. Das heißt: Wir können uns Dinge länger merken, wenn wir nicht nur auf Pauken, sondern auch auf Pausen achten. Also: Raus gehen und einfach mal kurz die Seele baumeln lassen – dann könnt ihr auf jeden Fall deutlich mehr als zehn Prozent eures Gehirns gut nutzen. True Story!

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 05. September 2021 | 17:45 Uhr

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