Notruf-Funktion im Smartphone: Gut gemeint statt gut gemacht?

Mittlerweile hat jedes neue Smartphone eine spezielle Notruf-Funktion. Mit der sollen unter anderem heimlich Notrufe abgesetzt werden können und der Standort mitgeschickt werden. Doch die Technik hat auch Macken.

Ein Rettungswagen der Feuerwehr fährt mit Blaulicht auf einer Straße
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Früher mussten man bei einem Notfall zum nächsten Telefon rennen, die 112 wählen und wurde dann in die Rettungsleitstelle durchgestellt. Eine andere Variante gab es nicht. Handys und vor allem Smartphones machen das wesentlich einfacher. Und die eingebauten Notruffunktionen versprechen, dass man selbst in den allerbrenzligsten Situationen mit einer Tastenkombination einen Notruf absetzen kann. Wenn es sein muss, sogar heimlich, ohne das Handy aus der Tasche zu nehmen.

Undurchdachte Funktionen

Doch ganz so einfach geht's dann doch nicht. Wenn du die Notfall-SOS-Funktion auf deinem Handy benutzt, wird nicht automatisch der Rettungsdienst geschickt. Das Handy ruft stattdessen für dich die Nummer der Rettungsdienste an. Das sei praktisch, wenn man die Notrufnummer nicht kenne, sagt Henning Schmidtpott von der Integrierten Leitstelle Freiburg. In Freiburg werden neue Technologien wie die Standortbestimmung beim Notruf maßgeblich vorangetrieben. Schmidtpott sieht die neuen Smartphone-Funktionen durchaus kritisch:

Es werden immer neue Notruffunktionen in die Smartphones eingebaut. Aber die Hersteller machen sich nicht immer Gedanken, wie die Daten in den Leitstellen abgerufen werden sollen.

Das Paradebeispiel sei Apples Notfallpass: Der soll, so die Idee, bei einem Notruf gleich mit an die Leitstelle übertragen werden. So sollen die Dispatcher auf einen Blick sehen können, ob der Anrufer zum Beispiel Diabetiker ist, möglicherweise im Unterzucker ist und deswegen "wirres Zeug" redet. Das Problem ist nur: In Deutschland kann keine einzige Leitstelle diese Daten bisher abrufen, sagt Schmidtpott.

Ein anderes Problem sei, dass die Notruffunktion immer wieder zu Fehlanrufen führe. Das lässt den vermeintlichen Vorteil, dass man auch heimlich einen Notruf absetzen kann schwinden. Denn für den Dispatcher in der Leitstelle höre sich ein versehentlicher Anruf aus der Hosentasche im Zweifel genauso an, wie ein heimlicher Notruf, sagt Henning Schmidtpott.

Standortbestimmung funktioniert gut

Gut funktioniert dagegen die Standortbestimmung der Anrufer mit einer Technologie namens AML. Deren Einführung in Deutschland hat Henning Schmidtpott mit vorangetrieben. Von bundesweit 240 Leitstellen können 190 bei einem Notruf Standortdaten abfragen. Sie werden immer geschickt, wenn ein Notruf abgesetzt wird, egal ob der via Notruf-SOS-Funktion oder klassisch über die Telefon-App. Und sie landen immer erstmal in der Leitstelle in Freiburg.

Wenn Sie beispielsweise in Leipzig sind und dort einen Notruf tätigen, dann werden sie direkt mit der Leitstelle dort verbunden. Aber ihr Standort wird zu uns nach Freiburg geschickt. Leipzig fragt aber gleichzeitig schon bei uns an, ob Standortdaten vorliegen und bekommt sie dann automatisch übermittelt.

erklärt Schmidtpott das System. Zu sehr darauf verlassen solle man sich aber nicht, sagt er weiter, denn immer funktioniert die Standortübermittlung auch nicht. Voraussetzung ist, dass das Handy mindestens Android 4 oder iOS 13.3 installiert hat. Außerdem muss es auf jeden Fall ein GPS-Signal haben und darf nicht in ein Fremdnetz eingewählt sein. Wenn das der Fall ist, erkennt man das an der Anzeige "Nur Notrufe möglich". Auch bei manchen virtuellen Netzanbietern funktioniert die Technologie noch nicht. Aber Henning Schmidtpott versucht auch die noch mit an Bord zu holen.

Ein Gespräch kann nichts ersetzen

Wer noch ein Tastenhandy oder ein altes Smartphone hat, der darf sich ebenfalls nicht auf die Standortermittlung via AML verlassen, denn dort funktioniert sie ebenfalls nicht. Immerhin wird in solchen Fällen zumindest die Funkzelle mit übermittelt, in der sich das Telefon befindet. So lässt sich der Standort sehr grob bestimmen.

Ein Gespräch mit dem Dispatcher am anderen Ende kann aber keine der Funktionen wirklich ersetzen. Und egal ob Standortbestimmung oder Notruf-SOS-Funktion, Henning Schmidtpott würde sich nicht nur auf sie verlassen:

Ich selber würde immer die 112 wählen, sofern es möglich ist.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 23. Juli 2020 | 15:10 Uhr

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