Rammstein
Bildrechte: Universal Music/Olaf Heine

Heftige Kritik an Rammsteins "Deutschland"-Video

29.03.2019 | 15:41 Uhr

Lange war es ruhig um die erfolgreiche Rockband. Jetzt kommt Rammstein mit einem wuchtigen und provokanten Video zur ersten Single "Deutschland" zurück, das für heftige Diskussionen sorgt. Die Bandmitglieder werden unter anderem als KZ-Häftlinge mit einem Galgenstrick um den Hals gezeigt. Damit habe die Band eine Grenze überschritten, sagen Kritiker.

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Seit Donnerstag steht das Video "Deutschland" von Rammstein im Netz. Die Single ist die erste Auskopplung aus dem neuen Album, das am 17. Mai veröffentlicht wird. In mehr als neun Minuten zieht die Rockband einmal quer durch Deutschlands Geschichte: Von den alten Germanen im düsteren Wald über Faustkämpfe um die Jahrhundertwende, über das Dritte Reich, RAF, eine feiernde DDR-Regierung bis hin zur Gegenwart. Wegen zahlreicher blutiger und Gewalt-Szenen zeigt YouTube das Video nur mit Altersbeschränkung.

Darf man mit dem Holocaust Promotion für Musik machen?

Im Video sind die Bandmitglieder in mehreren Szenen als Häftlinge vor dem Galgen mit Strick um den Hals zu sehen. Dabei tragen sie gestreifte Kleidung, auch gelbe Sterne sind zu sehen. Frontmann Till Lindemann singt dazu: "Übergeben, überraschen, überfallen, Deutschland, Deutschland, über allen!" Der Film zur Single zeigt allerdings auch, wie sich Häftlinge an ihren NS-Bewachern rächen. Trotzdem gibt es heftige Kritik an den Anspielungen auf den Holocaust und deutsche Konzentrationslager in dem Musikvideo. Die waren bereits im kurzen Trailer zum Video zu sehen. Auf das reagierte der Präsident des Zentralrats der Juden Josef Schuster und erklärte, es gebe zahlreiche Künstler, die sich würdevoll mit der Schoa (der Völkermord an den Juden) auseinandersetzen:

Wer den Holocaust jedoch zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch.

Emmanuel Nahshon, ein Sprecher des israelischen Außenministeriums, nannte das Video auf Twitter "beschämend". Man schließe sich denen an, die eine sofortige Löschung des Videos fordern.

Karl Freller (CSU), Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, lud Rammstein zu einem Besuch in die KZ-Gedenkstätte Dachau ein. Er sagte:

Das Leid und die Unmenschlichkeit des Holocaust verbieten sich für Werbezwecke oder Effekthascherei zur Bekanntmachung von Produkten ganz gleich welcher Art – in diesem Fall wohl ein neues Musikalbum.

Aus Sicht des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, ist gegen eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust prinzipiell nichts einzuwenden. Er sagte:

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein
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Wenn aber das Video nur zur Provokation und Verkaufsförderung erstellt wurde, um zu skandalisieren und Aufmerksamkeit zu erzeugen, dann wird damit eine rote Linie überschritten.

Das wäre eine geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit. Rammstein verharmlose die Schrecken des Holocaust, kritisierte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Von Fans gibt es viel Lob für das Video

In den sozialen Netzwerken gibt es dagegen von vielen Seiten Anerkennung für das Video, etwa von der Buzzfeed-Mitarbeiterin Verena Schnöbel:

In mehreren Kommentaren wird betont, dass Rammstein in ihrem aktuellen Video eben auch die Schattenseiten von Deutschland zeigen würden.

Häufig wird in den Reaktionen auch darauf hingewiesen, dass sich Rammstein in den vergangenen Jahren immer wieder deutlich gegen rechtes Gedankengut ausgesprochen hätten. MDR JUMP-Musikredakteur Felix Heklau:

Im Text wird Deutschland direkt angesprochen. Ich zitiere mal: Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen, Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben. Im Zusammenspiel mit dem Video bezieht sich die Aussage auf die deutsche Geschichte. Da geht’s um die Identitätskrise: Kann ich ein Land lieben, das so eine Vergangenheit hat?

Wer dann immer noch Fragezeichen zum politischen Standpunkt von Rammstein habe, der könne sich eins der wenigen Interviews durchlesen, die es von der Band bisher gebe. Frontmann Till Lindemann sagte dem Magazin "Rolling Stone" 2011:

Wir kommen aus dem Osten und sind als Sozialisten aufgewachsen. Wir waren früher entweder Punks oder Gruftis – wir hassen Nazis!

Aufwendiger Videodreh in der Zitadelle Spandau

Das mehr als neun Minuten lange und jetzt heftig umstrittene Video haben die Musiker um Frontmann Till Lindemann in der Zitadelle Spandau in Berlin gedreht. Das hat die Museumschefin der Zitadelle dem Tagesspiegel bestätigt:

Ich bekam die Anfrage im Urlaub, habe mich riesig gefreut und sofort zugesagt. Rammstein haben einen Tag und eine Nacht bei uns in der Zitadelle gedreht – mit Nebelmaschinen in der ‚Enthüllt‘-Ausstellung, mit Nahaufnahmen der großen Figuren, mit Lichtshow und Kerzen. Ein Fantasy-Mittelalter-Dreh fand bei uns in der Bastion Kronprinz statt.

Auf den Bildern des Facebook-Post ist auch der Name des Regisseurs zu sehen. Demnach ist Jonas Åkerlund für den Film verantwortlich. Er hat schon früher mit der Band zusammengearbeitet. Der Gitarrist der Band, Richard Kruspe, hat dem britischen Musikmagazin "Kerrang" noch erzählt:

Wir flogen nach Los Angeles und arbeiteten am Mix der Platte mit Rich Cosey, der schon für Muse und andere große Bands tätig war. Nach jetzigem Stand werden wir fünf Clips dazu herausbringen. Ich bin sehr glücklich mit dem Album, das eine oder andere daran könnte sich natürlich noch ändern.

Tournee schon lange fast komplett ausverkauft

Parallel zum Erscheinen ihres neuen Albums (17. Mai, noch ohne Titel) spielen Rammstein ab Mai 2019 die erste Stadiontournee ihrer Geschichte. Die startet am 27. Mai in Gelsenkirchen. MDR JUMP präsentiert beide Konzerte in Dresden im Rudolf-Harbig-Stadion (12. und 13. Juni), die genauso ausverkauft sind wie alle anderen Live-Shows in Deutschland. Laut der offiziellen Rammstein-Webseite gibt es Tickets nur noch für Moskau und Riga. Fans aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sollten sich noch einen anderen Termin vormerken: Rammstein-Keyboarder Christian "Flake" Lorenz kommt im Herbst für eine Lesung nach Weißenfels. Der 53-Jährige stellt am 28. September im Kulturhaus sein zweites Buch "Heute hat die Welt Geburtstag" vor, heißt es auf der Internetseite der Stadt.

Mit Material von dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 29. März 2019 | 19:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2019, 15:41 Uhr

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