Negativzinsen: Über hundert Banken kassieren inzwischen auch bei normalen Konten

Die Strafzinsen für Privatkunden waren bis vor einem Jahr die absolute Ausnahme. Inzwischen verlangen immer mehr Banken diese Entgelte auch bei Girokonten oder Tagesgeldkonten. Einige ab dem ersten Euro.

Eine Frau hebt an einem Bankautomaten Geld ab
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"Nur für wirklich hohe Summen", "Das bleibt die Ausnahme" oder "Können wir uns aktuell nicht vorstellen": Das hörten Kunden von ihren Banken und Sparkassen im letzten Jahr. Damals führten die ersten Finanzinstitute auch für private Konten Negativzinsen ein. Das heißt: Kunden müssen Zinsen an die Banken zahlen, früher war es anders herum. Inzwischen machen schon über hundert Banken mit. Bei ihnen werden also die Guthaben kleiner, die Kunden auf dem Girokonto oder auf dem Tagesgeldkonto liegen haben. Verbraucherschützer halten Negativzinsen für unzulässig und klagen dagegen vor Gericht.

Trend zu noch mehr Konten mit Negativzinsen

Seit September 2019 hat sich die Zahl der Banken verzehnfacht, die von ihren Kunden Negativzinsen verlangen. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Vergleichsportals Verivox. Das Portal hat sich dafür die Preisaushänge von rund 800 Banken angesehen. Ralph Wefer von Verivox sagte MDR JUMP:

Ralph Wefer Sive Evermann vom Vergleichsportal Verivox
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Letztes Jahr im September hat die Europäische Zentralbank nochmal den Einlagezins gesenkt. Die Banken zahlen seitdem 0,5 Prozent Zinsen, wenn sie Geld bei der Europäischen Zentralbank parken. Und diese 0,5 Prozent Zinsen verlangen viele Banken dann auch von ihren Kunden.

Laut Verivox berechnen inzwischen 127 Banken und Sparkassen Negativzinsen. Ein großer Teil der Finanzinstitute erlaubt dabei zwar vergleichsweise hohe Freibeträge: Nur wenn Privatkunden auf Girokonto und Tagesgeldkonto mehr als 100.000 Euro liegen haben, müssen sie dafür Zinsen zahlen. 28 Banken allerdings gewähren nur noch deutlich kleinere Freibeträge. Bei drei Banken werden die Strafzinsen sogar ab dem ersten Euro schon fällig, etwa bei der VR-Bank Westmünsterland, der Volksbank Hameln-Stadthagen oder der Steyler Bank. Damit sind die Negativzinsen auf Guthaben inzwischen auch bei den ganz normalen Sparern ohne großes Vermögen angekommen. Aus Sicht von Ralph Wefer werden in Zukunft noch deutlich mehr Finanzinstitute Negativzinsen verlangen:

Der Trend befeuert sich etwas. Wenn Kunden bei der Bank A Negativzinsen zahlen müssten, tragen sie ihr Geld zu Bank B. Die kann aber damit gar nichts anfangen.

Muss die Bank dann viel Geld bei der Europäischen Zentralbank parken, werden dafür hohe Kosten fällig. Die werden dann eventuell an Kunden weitergegeben.

Bisher müssen nur Neukunden zahlen

Wer bei seiner Bank oder Sparkasse bleibt und das Konto nicht wechselt, ist vergleichsweise sicher vor den Negativzinsen. Diese Entgelte dürfen Finanzinstitute nur für Neukunden einführen, sagt Ralph Wefer:

Es gibt eine gesetzliche Regelung und danach sind Bestandskunden geschützt. Der Zinssatz kann variieren, das ist erlaubt. Er darf aber nicht ohne Weiteres in den Negativbereich rutschen. Das müsste die Bank vorher mit dem Kunden individuell vereinbaren.

Einfach die Allgemeinen Geschäftsbedingungen ändern, die Zinsen unter Null senken und den Kunden per Mail oder Brief informieren: Das geht also nicht, sagt Andrea Heyer, Finanzexpertin von der Verbraucherzentrale Sachsen. Versuche die Bank doch so etwas, sollten Kunden sofort schriftlich widersprechen.

Andrea Heyer, Verbraucherzentrale Leipzig
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Wir sind der Auffassung: Wenn Negativzinsen eingeführt werden, ist das keine Kleinigkeit. Dann ändert sich grundsätzlich was am bestehenden Vertragsverhältnis. Das ist unseres Erachtens dann nicht mehr vom einseitigen Leistungsbestimmungsrecht mittels Allgemeiner Geschäftsbedingungen (AGB) erfasst.

Inzwischen würden sich bei den Verbraucherschützern zunehmend mehr Bankkunden beschweren, weil sie Negativzinsen zahlen sollen. Die Verbraucherzentrale Sachsen will daher erneut gerichtlich klären lassen, ob diese Entgelte überhaupt zulässig sind und hat gegen die Sparkasse Vogtland geklagt. Dazu wird Anfang Oktober in Leipzig verhandelt.

Negativzinsen durch die Hintertür

Eine Frau und ein Mann sitzen vor einem Laptop mit Smartphone und Kreditkarte.
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Laut Verivox versuchen einige Banken und Sparkassen trotzdem, ihre Kosten auch an Bestandskosten weiterzugeben. Dann werden etwa hohe Gebühren für das Tagesgeldkonto fällig, das üblicherweise kostenlos ist. Oder die Gebühren für Überweisungen vom Girokonto steigen kräftig. Solche Preisänderungen können die Banken auch ohne Zustimmung der Kunden durchsetzen. Ralph Wefer sagte:

Wir nennen das "faktische Negativzinsen" und haben es mal einem Beispiel durchgerechnet: Wenn jemand 2.000 Euro auf dem Girokonto hat und zahlt dafür pro Jahr 46 Euro Gebühren, dann entspricht das einer Negativrendite von 2,3 Prozent.

In so einem Fall helfe nur: Die Bank oder Sparkasse wechseln. Es gibt noch immer Banken, die keine Gebühren für das Girokonto verlangen. Manche Finanzinstitute geben sogar noch Zinsen auf das Tagesgeldkonto - bis maximal 0,25 Prozent.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 10. September 2020 | 15:40 Uhr

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