Mom Shaming: Tipps, die keine Frau braucht

Es ist verlockend. Da sieht man eine Mutter, die vielleicht ein Problem mit ihrem Kind hat - und denkt sich: Ich wüsste doch, wie sie das alles viel besser machen könnte. Doch das ist eine extrem blöde Idee. Deswegen sollte man besser die Klappe halten.

schwangere Frau
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Das Model Chrissy Teigen hat nicht weniger als 32,7 Millionen Follower auf Instagram. Die 34-Jährige Amerikanerin liefert ihnen immer wieder locker-leichte Einblicke in Job und Privatleben.

Doch die Schwarz-Weiß-Fotos, die Teigen und ihr Partner John Legend am 1. Oktober posteten, hatten nichts von der üblichen Fröhlichkeit. Sie zeigen das Paar im Kreißsaal eines Krankenhauses. Dort hatten sie gerade einen der wohl schlimmsten Momente ihres Lebens durchlitten: Der kleine Junge, mit dem Teigen im sechsten Monat schwanger war, kam tot zur Welt. Tochter Luna, 4, und Sohn Miles, 2, würden einstweilen kein Geschwisterkind bekommen. Jack, wie Teigen und Legend ihr Kind nennen wollten, lebte nicht mehr.

Im Netz bekam Teigen in den folgenden Tagen viel Unterstützung – aber sie musste sich auch Kritik anhören. Und was für welche: Warum man solche intimen Momente auf Instagram teile, wurde da gefragt. Was so etwas im Netz zu suchen habe. Andere wiederum kritisierten, Teigen wolle wohl um jeden Preis auffallen – und so weiter.

Irgendwer meckert immer herum

Die tragische Episode und die Reaktion darauf im Netz illustrieren exemplarisch ein Phänomen, das viele von uns kennen: Experten bezeichnen es mit dem englischen Begriff „Mom Shaming“ – und vereinfacht gesagt heißt das: Egal, was eine Mutter tut, im Umgang mit ihrem Kind, in der Erziehung, da gibt es immer irgendwen, der etwas daran auszusetzen hat. Nie kann sie es diesen Kritikern rechtmachen. Dazu kommt: Gerade frischgebackene Mütter sind oft besonders verletzlich. Sie machen solche Angriffe dann echt fertig.

“Früher gab es eine relativ einheitliche Norm, wie Mütter sich zu verhalten haben”, erklärt die Psychologin Hedda Rühle aus Berlin das Problem. Heutzutage sei die Gesellschaft sehr individualisiert. „Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten und Ideen, wie Kinder zu erziehen sind, und jeder identifiziert sich mit seinem eigenen Konzept.” Alles, was von der eigenen Vorstellung der 'richtigen” Erziehung abweiche, so Rühle, werde daher als falsch eingeschätzt. 

Ernste Folgen drohen

Oft machen sich sogar Mütter untereinander das Leben schwer. Weil man vermeintlich glaubt zu wissen, wie sich die jeweils andere zu verhalten hätte. Dabei braucht eigentlich niemand ungefragte Ratschläge, auch wenn sie tausend Mal gut gemeint sind.

„Mom Shaming“ kann ernste Folgen haben. Psychologin Rühle sagt, eine Vielzahl von psychosomatischen Störungen könne so ausgelöst werden, von Schlaflosigkeit über Verdauungsstörungen bis hin zur Depression.

Stefanie von Silbermond
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Das hängt jedoch davon ab, wie oft und massiv die jeweilige Mutter angegriffen wird, wie nah einem die Menschen stehen, die das tun, und wie verletzlich man selbst ist.

Man müsse vorsichtig sein „irgendwelche andere Leute für irgendwas vorzuverurteilen“, das hat auch Sängerin Stefanie Kloß von der Band Silbermond im Gespräch mit MDR JUMP klargestellt. Zusammen mit Silbermond-Gitarrist Thomas Stolle hat sie seit April 2018 einen Sohn. Aber nur weil man eigene Erfahrungen hat, sollte man deswegen nicht anderen reinreden.

Besserer Ansatz: „Wer bin ich denn, dass ich mir ein Urteil erlaube?“

Kloß führt zur Erklärung dafür das Beispiel einer Frau mit einem schreienden Kind im Kinderwagen an. Man kann einfach nicht wissen, was da los ist – und deswegen auch keine Ratschläge erteilen:

Wer bin ich denn, dass ich mir ein Urteil erlaube? Vielleicht gibt es eine Vorgeschichte. Vielleicht macht das Kind gerade das schon seit fünf Stunden und die Mutter hat jetzt einfach mal gesagt: ‚Jetzt ist mal gut. Und jetzt musst Du mal kurz drei Minuten aushalten, weil ich tausend Sachen in der Hand habe und Dich nicht tragen kann.

Aber vielleicht nochmal kurz zu Insta und Co.: Zu sehen, wie sich andere Eltern im Netz darstellen – das kann einem durchaus ein paar Problem machen. Auch das weiß Stefanie Kloß: „Mich hat das irgendwann richtig fertig gemacht. Ich hatte so dann mein Bild im Spiegel und dann hatte ich so das von denen. Und dann dachte ich so: Was mache ich falsch.“ Dabei war die Antwort eigentlich ganz einfach: „Niemand macht irgendwas falsch“, so Kloß. „Jeder Tag ist neu, die Herausforderung, die richtige Entscheidung zu treffen.“

Selbst Mutter zu sein, das verändert übrigens auch die Perspektive auf die eigenen Eltern. Stefanie Kloß sagt, dass sie seit dem erst so richtig einordnen kann, was ihre Mutter für sie und ihre größere Schwester gerade in den Jahren nach der Wende geleistet habe – in einer sehr turbulenten Zeit: „Die hat es einfach durchgehalten und hat uns da durchgebracht. Da weiß man das heute noch mal ganz anders zu schätzen.“

Also, das vielleicht als Tipp für uns alle: Statt irgendwelchen anderen Eltern ungefragt aufs Butterbrot zu schmieren, was die womöglich falsch gemacht haben, könnte man vielleicht lieber den eigenen Eltern all das mitteilen, was diese über die Jahre alles richtig gemacht haben. Mit einem einfachen Wort: Danke!

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