Die Leukämie-Patientin Melanie Bremberger trifft in einer Fernseh-Show "ihren" Spender und Lebensretter Niklas Fassbender.
Die Leukämie-Patientin Melanie Bremberger trifft in einer Fernseh-Show "ihren" Spender und Lebensretter Niklas Fassbender. Bildrechte: imago/Sven Simon

Stammzellspender retten Leben

05.02.2018 | 15:38

Eine Stammzellspende ist für Menschen mit Blutkrebs oft die letzte Chance. Immer wieder wird öffentlich um Spender geworben, weil Kranken nur die Stammzellen eines "genetischen Zwillings" helfen. Doch viele Menschen haben Hemmungen, sich als möglicher Spender registrieren zu lassen. Sie stellen sich die Spende als schmerzhaften Eingriff vor.

Die Leukämie-Patientin Melanie Bremberger trifft in einer Fernseh-Show "ihren" Spender und Lebensretter Niklas Fassbender.
Die Leukämie-Patientin Melanie Bremberger trifft in einer Fernseh-Show "ihren" Spender und Lebensretter Niklas Fassbender. Bildrechte: imago/Sven Simon

Ein Fingerhut voller Stammzellen reicht schon: Dann können Menschen mit Blutkrebs weiterleben. Doch die Patienten brauchen die Stammzellen einer ganz bestimmten Person, die fast die gleichen Gewebemerkmale wie sie hat. Die Chance, dass für Erkrankte ein Spender gefunden wird, reicht von eins zu 200.000 bis eins zu mehreren Millionen.

Chancen auf Treffer erhöhen

Darum ist es so wichtig, dass sich möglichst viele Menschen als möglicher Spender registrieren lassen. So steigt die Chance für Kranke, den richtigen Spender zu finden. Mit einer Spende können etwa die Hälfte der Empfänger geheilt werden. Darauf hat der Gründer der Deutschen Knochenmarkspenderdatei DKMS Gerhard Ehninger zum Weltkrebstag 2019 (4. Februar) hingewiesen.

Für alle, die sich eine spätere Stammzellspende vorstellen können, gibt es knapp 30 regionale Spenderdateien wie beispielsweise den Verein für Knochenmark- und Stammzellspenden e.V. (VKS) und zusätzlich die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Wer sich bei den Spenderdateien meldet, erhält ein kleines Paket mit einem Wattestäbchen, mit dem man selbst einen Abstrich der Wangenschleimhaut machen kann. Das Ganze geht dann wieder per Post zurück.

Im Rahmen einer Typisierungsaktion nimmt eine Ärztin in einer Schule von einem potentiellen Knochenmarkspender eine Blutprobe
Bildrechte: imago/Gustavo Alabiso

Zudem veranstalten Spenderdateien in regelmäßigen Abständen in vielen Städten und Gemeinden Typisierungsaktionen, auf denen sich Spender ein paar Milliliter Blut abnehmen lassen können. Kostenlos registrieren lassen kann sich jeder gesunde Mensch zwischen 17 und 55. Pierre aus der MDR JUMP-Redaktion hat bei so einer Typisierungsaktion mitgemacht:

Kurzer Pieks in den Arm, ein bisschen Blut in ein Röhrchen und dann wurde ich in die Datei aufgenommen. Inzwischen wird diese Typisierung aber in der Regel mit einem kleinen Wattestäbchen gemacht - kurz in den Mund rein, das wars. Da muss man keine Angst vorm Pieks mehr haben.

Spende mit nettem Nebeneffekt

Pierre Gehmlich
Pierre Gehmlich aus der MDR JUMP Redaktion hat selbst schon mal Stammzellen gespendet. Bildrechte: MDR JUMP

Im Labor werden dann die Blut- oder Speichelproben auf verschiedene Gewebemerkmale untersucht. Die Ergebnisse werden an das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland (ZKRD) in Ulm gemeldet und dort gespeichert. In Ulm können deutsche Kliniken anfragen, wenn einer ihrer Patienten wegen einer bösartigen Bluterkrankung auf Stammzellen angewiesen ist. "Dazu gehören nicht nur Fälle von leukämieähnlichen Erkrankungen, die man umgangssprachlich auch als Blutkrebs bezeichnet", erklärt Sonja Schlegel vom ZKRD. Auch bei einigen Stoffwechsel- oder Immunerkrankungen seien die Patienten auf Stammzellen angewiesen. Das ZKRD sucht dann nach einem Spender mit weitgehend identischen Gewebemerkmalen.

Pierre aus der MDR JUMP Redaktion meint, er kam sich dabei ein bisschen vor wie bei einem "Modelcontest".

Es gab mehrere mögliche Spender und dann wurde geschaut, welcher von denen am besten passt. Das war in dem Fall ich. Netter Nebeneffekt: Ich hab eine ganze Menge Gesundheitschecks bekommen, weil die natürlich sehen wollten, ob ich wirklich spenden kann.

In Pierres Fall war es eine Frau aus München, die die Stammzellenspende bekam.

Nur jeder Dritte wird später noch einmal angeschrieben

Ein Typisierungsset der DKMS enthält unter anderem zwei Tupfer zur Speichelentnahme und eine Anleitung
Bildrechte: imago/Jochen Tack

Rund ein Drittel aller registrierten Spender wird im Laufe der Jahre angeschrieben und um eine Nachuntersuchung gebeten. "Bei dieser sogenannten Feintypisierung wird mit Hilfe einer weiteren kleinen Blutprobe noch etwas genauer geprüft, ob die Stammzellen für einen erkrankten Menschen passen könnten", erklärt Karin Grahnert vom Verein für Knochenmark- und Stammzellspenden e.V. Diese Nachuntersuchungen kosten deutlich mehr als die Erstregistrierung und werden daher auf den kleineren Spenderkreis beschränkt.

Rückenmark wird gar nicht für Stammzellspende verwendet

In den meisten Fällen werden die Stammzellen aus dem Blut des Spenders gewonnen. Der Großteil der Spender bekommt dafür fünf Tage lang ein Medikament, das dem Körper eine Erkältung vorgaukelt. Um die vermeintlichen Krankheitserreger zu bekämpfen, wandern Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut. Im schlimmsten Fall hat man dann wie bei einer Grippe auch Kopf- und Gliederschmerzen und fühlt sich etwas schlapp. Sonja Schlege vom Zentralen Knochenmarkspender-Register Deutschland Ulm (ZKRD) sagte MDR JUMP:

Nur bei knapp jedem fünften Stammzell-Spender wird überhaupt Knochenmark entnommen. Dafür wird aber niemals das Rückenmark punktiert. Das ist ein Teil des Nervensystems und kann daher gar nicht transplantiert werden.

Stattdessen werden Stammzellen mit einer Spritze aus dem Beckenknochen entnommen. Davon bekommt der Spender aber nichts mit, weil das Ganze unter Vollnarkose geschieht.

Etwas länger als normale Blutspende

Bei den meisten Spenden werden die Stammzellen aus dem Blut gewonnen. Das erinnert etwas an einer längere Blutspende. Dafür wird das Blut per Kanüle aus einer Armvene entnommen und in einem speziellen Apparat, dem Zellseparator, herausgefiltert. Anschließend wird es dem Spender über die Vene des anderen Arms zurückgegeben. Ob Stammzellen aus dem Knochenmark angefordert werden oder ob die verlängerte Blutspende reicht, entscheidet der Arzt des kranken Empfängers. Die Entscheidung des Arztes hängt unter anderem davon ab, wie alt die erkrankte Person ist und in welcher körperlichen Verfassung sie ist. Einige Studien scheinen darauf hinzudeuten, dass Stammzellen aus dem Knochenmark eines Spenders besser anwachsen als aus dem Blut entnommene. Für Spender habe das Ganze keine negativen Folgen, sagt Maren Friedrich vom VKS: "Die entnommenen Stammzellen wachsen innerhalb von zwei Wochen wieder nach."

Anonym spenden

Für wen man einen winzigen Teil seines Körpers hergibt, erfährt man erst einmal nicht. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass der Spender bereits ein zu emotionales Verhältnis zum Empfänger der Stammzellen aufbaut. Denn das muss ehrlicherweise erwähnt werden: Nicht immer hat die Spende Erfolg. Es hängt unter anderem vom Gesundheitszustand und der Krankheit des Empfängers ab, ob die Stammzellen anwachsen und die für die Immunabwehr wichtigen Blutkörperchen bilden.

Grafische Darstellung von Stammzellen
Bildrechte: imago/Science Photo Library

Vermittler der Stammzellen wie die VKS sprechen von Erfolgschancen um die 60 Prozent. Sonja Schlegel vom ZKRD will sich nicht so genau festlegen: "Die Erfolgschancen hängen immer davon ab, wie es dem Patienten geht, wie alt er ist und welche Krankheit er hat." Das ist aber auch Fakt: Ohne Spende würde ein großer Teil der Menschen sterben, die auf Stammzellen hoffen müssen. Nach drei Monaten darf man anfragen, ob die Spende Erfolg hatte. Und wenn beide Seiten es wünschen, kann man nach zwei Jahren den Menschen kennen lernen, dem man mit den Stammzellen das Leben gerettet hat.

Pierre und die Frau aus München sind miteinander in Kontakt getreten.

Wir haben uns ein paar Mal geschrieben. Sie hat sich sehr gefreut, dass sie die Spende bekommen hat und jetzt mit ihrem Mann weiter durch die Welt reisen kann. Ich fand das sehr berührend.

Der MDR JUMP-Redakteur wird nach seiner Spende vor genau zehn Jahren weiter betreut. Die VKS Dresden erfragt regelmäßig, ob er gesund ist und ob die Spende irgendwelche Folgen für ihn hatte.

Krankenkassen zahlen den größten Teil

Für die meisten Kosten kommt die Krankenkasse des Patienten auf, der die Stammzellenspende braucht. Dazu gehören etwa die Voruntersuchungen des potentiellen Spenders, seine Anreise, ein Ausgleich für den Verdienstausfall sowie der Check der Stammzellen auf HIV und Hepatitis. Der erste Schritt, die Typisierung, dagegen wird von den Kassen nicht übernommen. Dafür müssen die Spenderdateien aufkommen. Sie sind darum auch auf Geldspenden angewiesen. Daher ist also möglich, dass im Rahmen von Typisierungsaktionen auch um Spenden gebeten wird.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 16. Februar 2019 | 10:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2019, 15:38 Uhr

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